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Kurze Wochen 21


27.08.2021 | © pt

Reise '21, Teil 7


Vom Dieselbunkern, kurzfristigem Brillenverlust, geduldigem Warten und Kritik an der Firma Aldi

11. August - 25. August




11. - 13. August 2021

Adieu Harburg. Die Dinge hier sind erledigt. Es waren angenehm ruhige Familientage, nun hängen wir wie immer Hamburg an. Entweder erst Hamburg und dann Harburg oder umgekehrt. So as every year. Wir sind Gewohnheitstiere und Familie schafft Bande. In Hamburg wohnt Sohn Philip seit einigen Jahren.

Wir lassen es ruhig angehen mit gemütlichem Frühstück und allem drum und dran. Die übliche Öffnung der Kattwykbrücke um 14:00 Uhr wollen wir haben. Gegen halb zwölf schlendere ich rüber zum Vereinsgebäude, um das Liegegeld abzugeben, und mich zu bedanken für die freundliche Aufnahme. Frau Cornelia habe ich im Weggehen gebeten, eben die Brücke anzurufen, um zu fragen, ob es tatsächlich heute reguläre Öffnungszeiten hat. So war es angekündigt - zumindest haben wir die Veröffentlichungen der Hamburger Hafenbetriebsgesellschaft so interprettiert.

Drinnen im Clubhaus sitzen Karl-Heinz, der Hafenmeister und eine wirklich nette Dame, ich kenne sie von vergangenen Besuchen. Sie studieren die Tageszeitung. Wir kommen ins Klönen. Das Wetter, unsere Tour, der Familienbesuch und natürlich die Kattwykbrücke sind die Themen.

Oh, oh, lässt Karl Heinz sich ein, mit der Brücke, das sei ein Fiasko, auch sie wüßten nie, geht sie auf oder nicht - und wann. Unbedingt sollten wir vorher anrufen. Auf keinen Fall auf die veröffentlichen Öffnungszeiten vertrauen.

Okay, dann war ja meine Idee mit dem Anruf durch Frau Cornelia nicht so schlecht. Wir verabschieden uns bis zum nächsten Jahr und ich marschiere zurück zur Kohinoor.

Frau Cornelia kommt mir eiligen Schrittes entgegen:

"Du, die machen um halb eins auf. Und dann erst wieder gegen fünf."

Es ist beinahe zwölf. Jetzt heißt es: Dampfende Hufe! Die Schleuse anrufen: Können wir durch? Wir brauchen die Brücke um halb eins, unbedingt.

"Kommt man ran, ich mach das Tor auf", so der Schleusenmeister.

Kühlwasserventil auf, die Maschine an, die Leinen weg und los. Zur Schleuse sind es kleine drei Minuten, Tor steht offen, nix wie rein.

Wir kriegen nur die Vorleine fest, an den Poller für die Achterleine komm ich nicht, ist halt keine Schleuse für Sportboote, die Schleuse Harburg. Egal, wird schon gehen, da halt ich das Schiff eben mit der Maschine auf Position.

Qäulend langsam ändert sich der Wasserstand, endlich geht schleichend langsam das Tor zur Elbe auf. Es ist zehn nach zwölf. Den Hebel auf den Tisch, sieben Knoten schafft der Kahn, etwas mehr sogar und runter zur Brücke. Eigentlich muss sie reichen, die Zeit. Und tatsächlich - wir schaffen es, noch ist die Brücke unten. Ich rufe an auf Kanal 13, ca. 17 Metern seien wir hoch, gern würden wir elbabwärts passieren.

"Jo, siebzehn Meter. Hab ich verstanden", kommt es zurück. Gemeinsam mit einem weiteren Segler, er hatte nur 14 Meter Höhe gemeldet, ruft er mir rüber, warten wir nur zwei Minuten, dann gleitet die gewaltige Hubbrücke behäbig in die Höhe.

Gute zwei Meter mehr Durchfahrtshöhe hat der Brückenwart uns zugestanden. Das sehen wir, den Kopf in den Nacken legend, beim Passieren dieses imposanten Brückenbauwerks aus 1973. Die Kattwykbrücke ist die größte ihrer Art in Deutschland.

Geschafft, denke ich, als ich den Kopf wieder runternehme, wir können unseren Essenstermin wahrnehmen, heute Abend. Wir sind mit Janina und Philip im "Vincenzo" in der altehrwürdigen Deichstrasse verabredet.

