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Das Kreuz mit den Segeln



Anmerkung des Verfassers: Vor der Lektüre des nachfolgenden Aufsatzes sei ausdrücklich gewarnt. Er ist ungewöhnlich lang. Dies ist nahezu ausschließlich darauf zurückzuführen, dass die zugrundeliegenden Ereignisse sich über zermürbende 23 Monate kostbarer Lebenszeit eines Endsechzigers hinziehen. Hinzu kommt, das sei verschämt zugegeben, dass er, der Verfasser, nicht in der Lage ist, sich prägnant kurz zu fassen.


07.12.2021 | © pt

Mitunter ist der Weg zur neuen Beseglung mit einigen Stolpersteinen gepflastert



Den folgenden Bericht bin ich mir noch schuldig – seit sicher einem Jahr, wenn ich es richtig überschlage.

Die Überschrift nennt die Sache schon beim Namen: Es geht um Segel, Segel für unsere alte Kohinoor-Dame. Die Geschichte dazu versprach ich schon in einem meiner Sommerfilme aus dem letzten Jahr (2020) und auch im Frühjahr '19 hab' ich mich kurz im Zusammenhang mit dem Bau eines elektrischen Kickers ausgelassen zu der geplanten Segelanschaffung.

So fließt die Zeit ins Land und nichts passiert. Lautstark schimpfen über unbelehrbare und vor allen Dingen sträflich zögerliche Politiker aber geht (vgl. u.a. hier und hier). Gut sogar! Wir sind doch alle gleich. Und ich besonders. Mehr jetzt nicht dazu.

SY Kohinoor
Kohinoor noch mit alten Segeln in Nakskow...


SY Kohinoor
...und hier irgendwo auf See



Tja, da versuche ich mich mal zu erinnern, wie das alles so war; also wir haben dieses Boot und wir haben Segel daran, eines vorne und eines mittig, irgendwo hinten endend. Das Vordere ließ ich knapp vor Ende des letzten Jahrhunderts neu machen, nennen wir es ab hier Genua. Eine tolle Genua übrigens war das – sie machte das Schiff pfeilschnell. Das von der Mitte nach hinten zeigende, Menschen vom Fach sagen Großsegel, obwohl, ich werde das nie verstehen, es viel kleiner ist als die Genua, kaufte ich gemeinsam mit dem Boot, so um 1995 herum. Schon damals machte dieses Großsegel keinen brandneuen Eindruck, tat aber, was es sollte, es trug nämlich stolz und weithin sichtbar in schickem Blau die Segelnummer „G 1312“.


Nicht immer ist alles harmonisch


Eben dieses Großsegel ist Auslöser für den vorliegenden kleinen, weitgehend untechnischen Aufsatz. Es wurde, anders als manch alternde Männer, nicht schöner mit den Jahren und viel wichtiger, war häufig Auslöser heftigster Schimpfkanonaden der Frau Cornelia, die sich ausschließlich gegen meine Person richteten.

Ich zitiere sinngemäß: „Warum hältst du Pfeifenkopf dich nicht einmal an das, was wir abgesprochen haben? Wie kannst du Vollpfosten es bei meterhoher See wagen, wieder unangeleint auf dem Vorschiff rumzuturnen? In deinem Alter und unsportlich wie du nun mal bist!“

Solche und hier nicht wiederholbare Einlassungen kamen immer, wenn ich bei nicht völligem „Glattwasser“ das Segel setzte, barg oder den Niederholer nachjustierte. Alles Arbeiten, die auf der Kohinoor direkt am Mast zu erledigen waren.

Es kam also zu kleinen Differenzen, wie sie unter Eheleuten hin und wieder vorkommen können, aber nicht notwendig zur Beendigung der Partnerschaft führen müssen. Im Umgang zwischen Vorgesetzten und Untergebenen aber sind sie unziemlich. Und wir, Frau Cornelia und ich, der Steuermann, das ist mir wichtig mitzuteilen, leben in einer schwierigen Doppelbeziehung, zumindest auf dem Wasser. Sie ist die Admiralin – ich der Steuermann. Das ist klar und von mir unbestritten.

Nun bin ich aber, was ich in meiner Position als Steuermann nicht sein dürfte, hochsensibel und war aufgrund der häufigen Beschimpfungen hin und wieder beleidigt. Nein, eigentlich sogar schwer beleidigt.