So eine Brückenpassage ist immer eine spannende Sache. Obwohl man genau weiß, dass es passt, sagt der Bauch: Es geht nicht, es wird nicht reichen. Eine Frage der Perspektive ist das. Sie spielt uns da Streiche, die Perspektive vom Steuerrad aus.

Köhlbrandbrücke
Köhlbrandbrücke

Fischmarkthallen
Fischmarkthallen

Die weiteren paar Meilen führen unter der für mich elegant schönen Köhlbrandbrücke hindurch, dann mündet die Süderelbe in den Hauptelbstrom, die Norderelbe. Wir wenden uns nach Steuerbord, schwenken in die Norderelbe ein. Linker Hand am anderen Ufer liegen die alten Fischmarkthallen, rechts kommen bald die gigantischen Schwimmdocks von Blom + Voss in Sicht, der Blick auf die Elbphilharmonie wird freigegeben, für mich eine Pein für die Augen, ein architektonisches Verbrechen. Und mag die Akkustik im Gebäude noch so gut sein.

Elbphilharmonie
die Elbphilharmonie

Und dann landen wir im City-Sportboothafen, beinahe zu Füßen der Elphi. Die zentralste Liegemöglichkeit in Hamburg ist der kleine Hafen, unmittelbar in der Nähe die Landungsbrücken, das Portugieser-Viertel und die U-Bahn-Station Baumwall. Besser geht es nicht. Allerdings rumpelig ist es hier, es schwellt bis in den späten Abend hinein. Dafür sorgen die vielen Rundfahrtbarkassen und die zuhauf verkehrenden Wasserbusse. Mit ihren PS-starken Motoren bahnen sie sich den Weg durch den Hafen und eilen Menschen ausspuckend und einsammelnd von Haltestelle zu Haltestelle.

City Sportboothafen
City-Sportboothafen

Vorausschauend hab' ich uns vorgestern telefonisch angemeldet, im Sommer ist es gern voll im Hafen. Hafenmeister Rainer Timm sieht uns natürlich kommen und nimmt wie selbstverständlich unsere Leinen an. Das macht er eigentlich immer, ein Paradebeispiel von einem Hafenmeister ist er - hilfsbereit, höflich und immer zur Stelle und ansprechbar.

Wir sind recht früh, bevor wir essen gehen, will ich eben noch antworten auf eine Mail des Verkaufsleiters des norddeutschen Bootzubehörversandunternehmens, ihr werdet euch erinnern, das sind die mit dem nicht ausschließlich einwandfreien neuen Fahrrad von Frau Cornelia.

Die Mail erreichte mich am 09.08. als Antwort auf ein Schreiben von mir mit Fristsetzung. Fristsetzung deshalb, weil ich den Kaffee total aufhatte mit den Leuten, die sich seit Wochen partout nicht rührten.

Mein nicht ausschließlich liebevolles Schreiben richtete ich an die werten Damen und die werten Herren des Hauses, zählte grob auf, wie häufig ich schon versucht hatte via Mail und telefonisch Kontakt aufzunehmen, bis auf einen Fall vergeblich, beschrieb ein weiteres Mal die Mängel und bat nett, aber doch energisch darum, nun endlich tätig zu werden. Trotz allem verblieb ich freundlich grüßend.

Die mich etliche Tage später erreichende Mail des Herren aus der Verkaufsleitung will ich auch kurz skizzieren:

Beginnend entschuldigt sich Herr W. ausdrücklich für die Verzögerungen, begründet sie mit dem Urlaub des eigentlichen Sachbearbeiters und der Klärung der Mängel mit dem Hersteller der Räder in China.

Die von mir geschilderten Probleme seien zu recht reklamiert. er wolle vorschlagen, das Rad zurückzuholen, instandzusetzen und dann in einen beliebigen Hafen zu senden. Selbstverständlich würden alle Kosten übernommen, das sei Ehrensache.

In einem Punkt allerdings könne er im Moment noch keine Hoffnung machen. Für das ungünstig montierte Schloss habe man noch keine Lösung erarbeitet. Ich könne aber versichert sein - man arbeite mit Hochdruck an einer Lösung.

Ich war nicht völlig versöhnt von diesem Brief, zumal vor vielen Wochen dezidiert anderes besprochen war, und antworte mit schon knurrendem Magen - wir wollen ja gleich zum Essen, in etwa wie folgt:

Zunächst danke ich Herrn W. für die zwar verspätete, aber immerhin erhaltene Mail, lamentiere danach ein wenig zum Thema Kundenzufriedenheit, wie man sie herstellen oder auch dauerhaft verlieren kann, lobe allerdings auch, dass er sich jetzt persönlich einschaltet und lasse ihn wissen, das im wesentlichen alles schon lange besprochen ist mit seinem Mitarbeiter Herrn H., auch die Sache mit dem Schloss, es lediglich an der Einlösung der zugesagten Versprechen mangele.

Sollten die aber nun ihre Gültigkeit verloren haben, so könne das Rad gern von Ihnen abgeholt werden, nun allerdings, da inzwischen so viel Zeit verflossen sei, erst nach Abschluss unserer Reise im September. Natürlich grüße ich wieder freundlich.

Abschließen möchte ich diesen längeren und sicherlich für die meisten Menschen langweiligen Ausflug in die Emailwelt mit dem Hinweis darauf, dass bis heute (25.08.) keine wahrnehmbare Reaktion durch Herrn W. erfolgte.

Für sieben Uhr sind wir, wie vorhin schon erzählt, verabredet in der Deichstraße, kurz vorher steht Kind Annika am Schiff, kurzfristig hatte sie Bescheid gesagt, dass sie auch mitkommen wolle.

Wir drei schlendern gemütlich rüber zum "Vincenzo" und treffen Janina und Philip vor dem Lokal stehend an. Wir haben einen urgemütlichen Abend an unserem von Frau Cornelia reservierten Tisch und essen ausgesprochen lecker. Auch der Espresso ist wie immer gut bei unserem Hamburger Italiener.

Straßenmusik
Straßenmusik auf der Elbpromenade am späten Abend

Auf dem Rückweg zum Schiff erleben wir auf der Elbpromenade noch ein tolles Stück Straßenmusik. Zwei junge Leute, Gitarre und Baß spielen herrlich schöne Musik der sechziger und siebziger Jahre. Ein Genuß! Wir bleiben gemeinsam mit vielen anderen Zuhörern bis zum viel zu frühen Ende der wundervoll stimmungsvollen Darbietung.

Binnenalster
Binnenalster

Ui, ui ui, für heute ist die Innenstadt befohlen - zu Fuß. Für mich eine echte Herausforderung. Zum Ende hin wird Frau Cornelias Handyschrittzähler 13.994 Schritte nachweisen, eine gigantische Leistung, nicht für den Schrittzähler, er braucht nur eins und eins zusammenzuzählen, nein, für mich! Wir arbeiten uns zur Binnenalster vor, durchstreifen verschiedene Quartiere, besichtigen zum Glück nur wenige Geschäfte intensiv, dürfen irgendwann auch kaffetrinkend pausieren und landen genau so wieder im Hafen, dass ich noch ein wenig ausruhen kann.

Hamburger Rathaus
das Rathaus

Dann lassen wir im Lokal "Heimathafen" ein Taxi rufen. Nur von dort aus bestellt, hätten wir eine Aussicht auf einen Wagen, hatte der Hafenmeister gesagt. Wir sind zum Abendbrot bei Philip und Janina in ihrer vor einem Jahr bezogenen Wohnung verabredet. Bislang haben wir das neue Zuhause noch nicht besichtigen können. Im Wesentlichen ist das eine Coronafolge und ein ganz klein wenig auch Trägheit unsererseits.

Eine schicke Wohnung mit großer Dachterrasse haben die Beiden geschossen - und für Hamburger Verhältnisse bezahlbar. An mir hat der Tag mit seinen beinahe 14.000 Schritten genagt, gegen zehn verabschieden wir uns.

Als wir wach werden, ist schon Bewegung im Hafen, täten wir Milch in unseren Kaffee, gerührt zu werden brauchte das Gebräu nicht. Heute geht es nicht in die Stadt, Frau Cornelia will unter anderem den alten Elbtunnel machen, sie interessiere einfach, wie es dort aussähe, sagt sie. Mein Einwand, viel gäbe es dort nicht zu sehen, bestenfalls ein langes weißes Rohr, verhallt. Vor vielen vielen Jahren bin ich noch mit dem Auto durch, heute geht das nicht mehr. Aber durchlaufen kann man ihn noch. Oder mit dem Rad durchfahren.

Jo, wenns dann sein soll machen wir das. Natürlich, gerne!

Elbtunnel Eingangshalle
Eingang zum Elbtunnel an den Landungsbrücken

Das historische aus zwei Röhren bestehende Gebäude führt von den Landungsbrücken rüber nach Steinwerder. Es ist exakt 426,5 Meter lang, zum Zeitpunkt seiner Eröffnung im Jahre 1911 war der Tunnel eine technische Sensation, seit 2003 steht er unter Denkmalschutz. Rein und raus geht es nicht über Zufahrtsrampen, sondern über Treppen und Aufzüge. Die Aufzüge transportierten bis 2018 auch Autos, kleine LKW's und in langsameren Zeiten Pferdefuhrwerke und -droschken. Die Benutzung der Elbeunterquerung zu Fuß und mit dem Rad war schon immer kostenfrei, für Autos, Fuhrwerke und geführte Tiere wurde eine Gebühr erhoben.