So manches Mal führten die weiter oben erwähnten Zurechtweisungen sogar zu Srachlosigkeit meinerseits, es wurde für Tage still im ansonsten überwiegend harmonischen Verhältnis zwischen Frau Cornelia und mir. War ich mir doch nicht im Geringsten irgendeines Fehlverhaltens bewusst.

Soweit, so schlecht. Denn merke, dauerhaft ist Sprachlosigkeit keine gute Idee auf einer längeren Reise von Hafen zu Hafen, Absprachen können nicht mehr getroffen werden, das Wohin und Wann ist nicht zu klären, außer über kleine Zettel, die schnell zu großen Altpapierbergen mutieren können. Außerdem, und auch das ist ein gravierender Nachteil, kann nicht mehr gemeinsam über „ander Leut“ gelästert werden.

Also, wir sind ja trotz allem vernünftige Menschen, setzten wir uns nach einigen Jahren zusammen und überlegten, wie unsere Differenzen aus dem Weg zu räumen seien.

Ein neues Segel könne die Situation entspannen, arbeiteten wir völlig ohne therapeutische Hilfestellung heraus. Eines, dass sich von der Plicht aus bedienen ließe, ein Rollgroß, das sei die Lösung all unserer zwischenmenschlichen Probleme.

Meinen Einwand, ein Rollgroß zöge deutlich schlechter als ein konventionelles Segel, so hätte ich gehört, ließ ich des Friedens wegen sehr schnell fallen und wurde seitens der Admiralität damit beauftragt, mich zu kümmern und eine zufriedenstellende Rollgroß-Lösung zum Beginn der neuen Saison herbeizuführen.

Das war, ich schwöre, im späten Jahr 2018.

Nun ist mir bekannt, dass große Vorhaben mitunter Zeit benötigen. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur beispielhaft die Elbphilharmonie in Hamburg, den Flughafen in Berlin und einen im Bau befindlichen Bahnhof in Stuttgart erwähnen. In Planung befindliche Eisenbahnlinien zum Anschluss an einen längst in der Schweiz fertiggestellten Eisenbahntunnel und tausende Windmühlen, die auf Errichtung warten, lasse ich außen vor.

Also, eine Realisierung der übertragenen gigantischen Aufgabe innerhalb von knapp sechs Monaten wäre im Vergleich ein gewaltiges Husarenstück, ich wollte es trotzdem angehen, beweisen, dass es geht, unbedingt. Schon um den Verantwortlichen der eben aufgezählten Projekte zu zeigen, wie man es macht, wie man im Terminplan bleibt. Verfahrenshinweise für zukünftige Großprojekte würde ich im Nachgang selbstverständlich kostenneutral zur Verfügung stellen, wenn ich dann, wovon ich ausging, erfolgreich wäre.

Ich holte mir sachkundigen Rat, formulierte unsere Wünsche und bekam unterschiedliche Lösungen präsentiert. Wenige nur, die meinen Vorstellungen nahe kamen. Wenn ich mich recht erinnere, waren es genau zwei.

Natürlich, unsere Vorstellungen zu beschreiben, das hab ich bis hierhin unterschlagen. Darum seien sie an dieser Stelle nachgeschoben: Also, wir wollten ein Großsegel, das wir aus der Plicht heraus fahren konnten, aber und das ist wichtig, was wir nicht wollten, waren irgendwelche zusätzlichen Leinen auf unserer Terrasse (Plicht), sie ist ohnehin vergleichsweise klein und immer reichlich mit allerlei Plunder, ich zähl ihn hier nicht auf, der Frau Cornelia gefüllt. Also kam nur ein automatisch ein- und ausrollbares Segel infrage, hydraulisch, elektrisch oder wie auch immer angetrieben. Auch zur Einstellung des Niederholers wollte ich keine in die Plicht umgelenkte Leine.

Jo, mehr war nicht, da bin ich sicher, insgesamt nichts Großes also.

Einer der beiden von mir goutierten Ideengeber gab schnell auf, er könne zum von mir gewünschten Termin keinesfalls liefern, drei zusätzliche Monate, also einen Liefertermin so um Ende des Sommers herum, müsse ich schon einkalkulieren. Der zweite ließ überraschend wissen, dass er keinerlei Probleme in der Ausführung sähe, nach Auftragserteilung innerhalb von 30 Tagen liefern könne und gerne rauskäme, um das notwendige Aufmaß zur Angebotsabgabe zu machen.