Elbtunnel
die linke Röhre

Wir marschieren zum imposanten Tunneleingangsgebäude aus Tuffstein mit seiner markanten Kupferkuppel. Es ist verdammt warm heute. In den Tunnel hinab befördert uns einer der Personenaufzüge. Unten angekommen hat das Schwitzen jäh ein Ende, es ist gefühlt bitterkalt. Der Tunnel ist komplett gefliest, eleganter als manches Badezimmer. In gleichmäßigen Abständen finden sich Ornamente mit maritiemen Abbildungen, für einen Zweckbau hat man zu Beginn des vorigen Jahrhunderts erheblichen Aufwand getrieben.

Unter der Erde herrscht von Peter Tschentscher verordnete Maskenpflicht. Ich bin nicht ganz sicher, ob das wirklich nottut, bei den enormen Menschemassen, die hier unten in die eine und andere Richtung streben, vielleicht aber doch keine so schlechte Idee. Obwohl, wäre ich selbst eine Vire, mir wäre es deutlich zu kalt hier unten.

In Steinwerder befördert der Aufzug uns zurück in die Welt und damit in die überirdische Hitze. Ich nestele meine Maske aus dem Gesicht und werde kurze Zeit später von hinten angerufen:

"Hallo, hallo, Sie da! Ihre Brille! Die Kinder hier haben sie gefunden; sahen, wie sie Ihnen runterfiel."

Ich hatte nichts gemerkt, unwiederbringlich wäre das Ding wohl weggewesen. Herzlich Danke ihr Kinder!

"Siehste wieder mal", rüffelt Frau Cornelia, "ich sag's Dir immer wieder - lass das Brillenband nicht vorne baumeln - leg es um den Hals, so wie es sich gehört!"

Sie hat recht. Ich bin so dumm! Und vielleicht geheilt jetzt, wo ich viele hundert Euro eingespart habe. Noch einmal ein Danke an die braven Finder. Und hätte ich fix und richtig reagiert, hätte ich den Kindern mindestens ein Eis spendiert. Schade, ich hab' es nicht getan.

Das Tunnelgebäude hier in Steinwerder ist wesentlich weniger imposant, wie das auf der anderen Seite, es wurde im Weltkrieg II zum größten Teil zerstört. Wir werfen noch einen langen Blick auf die andere, uns besser vertraute Elbseite und fahren wieder ein in den Elbtunnel. Das Brillenband liegt im Nacken.

Zurück zum Schiff geht es längs der Landungsbrücken, wir kehren in einem der vielen Cafés ein, gönnen uns Kuchen und Kaffee. Haben wir auch verdient. Überall hier werden lautstark Hafenrundfahrten beworben, Frau Cornelia ist angefixt, "wir könnten doch, wenn Du noch kannst", sagt sie so laut, dass ich es trotz massiver Hörprobleme mitkriegen muss. Ich kann, wir machen eine Rundfahrt. Im Preis inkludiert ist ein kurzes Stück verschlickter Speicherstadt bei Ebbe.

Speicherstadt
historische Speicherstadt

Cap San Diego
die Cap-San-Diego

Zum Abendessen setzen wir uns in den "Heimathafen", in das Lokal, in dem man uns so nett mit der Taxenbestellung geholfen hat. Ganz liebe Servicekraft dort. Hat Spaß gemacht. Das Essen ist reichlich und auch ordentlich. Allerdings ist es infernalisch laut dort direkt am Baumwall. Vielleicht wird das besser, wenn die Autos abgeschafft sind, besonders die richtig lauten Protzkisten, die manch Vollpfosten mit größtmöglicher Unverschämtheit vorführt.


14. August 2021

Weiter in Richtung Heimat. Wir machen um kurz nach zehn die Leinen los und laufen Richtung Glückstadt. Es ist ziemlich genau eine Stunde nach Hochwasser Hamburg, bis Glückstadt kommen wir leicht, auch Brunsbüttel wäre eben zu schaffen, weiter aber kommt es ein Schiff unserer Größe nicht mit ablaufender Tide. Die eine Stunde Differenz resultiert daraus, dass das Wasser an der Elbe auch über den Hochwasserzeitpunkt weiter nach oben strömt. Warum das so ist, weiß vermutlich der Himmel und einige richtig schlaue Leute, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass es so ist.