Das angekündigte Aufmaß erfolgte überraschend fix, das Angebot erreichte mich wenige Tage später per elektrischer Post. Ich schickte die empfangene Datei an meinen Drucker und hatte unmittelbar nach diesem Kunstgriff einen richtigen und umfangreichen Brief mit vielen Positionen in der Hand.

Mir war klar gewesen, dass ein neuer Mast mit allem Drum und Dran zur Erfüllung meiner Wünsche erforderlich war und natürlich auch im Angebot zu Buche schlagen würde. Damit, dass die geforderte Summe für die gesamte Leistung so nah an einem höchstprofitablen Straßenraub angesiedelt sein würde, nein, damit hatte ich nicht gerechnet.

Aber, wir erinnern uns: Hier ging es nicht um schnöden Mammon, hier ging es um viel mehr, nämlich um nachhaltigen Ehefrieden auf dem Wasser. So schluckte ich nur mehrfach heftig und überlegte, ob es nicht ratsamer gewesen wäre, ein paar Jahrzehnte länger gegen ordentliche Bezahlung der Wirtschaft zur Verfügung zu stehen.

Aber gut, das war erheblich zu spät, niemand hätte mich mehr gewollt und Zeit zum Segeln wäre auch kaum geblieben, ich verfügte da über Erfahrung. Also rief ich beim Mastenbauer und wahrscheinlich zukünftigen Millionär an und vereinbarte einen Besuch zur Klärung letzter Details. Ich sage es jetzt gleich, der Besuch entwickelte sich unerfreulich.


Abschied vom Rollgroß


Dies ginge nun doch nicht und das müsse man anders als von mir gewünscht ausführen, hieß es. Zwei Leinen, das bitte hätte ich zu akzeptieren, würden doch und anders als versprochen, in die Plicht geführt. Ich bedankte mich herzlich dafür, dass diese aufklärenden Sätze noch vor Lieferung des Systems ausgesprochen wurden, ließ aber auch wissen, dass ich es als noch angenehmer empfunden hätte, wenn das soeben Erfahrene schon aus dem Angebot hervorgegangen wäre.

Mir blieb nur, wieder in die Heimat zu fahren, ohne einen Auftrag hinterlassen zu haben. Pech gleichermaßen für Auftragnehmer und Auftraggeber war das, wie ich resümierte. Ich konnte keinerlei Erfolge vorweisen und mit dem Geldsegen für meinen Mastenbauer war es auch Essig. Besonders blöd in meinen Augen: Es war beinahe Weihnachten und ich stand Frau Cornelia gegenüber im Wort. Ach, ach ach!

Also dachte ich angestrengt nach auf der Heimreise und entwickelte tatsächlich Ideen. Ein durchgelattetes Großsegel hätte doch was, würde auch viel mehr Vortrieb bringen. Wenn man das, müsste doch eigentlich gehen, mit einer umlaufenden Fall versehen würde und die Fall auf eine elektrische Winsch am Mast legte, ja dann, ja dann müsste man das Ding doch aus der Plicht setzten können – und wieder wegnehmen. Logisch! Müsste funktionieren – muss man nur machen. Und den Niederholer? Jo, den kann man doch auch elektrisch machen. Iss doch kein Hexenwerk, oder?

Und geldlich? Kann nur drastisch billiger sein. Kein neuer Mast, nur Segel und die paar Elektroteile. Sicher, ein Maindrop müsste auch her, so ein Ding wo das Segel sauber reinfallen kann. Dann brauchte ich nicht mehr nach vorne und es hätte sich ausgeschimpft, liebe Frau Cornelia. Meine Laune wurde besser, deutlich. Und wenn ich an den stacheligen Igel in meiner Tasche dachte: Der würde hochzufrieden sein, vorübergehend vielleicht sogar die Stacheln einklappen.

Ich stieg zufrieden aus, aus meinem Wägelchen und war bester Laune. Was für ein prima Tag war das gewesen.

Am nächsten Morgen wählte ich eine niederländische Telefonnummer. Ich kenn' da wen. Der macht in Segeln. Unter Anderem. Und von dem Anderen, da hatte ich schon einiges bei ihm machen lassen und war nie wirklich unzufrieden gewesen.

Müsste gehen, sagte der Mann, er kriegte das hin und was den Preis angehe, da sei er sicher, das er den Auftrag bekäme. Nur mit der Winsch und dem Niederholer, ich hatte genau erklärt was ich wollte, das bitte sei mein Part an der Geschichte, da müsse ich mich kümmern. Für mich war das okay – hatte wenig vor im Winter.

Der Preis passte tatsächlich in die Welt. Obwohl ich neben durchgelattetem Groß, dem Maindrop, also der Segeltasche, auch noch eine neue Genua angefragt hatte.

Kann ja nicht schaden, so nach zwanzig Jahren, hatte ich mir gedacht. Dann hast du noch einmal was komplett Neues auf deine alten Tage, hatte ich weiter überlegt und war zufrieden mit mir.

Mein schicker alter Audi brachte mich nach Friesland in den Niederlanden, gemeinsam mit Frau Cornelia und den alten Segeln. Noch vor Weihnachten! Rattenkalt war es, es regnete vor sich hin, manchmal fielen ein paar Flocken.

Bei Licht betrachtet hatte ich wieder mal aus einer Niederlage einen Sieg gemacht und so was von in der Zeit. Perfekt! Und würde riesige Mengen wertvollen Geldes sparen auch noch! Das waren so meine Gedanken während der Fahrt. Ich war hochzufrieden – schon weil Frau Cornelia deutlich sehen konnte, dass es voranging.

In Lemmer angekommen wurde Kaffee getrunken, geklönt und die Details geklärt, besonders den Liefertermin betreffend. Der war mir hochwichtig. Ansonsten ging es um Technisches, fünf Rollwagen in das Groß wie besprochen, Unterliek wird offen gefahren, Segelnummer drauf; na klar in Blau, die Genua etwas größer als das Muster; ist mal abgeschnitten worden weil Achterliek verschlissen, Windfähnchen; auf jeden Fall 3 Reihen, Maindrop im gleichen blau wie die Sprayhood und so weiter.

„Anfang Mai ist alles fertig“, versicherte der alte de Vries, er ist ein netter Kerl.


Neue Pläne werden realisiert


Wir reisten zurück in die Heimat. Direkt im neuen Jahr machte ich mich ans Werk. Baute zuerst den neuen Kicker. Es machte richtig Freude als er sich nach nicht zu langer Zeit bewegte, zukünftig könnte ich meinen Baum in jede gewünschte Lage bringen, einfach so elektrisch, auf Knopfdruck. Watten Spaß!

SY Kohinoor Zeichnung Kicker
Der Weg zum Kicker führt über bedrucktes Papier


SY Kohinoor elektrischer Kicker
Und dann liegt er silbrig glänzend eloxiert vor mir


SY Kohinoor montierter Kicker
Der montierte und funktionsfähige Kicker


SY Kohinoor PKW-Seilwinde
Die Großsegelwinsch auf Basis einer PKW-Winde mit neuer Trommel


SY Kohinoor Trommel für Seilwinde
Die neue Winschtrommel


SY Kohinoor Test Elektrowinsch
Großfallwinsch ohne Verkleidung für erste Versuche montiert. Die Umlenkrolle unten am Mast ist die Spanneinheit für das Fall.


SY Kohinoor montierte Elektrowinsch
Die fertig verkleidete Winsch


SY Kohinoor Zugfall am Kopfbrett
Das abgehende Ende der Fall wird unten am Kopfbrett angeschlagen, der hochziehende Part konventionell oben


SY Kohinoor Segel bergen
Vor dem Hafen fällt das Groß ins Maindrop




Nun war die elektrische Winsch dran: Als Basis diente eine kräftige Seilwinde aus dem Autozubehörbereich. Die wäre ein wenig zu modifizieren und optisch sicher etwas schiffiger zu machen.

Wesentlich weniger Aufwand als vermutet, stellte ich mit Genugtuung fest, als die beiden von mir bestellten Seilwinden vor mir lagen. Zwei Winden deshalb, weil ich gerne redundant kaufe, erstens weil ich viel kaputtmache und zweitens hab ich gern für alles ein Ersatzteil dabei. Nicht zuletzt deshalb zeigt die Kohinoor, wenn sie am Haken hängt, ein Gewicht von satten 13,5 Tonnen an.

Im April ging unser altes Mädel wieder ins Wasser, der Winterschlaf in der Halle war vorbei, der Mast wurde gesetzt und ich machte mich mit Freude an die Montage meiner Basteleien. Der Kicker/Niederholer funktionierte von Beginn an ohne Tadel. Zudem sah er nach meiner Einschätzung zwar wuchtig, aber gleichzeitig auch gut aus und hatte tatsächlich eine gewisse Eleganz. Kurz: Er stand der Kohinoor gut zu Gesichte.