Ab Wedel haben wir bei ordentlichem Westwind eine schnelle Fahrt. Läuft richtig gut. Um 14:30 machen wir bei viel Wind an einem netten Kollegen mit Heimathafen Brunsbüttel in Glückstadt fest. Das Drehen im engen hinteren Hafenbecken war bei dem heftigen West nicht ohne. Die Crew einer kleinen Yacht in unserem Drehradius freute sich schon über eine mindestens neue Lackierung ihres Bootes. Zum Glück vergeblich. Es hat eben jutjejangen.

Die Wetteraussichten für die nächsten Tage sind mehr als miserabel - Westwind, starker Westwind, Regen.

Trotzdem, morgen geht es nach Cuxhaven. Dort werden wir warten auf Wetter.


15. - 19. August 2021

Es ist mistig, kaum Sicht und Nieselregen. 45 Minuten nach Hochwasser Glückstadt nehmen wir die Leinen vom Nachbarn und verabschieden uns, es ist exakt 09:25 Uhr. Es dauert nicht allzulange, dann klart es auf - die Sicht wird deutlich besser. Das AKW Brokdorf bleibt rechts liegen, kurz später folgt Brunsbüttel, auch mit, zum Glück ehemaligem, AKW.

Wir wechseln die Flusseite, laufen den Rest des Weges am linken Ufer, passieren die Ostemündung, vor Jahren besuchten wir den kleinen Fluss für zwei, drei Tage, laufen an Otterndorf vorbei und sind kurz später in Cuxi. Unser Ziel ist der Yachthafen der Seglervereinigung. Von dort kommt man am Besten und zu jeder Zeit weiter. Empfehlenswert ist auch die "City-Marina-Cuxhaven", es ist dort ruhiger, beschaulicher und etwas teurer. Nachteil ist die zu passierende Brücke, sie öffnet nur im Stundentakt und nachts gar nicht.

Im Hafen geht es zu allererst zur Selbstbedienungs-Bunkerstation, meine Phobie hinsichtlich teilentleerter Tanks wurde bereits beschrieben. Wir tanken 90 Liter, ich will schon jetzt beichten, am Tage unserer Weiterfahrt werden wir noch 18 Liter nachfüllen, der durchschnittliche Verbrauch von errechneten 2,72 Litern pro Stunde erschien mir zu gering. Die Tanks konnten unmöglich voll sein. Wie recht ich doch hatte, ganze 18 Liter fehlten - mein Gefühl hatte mich nicht getrogen.

SY Kohinoor
Kohinoor mit Päckchenlieger im rappelvollen Yachthafen

"Nehmen wir an, wir liefen die gesamte Strecke unter Maschine nach Weener, wieviel wäre noch im Tank, wenn wir nicht nachgetankt hätten?", fragt Frau Cornelia mit leiser Stimme.

Ich überschlage kurz: "130 Liter etwa, vielleicht etwas weniger, aber richtig ganz genau wissen tut man es ja nie."

Die Frau, mit der ich seit mehreren Jahrzehnten verheiratet bin, schüttelt den Kopf.

"Aha", ist alles, was sie von sich gibt.

Ich rechne ihr das an. Positiv. Manchmal schimpft sie auch mit mir. Wegen anderer Dinge. Nicht immer zu recht.

Also, wir haben getankt und finden um halb zwei einen anständigen Liegeplatz im recht vollen Hafen. Direkt neben drei Männern, die mit ihrem Boot, einer älteren Dehler, zum Ijsselmeer wollen. Im ersten Schritt aber nur bis Norderney. Vor dem Wochenende aber würde das wohl nichts, mit Glück am Samstag. Dreckswetter eben, resümieren sie.

Heute ist Sonntag, Mariä Himmelfahrt zudem.

Wenn man ins Wetter schaut, muss man sagen: Es stimmt wohl, was die Männer sagen - und gänzlich neu ist es nicht für uns. Die Aussichten für die Woche sind denkbar trübe.

Cuxhaven
Stadtbesuch

Zum Hafenmeister laufen wir noch, ob unserer Liegeplatz wirklich frei ist, ist nicht völlig klar. Das Datum auf dem "Frei-Schild" ist verwischt vom Regen. Kein Problem sei das, wir könnten liegen auf dem Platz, der Eigner sei noch länger unterwegs, sagt der Hafenmeister. Er ist neu, hat den Job vor kurzem erst übernommen und macht einen eindeutig angenehmen Eindruck.