Die Winsch verlangte mir noch einiges ab, mit der Spannvorrichtung für das Fall lief es nicht so, wie ich erträumt hatte, die Fall rutschte, wenn sie das Segel spannen musste, gerne durch. Das war großer Käse, so hatte ich das nicht gewollt. Nach beharrlichem Versuchen, einiges an verschütteter Restintelligenz in meinem Hirn aufzurufen, konnte ich auch in diesem Punkt Erfolg melden.

Anfang April machten wir uns auf nach Lemmer. Es sei beinahe alles fertig, lautete die Antwort auf meine fragende Email an den Segelmacher, wir könnten uns in aller Ruhe auf den Weg machen. Wir taten das und zuckelten über beschauliche friesische Kanäle Richtung Ijsselmeer. Vier Tage ließen wir uns Zeit, Hektik war nicht nötig. In Lemmer angekommen, wartete eine echte Überraschung auf uns.


Neue Segel kommen an Bord


Ich könne zufrieden sein, teilte man uns mit, das Großsegel sei beinahe fertig, auch das Maindrop sei in Arbeit, man arbeite mit Hochdruck daran. Nur mit der Genua, da sei man in Verzug, leider. Man könne nichts dafür, ich müsse bitte Verständnis haben, es sei unglaublich viel zu tun.

Ich hatte kein Verständnis und erklärte genau das dem Chef in einer ruhigen Ecke seines Betriebes. Und tatsächlich, er verstand meine Argumente, wie zum Beispiel das, dass man erstens recht genau vier Monate Zeit gehabt habe und zweitens einen Termin zur Fertigstellung der Segel, und zwar beider Segel, für Anfang Mai zugesagt hatte. Außerdem und auch das hielte ich für relevant, habe er auf meine Email geantwortet, ja, ich könne kommen um die Segel zu übernehmen.

Wir einigten uns auf drei Tage, die sie noch bekommen würden. Wie es sei, fragte der säumige Segelmacher zum Abschluss, ob wir morgen gemeinsam essen gehen wollten, zu gerne würde er Frau Cornelia und mich einladen auf einen gemütlichen Abend. Wir sagten zu.

Am Folgemorgen nicht zu früh, das war sowohl Frau Cornelia als auch mir wichtig, wurden Großsegel und Maindrop montiert, man hatte am Abend vorher noch lange gearbeitet in der Segelwerkstatt. Wir hatten das mit großem Interesse sehen können, von unserem Liegeplatz vor der Werkstatt. Ich durfte nun zwei schöne Basteltage genießen und konnte mich ausführlich mit meinem neuen Schatz aus weißem Tuch beschäftigen.

Es lief natürlich nicht, wie ich es viele Nächte lang erträumt hatte. Das Segel fiel beileibe nicht so schön ins Maindrop wie ich es gesehen hatte im Schlaf und es hakte auch sonst hier und da beim Bergen. Ich ersetzte die modernen Kunststoff-Rutscherverbindungen am Segeltuch, die zwar bei der Produktion eines Segels erhebliche Zeitvorteile bieten, ansonsten aber großer Mist sind, durch liebevolle Tauwerksknotenkunstwerke und gönnte der Rutscherschiene am Mast ein wenig Vaseline.

SY Kohinoor Segel bergen
Hier ist die geänderte Befestigung des Segels an den Rutschern zu sehen. Das Segel legt sich durch die Tauverbindung deutlich besser als mit modernen Kunststoffklammern, die keinen 90° Kippwinkel zulassen. Das Rutscherprofil am Mast wird leicht mit Vaseline gefettet. Achtung: Beim Abschlagen des Segels nicht vergessen die Rutscher gründlich zu putzen!



Danach lief das Ganze wie geschmiert, was wohl überwiegend daran lag, dass Vaseline grandiose reibungsreduzierende Eigenschaften hat. In Momenten wie diesem erinnere ich gern an Rainer Günzler vom WDR. Der sagte in seinen Autotestreportagen der Siebziger Jahre gern und so häufig, dass selbst ich mich erinnern kann, den bedeutenden Satz: „Wer gut schmiert, der gut fährt!“ Eine Weisheit nach meiner Meinung, die sich locker auf's gesamte menschliche Leben übertragen lässt und berechtigt Fragen zur Korrumpierbarkeit und zum Anstand unserer Spezies aufwirft.

Exakt wie besprochen wurde unser Vorsegel fertiggestellt und angeschlagen. Es sah anständig aus und lies sich problemlos rollen, etwas besser sogar als die alte Genua. Der Tag endete mit einem weiteren Essen in Bouwe-Gerds Gesellschaft. Es wurde auch Alkohol gereicht – für mich die ersten Tropfen nach vielen Wochen. Ein gemütlicher Abend war's. Für den kommenden Vormittag stand die Abreise aus Lemmer an.

Wir bekamen erfreulich angenehmes Wetter spendiert an unserem Reisemorgen und konnten, nachdem wir den Vrouwezand passiert hatten und nach Norden einschwenkten, unsere neuen Tücher ausprobieren. Es stand ein passabler Nordwest um vier Beaufort, das Groß kroch wie von Geisterhand bewegt am Mast nach oben. Die Genua folgte und alles machte einen ordentlichen Eindruck. Wir liefen recht hoch am Wind, nach meinem Eindruck mit zufriedenstellendem Tempo. Etwas schneller wäre vielleicht schöner gewesen, aber ich würde mich ja erst mal an die neuen Lappen gewöhnen müssen, den optimalen Trimm herausfinden. Also alles gut. Nicht so gut war, dass seitens der Admiralität folgendes verfügt wurde:

„Ja, wir gehen in Kornwerderzand raus, dann allerdings in Harlingen wieder rein und durch die Kanäle nach Hause.“

Ich hatte das anders erhofft, die Wettervorhersage war günstig und draußen auf See hätten wir einen längeren und besseren Eindruck unserer neuen Beseglung bekommen können. Aber es war wie es war und Frau Cornelia muss unbedingt zugute gehalten werden, dass sie immer sehr auf die Schonung des Materials setzt. Schon deshalb wäre mir nicht in den Sinn gekommen zu murren. Also nix mit Vlieland und Borkum, naja unsere Sommerostseereise stand ja unmittelbar bevor. Wir würden also in Kürze genügend testen können.


SY Kohinoor Segel bergen
Das sieht gar nicht schlecht aus mit den neuen Segeln auf dem Weg nach Kornwerderzand


Anfang Juni ging es los, die erwähnten jährlichen Ostseemonate standen an. Die Tour von Weener aus durch die Nordsee machte ich mit Jörg und Wim. Vor Norderney verreckte uns die Maschine bei völliger und anhaltender Flaute, wir quälten uns in ermüdender Schleichfahrt nach Hooksiel, an die von mir erhofften Segeltests war nicht zu denken. Drei zermürbende Wochen lagen wir dort, waren mit Reparaturen und Besichtigungen der näheren und ferneren Umgebung befasst. An anderer Stelle berichte ich über diese „Hooksieler Wochen“. Nachdem alles gerichtet war, die Maschine wieder eingebaut und sauber angeschlossen, machten Frau Cornelia und ich den Rest des Weges nach Cuxhaven. Wieder zehn Stunden unter Motor, Wind war nicht im Vorrat. Uns war das egal – nur weiter wollten wir - Richtung Ostsee und zwar schnell.

In Laboe trafen wir uns mit Kumpel Ralf und gingen zusammen nach Fehmarn, er mit seiner Familie auf einem modernen Mietschiff von 36 Fuß sitzend.

Was schön, zum ersten Mal ein richtiger Segeltag, eine Teststrecke von runden 35 Meilen. Ich war bester Laune. Wenn wir bislang gemeinsam segelten, der Ralf und ich, hatte ich ihm immer einiges an Strecke abgenommen. So würde es heute wieder sein, man muss mir glauben, ich bin keiner von diesen verrückten Regattatypen – aber schneller als andere zu sein, bringt schon ein gerüttelt Maß an Freude. Und nun, mit den neuen Segeln, würde ich mich kaum anzustrengen brauchen. Ein Heimspiel also, im übertragenen Sinne.


Schwierigkeiten


Pustekuchen, von Beginn an zog der Bursche von mir weg. Nicht mit Riesenschritten, aber stetig. Okay, sagte ich mir, du musst die neuen Lappen erst kennenlernen, gleich kriegst du ihn.

Ich zerrte hier und zupfte dort, fuhr das Unterliek des Großsegels loser, änderte den Holepunkt der Genua, ich fuhr die Segel offener und dann dichter, ich machte Dinge, die völliger Blödsinn sind und änderte alles wieder zurück. Mir fehlte gefühlt ein Knoten Fahrt für diesen Wind, obwohl die Segel und insbesondere die Genua ein gutes Bild machten. Nur ordentlich ziehen tat das Tuch nicht.