Buchen tun wir für's erste für zwei Tage, nachbuchen könnten wir jederzeit, sagt der Hafenmeister. Im übrigen sei er sicher, wir kämen wieder, hätten wir doch eben erzählt, es solle für uns nach Westen weitergehen. Das würde in den nächsten Tage nichts, aus seiner Sicht.

Nach dem Hafenbürobesuch wollen wir uns ein Eis gönnen, wir wandern die zum Glück kurze Strecke zur "Alten Liebe", es gibt dort eine anständige Eisdiele und das Wetter ist durchaus noch angenehm. Vor den Eisgenuß schlendern wir noch ein wenig. Plötzlich bleibt Frau Cornelia stehen, zupft an meinem Ärmel:

"Schau da rüber! Das ist doch Lena. Nein das sind Anna, Lena, Laura und Britta. Guck! Ich glaub' es nicht."

Und tatsächlich, an der Kaimauer stehen völlig unerwartet vier Nichten. Sie sehen uns auch. Die Verblüffung ist vollkommen. Auf beiden Seiten. Niemand hat von niemandem gewußt. Unglaublich so etwas. Irgendwie wie ein Sechser im Lotto.

Sie machen hier eine Woche gemeinsam Ferien, eine Schwesternwoche, erzählen sie. Recht kurzfristig hätte sich der Termin ergeben. Unser Eis essen wir gemeinsam. Danach wandern wir sechs zurück zum Schiff. Zwei der Mädels haben keinerlei Vorstellung vom Leben auf so einem Boot.

Ob wir denn nachts in ein Hotel gingen, oder auf dem Steg schliefen?

Spätestens diese Fragen haben unsere Einladung auf die Kohinoor ausgelöst. Wir essen gemeinsam Pizzen und Griechisches. Die Mädels schaffen das Essen herbei, sie haben ein Auto dabei. Gute zwei Stunden sitzen wir essend und klönend in der Plicht, die beiden ahnungslosen Mädels glauben inzwischen, dass man auch übernachten kann auf so einem Boot. Toll, sagen sie, das könnten sie sich auch vorstellen.

Der folgende Tag wird schon ruppig, Fallen schlagen an Masten, Verstagungen pfeifen, der Wind brüllt zunehmend.

Watt bei Cuxhaven
mal Regen, mal keiner - aber immer Wind

Ich erspare mir und dem geneigten Publikum die detailierte Schilderung der folgenden Tage. Nur soviel noch: Wir lösen zweimal nach, müssen uns anders als geglaubt, verlegen, der Platzinhaber kehrt unerwartet zurück. Der neue Liegeplatz ist deutlich kommoder, wir liegen jetzt mit der Nase im Wind, haben einen der vier besten Plätze im ganzen Hafen erwischt.

Außerdem gibt es kurzen Kaffeebesuch von Karin und Heiko, sie sind auf der Durchreise mit ihrem Wohnmobil. Wir freuen uns, sie zu sehen, den ganzen bisherigen Sommer hatte es nicht geklappt mit einem Treffen.

Hus o'pn Diek
sehr gutes Essen hier

Wir gehen Essen, soweit es das Wetter erlaubt, unter anderem im "Hus op'n Diek", sehr empfehlenswert, das Lokal im Yachthafen lassen wir links liegen (vgl. Teil 1 dieses Berichts) und machen kleine Radausflüge mit und gegen den Wind.

Das Lotsenviertel wird besucht und natürlich auch das echte Zentrum Cuxhavens. Den Weg dorthin führt Frau Cornelia mich mit schlafwandlerischer Sicherheit. Insgesamt betrachtet ergeht es mir hier schlechter als in Hamburgs Zentrum. Sicher auch des Wetters wegen, aber deutlich nicht nur, zieht es Frau Cornelia in Geschäfte. Schuhe, Damenoberbekleidung und Accessoires, gleich welcher Art, scheinen ihr Interesse geweckt zu haben. Was konkret sie brauche, frage ich, ob irgendetwas verschlissen sei, kaputt eventuell sogar.

"Nö, nö, ich schau nur so. Will sehen, was so angeboten wird.", lautet ihre Antwort. "Vielleicht find ich was, mal sehen."