Watten Scheiß!

Eine gute halbe Stunde verloren wir auf der Strecke nach Fehmarn und dort angekommen, hatte ich das äußerst zweifelhafte Vergnügen in ein grinsendes Ralfgesicht zu schauen, ob wir denn die Pütz oder vielleicht sogar etwas größeres hinter uns hergeschleppt hätten, fragte er mit breitem Mund.

Lachen konnte ich darüber nicht! Es war was es war, einfach ein unverschämt schlechter Witz.

Wir zogen, nun wieder allein, weiter nach Osten. Ich probierte ständig, mal dies, mal das, dachte nach. Fand keine Lösung, obwohl, vielleicht hatte die neue Genua zu wenig Bauch, war zu flach geschnitten. Aber die hatten die alten Segel doch dagehabt zum Vermessen in Holland. Und machten ja auch nicht zum ersten Mal Segel.


SY Kohinoor Goßsegel
Elektrisch angetrieben gleitet des Groß am Mast entlang nach oben



Dann hatte ich den Kaffee auf, rief meinen Bruder an in der Heimat. Ob er so nett sein würde, die alte Genua zu verpacken und nach Stralsund zu senden. Er war so nett. Drei Tage später hatten wir das Paket an unserem Liegeplatz im Querkanal.

Wir zogen weiter nach Osten, nach Polen – und siehe da: das Schiff lief wieder. Die alte Genua, die, die ich immer so geliebt hatte, brachte das alte Tempo zurück. Geschwindigkeit hatte die Kohinoor immer über die Genua gemacht, weniger über das Groß.

Wir fuhren nicht mehr ausschließlich hinterher, ich konnte wieder lächeln.

Ich schrieb eine nicht in jedem Punkt freundliche Mail an den Segelmacher. Richtete mich auf einen längeren Krieg ein. Weil ich ja nichts wirklich Lobendes mitzuteilen hatte, sondern im Gegenteil auf einen Mangel aufmerksam machen musste. Wir hatten nämlich damals um Weihnachten herum vereinbart, der Segelmacher und ich, dass die neuen Segel mindestens das Geschwindigkeitspotential der alten haben müssten. Da sähe er nun überhaupt kein Problem, hatte der Chef der Segelschneiderei gesagt, schließlich konstruierten und nähten sie seit 175 Jahren erfolgreich Tücher, die zum Segeln dienten. In dem Punkt könne ich mich voll und ganz auf ihn verlassen.

Am gleichen Nachmittag klingelte mein Telefon, Bouwe-Gerd war dran. Hm, sagte er, verstehen könne er das nicht, er habe keine Erklärung, aber natürlich, glauben würde er mir unbedingt. Und wenn ich sagen würde, dass das Segel nicht zöge, würde er selbstredend ein neues fertigen. Das sei Ehrensache und versprochen. Wie es denn mit dem Großsegel sei, ob ich damit zufrieden wäre?

Puh, so wenig kriegerisch hatte ich mir die Sache nicht vorgestellt, ja das Groß sei in Ordnung und was die Handhabung betreffe, deutlich besser als das alte, die Defizite der neuen Genua aber könne es bei weitem nicht ausgleichen. Ich sei nicht völlig sicher, würde aber inzwischen glauben, dass das Segel zu flach geschnitten sei. Nur Fachmann sei ich nicht, ich könne lediglich das Ergebnis beurteilen und das eben sei nicht so dolle.

Im Winter würde er eine neue Genua für mich schneidern, das sei Ehrensache. Für die nächste Saison ganz gewiss, könne ich mit dem neuen Segel planen. Ich solle bitte nur so freundlich sein und ihm im Herbst beide Segel, meine alte und die bemängelte Genua, zukommen zu lassen.

So verblieben Bouwe-Gerd und ich. Und wir, Frau Cornelia und ich machten unseren Urlaub in der Ostsee zuende. Und waren trotz Dreckssegel zufrieden.

Jesus Christus, das nimmt ja gar kein Ende hier, ich muss da etwas straffen! Also, Schluss mit dem Geschwafel! Der Rest in Stichpunkten:

Im späten Herbst (2019) fuhr ich die Segel von Weener aus nach Lemmer. Im folgenden März (2020) Anruf dort: Ist das Segel fertig? Antwort nein, wir arbeiten dran. Frage, wann? Antwort, wir melden uns - bald.