Zu meinem großen Glück ist es nun so, hier in Cuxhaven, dass es sich bei den Stadtoberen um recht sensibele Wesen zu handeln scheint. Überall vor den Einkaufslädern finden sich große, bequem anmutende, in ovaler Form ausgeführte Bänke aus tropischen Hölzern. Offenkundig nur errichtet, um Zwistigkeiten zwischen den Parteien, Einkaufsaffin und weniger Einkaufsaffin, von vorherein im Keim zu ersticken. Die weniger Affinen können hier gemütlich sitzend ihren speziellen Neigungen nachgehen, dösen, in die Luft starren oder noch sinnfreieres tun, während die Affinen sich ins Getümmel der kunstvoll ausgeleuchteten und musikberieselten Einkaufsläden stürzen. Aus welchem Grund auch immer sie das tun.

Mir erscheint das als guter und von vornherein deeskalierender Ansatz, genial ausgedacht von den für die Stadt Verantwortlichen, zumal Frau Cornelia sich als sehr gnädig erweist:

"Du kannst hier warten, brauchst nicht mit rein."

Ansonsten sitzen wir im Keller unserer Kohinoor, lauschen dem Regen auf dem Deck und dem Pfeiffen des Windes.

Außerdem verbringe ich einige Zeit hier auf meinem Naviplatz und rechne: Was wäre wenn? Helgoland, Norderney oder gleich Borkum? Zu vernünftigen Ergebnissen komm' ich nicht. Es passt einfach nichts.

Könnten wir am Freitag weiter, kämen wir auf Norderney mit hoher Wahrscheinlichkeit im Dunklen. Und im Dunkeln geh ich da nicht rein, nicht durchs Dovetief und schon gar nicht durch Schluchter. Nee.

Helgoland ginge, aber ein paar Tage bleiben würden wir wollen. Und dann, bei diesem unsicheren Wetter? Dann hängen wir da vielleicht für eine weitere Woche. Zwei mal rund um's Oberland okay, aber fünfmal?

Neuwerkfahrt
Pferdefuhrwerke auf dem Weg nach Neuwerk

Am späten Mittwoch wird klar, dass es am Freitag eine deutliche Besserung geben wird, nur noch drei Bft. aus West, abnehmend und später nördlich wandernd. Samstag soll es sogar Ostwind geben. Wir entscheiden uns für den Aufbruch am Freitag, eine gute Stunde nach Hochwasser soll es losgehen. Und dann durch nach Borkum. Das ist ein langer Ritt, 100 Meilen müssen wir machen, runde 17 Stunden werden wir brauchen. Aber, und das ist gut, wir fahren in die Nacht hinein und werden mit der Dämmerung des nächsten Tages in die Fischerbalje laufen.

Warten wir den morgigen Tag ab. Dann entscheiden wir endgültig.

Am Donnerstag wird es richtig voll. Die ersten Böötlefahrer wagen sich aus dem NOK und laufen von Brunsbüttel nach Cuxhaven. Alle wollen, müssen weiter nach Westen, unendlich viele Niederländer sind dabei. Am Nachmittag bekommen wir sogar noch einen Segler auf unsere Seite, weil im Hafen nichts mehr geht. Er will morgen deutlich vor Hochwasser los und hofft, Norderney noch im Hellen zu erreichen. Müsse gehen, sagt er.

Ich zweifele an mir, setz' mich nochmal hin und rechne neu. Gegen den Strom von drei Knoten hier raus und Norderney im Hellen schaffen? Kann gehen, sag ich mir, muss aber nicht. Letztlich entscheide ich mich gegen den Plan des holländischen Nebenliegers. Wir werden es machen wie besprochen. Morgen um 13:00 Uhr, anderthalb Stunden nach Hochwasser geht es los.

Da hab' ich doch gerade wieder von einem Holländer geredet, vor kurzem hab ich dafür mächtig Prügel bezogen. Beileibe nicht alle Niederländer seien Holländer, schrieb mir ein Bewohner unseres westlichen Nachbarlandes. Ich müsse da schon deutlich unterscheiden, nur in zwei westlichen Provinzen lebten Holländer, nämlich in den Provinzen Nordholland und Südholland. Ich solle bitteschön und unbedingt genauer sein mit meinen Formulierungen.

Jo, da hatte ich mein Fett weg, antwortete knapp:

"Vermutlich bist du Niederländer, Joki. Und ja, du hast natürlich völlig recht. Nur: Wir dummen Deutschen unterscheiden die Provinzen nicht immer so deutlich wie du es dir offensichtlich wünscht. Holland ist für die Meisten von uns nun mal ein Synonym für die Niederlande, so falsch das auch sein mag. Sorry!"