Erneuter Anruf Anfang April: Wie sieht es aus, wir wollen bald los. Antwort: Oh, oh, wir haben so viel zu tun. Entschuldigung, wir tun unser Bestes.

Ende April heißt es: Wir sind noch nicht so weit, wir brauchen noch ne Weile. Mit dieser Auskunft bin ich nicht restlos zufrieden, der letzte an diesem Punkt meines kleinen Aufsatzes noch verbliebene Leser wird das nachvollziehen können und die Leserin sowieso. Für mich sei das Thema jetzt erledigt, sage ich. Ich brauchte ihr Segel nicht mehr und meine alte Genua möge man mir bitte unmittelbar zusenden.

Jawohl, lautet die Antwort, das wolle man tun und selbstverständlich bekäme ich das neue Segel, versprochen sei versprochen.

Die Versandbestätigung für das alte Segel erhalte ich per Mail: Lieferung durch Hermes, den Götterboten. Der aber muss irgendwo falsch abgebogen sein, weder Paket noch Segel erreichen den Adressaten, der inzwischen kocht vor Wut. Alle Nachforschungen bleiben erfolglos, ein dickes, fettes Paket mit unwiederbringlicher Ware ist wie vom Erdboden verschwunden. Und Hermes interessiert das einen Dreck.

Okay, so ist das manchmal im Leben. Also Anruf in Lemmer: Ich komme morgen Mittag und hole die reklamierte Drecksgenua ab, irgendein Segel muss ich ja haben.

Ankomme in Lemmer, das Segel liegt bereit, daneben steht pikiert dreinschauend der Chef des Unternehmens. Den nehme ich mir heftig zur Brust und erkläre ihm in einfachen, aber sehr drastischen Worten, wie wenig zufrieden ich mit seiner Organisation und Zuverlässigkeit bin.


Nur noch wenige Monate bis zur finalen Genua


Dann packe ich mir den Segelsack auf die Schulter und will zum Auto. Nein, nein heißt es, wir gingen jetzt zum Segeldesigner und würden das neue Segel konstruieren. Und wenn es fertig sei, das Segel, würde er, der Chef, es hinbringen, wo immer ich dann auch sei.

Nach allem Erlebten könne ich mir kaum vorstellen, dass ein heute gezeichnetes Segel jemals fertiggestellt würde, sage ich, denke aber, auf die halbe Stunde kommt es nun auch nicht mehr an, sage dann allerdings auch noch, dass die Segelkonstruktion nicht zu meinen Kernkompetenzen zähle und doch nicht ohne Grund ein so vermeintlich teurer Mitarbeiter angestellt sei im Unternehmen. Trotzdem sitzen wir bald darauf zu dritt im Konstruktionsbüro und man versucht mir alle Konstruktionsschritte nahe zu bringen.

Als fixer Liefertermin wird der 31. Juli diesen Jahres vereinbart. Irgendwo in der Ostsee.

Mitte Juli klingelt mein Telefon:

„BG hier, Peter, du glaubst nicht was passiert ist. Gestern kam dein altes Vorsegel hier wieder an. Der Empfänger wäre nicht zu ermitteln gewesen, stand auf dem Paket. Diese Pfeifenköppe! Ach und noch etwas: Deine Genua ist fertig. Wohin soll ich sie bringen?“

Ich riefe zurück, sagte ich und konferierte mit Frau Cornelia. Ein Urlaubsabschluss im Ijsselmeer wäre doch vielleicht auch nicht schlecht, schlug ich vor. Wir seien schon so lange nicht mehr auf dem Ijsselmeer gefahren.


SY Kohinoor hoch am Wind
Die neue neue Genua steht gut und zieht


SY Kohinoor Großsegel
Das Großsegel steht deutlich besser als unser altes Tuch



So wollten wir es machen und lagen Anfang August vor Bouwes Firma, schlugen die Genua an, packten natürlich auch mein altes Segel auf's Deck und machten noch einige schöne Wochen Holland. Mit einer Unterbrechung: Zwei kleine Fehler mussten an unserem schicken Segel noch beseitigt werden, dazu kehrten wir noch einmal zurück nach Lemmer. Ein Klacks nur, der schnell erledigt war.

Eines noch zum Schluss: Die neue neue Genua zieht wie die alte, das Großsegel ist topp. Es sind keine schlechten Leute dort in Lemmer, vielleicht ein wenig verpeilt.




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