Es gab tatsächlich eine Antwort, versöhnlich war sie:

"Danke für die ehrliche Antwort, und ja ich bin tatsächlich Niederländer aber auch Holländer. Weil ich in Amsterdam geboren bin, die Stadt die übrigens von den Amsterdamse Mokum genannt wird. Übrigens ein sehr schöner Beitrag.... Dar schlägt mein herz schneller, besonders weil ich als jugendlich mein Segelschein in Heeg (Friesland) gemacht habe." (Er meinte einen Film von mir auf YouTube, den er sich angeschaut hatte)

So weit so gut. Offensichtlich und zum Glück wurde hier kein Keim für eine fatale Erbfeindschaft gelegt. Mir ist das wichtig.


20. August 2021

Ich schlafe lange und gut. Als ich zum ersten Mal nach draußen schaue, ist der niederländische Seitenlieger schon aufgebrochen. So rund zehn wird es sein. Ich wünsche ihm, dass er es schafft bis nach Norderney, glauben tu' ich's nicht.

Um halb eins liegen wir an der Bunkerstation und haben echtes Glück. Unmittelbar nach uns kommen zwei weitere Segler. Sie müssen warten, bis wir satte 18 Litter zugetankt haben, ich berichtete davon. Punkt 12:45 Uhr passieren wir die Hafenmole - es geht los. Zum aus meiner Sicht einzigen vernünftigen Ziel - Borkum. Wie geplant sind wir etwa eineinhalb Stunden nach Hochwasser.

Kartenplotter
viele Mitläufer nach Westen

Im Vergleich mit den letzten Tagen ist das Wetter mehr als gnädig, Sonne und milder Wind aus nördlichen Richtungen. Gemeinsam mit uns scheint eine ganze Armada unterwegs zu sein nach Westen. Wie eine lange Perlenkette ziehen die Schiffe auf dem Bordrechner dahin. Viele vor uns, ebensoviele folgen uns nach.

Nach wenigen Minuten beginnt der Strom zu schieben, um 14:00 Uhr haben wir Neuwerk querab, um 14:30 Uhr Scharhörn. Hier können wir die Segel hochnehmen, es läuft sehr ordentlich. Ich bin mehr als zufrieden - nur die vermuteten 17 Stunden Fahrzeit muss ich absitzen - wird schon, weil es muss. Ging ja früher auch!

Aida
Kreuzfahrtmoloch

Zum norddeutschen Versender gibt es ganz frische Neuigkeiten, kurz nach drei trudelt eine Mail von meinem ersten und einzig echten Reklamations-Gesprächspartner aus dem Monat Juni ein, inzwischen können wir beinahe das letzte Augustkalenderblatt abreißen.

Er schreibt, leider könne er sich jetzt erst melden, er habe Urlaub gehabt und einen Kollegen mit der weiteren Bearbeitung meiner Reklamation betraut. Dieser habe die Sache augenscheinlich wohl nicht weiter verfolgt. Er würde sich jetzt wieder selbst kümmern. Wohin bitte er die Ersatzteile schicken solle.

Trotz altersbedingt reichlicher Lebenserfahrung bin ich Optimist - vielleicht wird nun gut, was lange währte, meine Antwort fällt knapp aus:

Da unsere Reise nun zuende ginge, sei es angezeigt, die Teile an Frau Cornelias Heimatadresse zu senden. Unterwegs würden sie, die Ersatzteile, uns nun, nach zwei Monaten Wartezeit nicht mehr helfen.

Außerdem lasse ich mich kurz über interne Kommunikationsdefizite und in meinen Augen ebenso deutliche Defizite in der Bearbeitung von Kundenreklamationen aus. Ich hätte schriftlichen Kontakt gehabt mit seinem Verkaufsleiter, vielleicht wäre es der Sache dienlich gewesen, wenn dieser ihn über den Sachstand in Kenntnis gesetzt hätte und auch meine Information zur Behebung des "Pumpproblems" weitergegeben hätte.

Zum guten Schluss verleihe ich meiner Hoffnung Ausdruck, dass Frau Cornelia nun bald mit einem vollumfänglich funktionsfähigen Rad unterwegs sein kann.

Niederländische Segler
Holland on Tour...

Alte Weser
...und wir auch

Bald werden wir das selten genutzte Fahrwasser der "Alten Weser" erreichen.

Der Plotter spinnt natürlich wie immer in den letzten Wochen, aber irgendwann beruhigt er sich ein wenig und zeigt wenigstens ein statisches Bild, das Zoomen funktioniert natürlich nicht. Drecksding!

Schon etwa sechs Stunden nach unserem Start queren wir die Jade, das Wangerooger Fahrwasser. Es ist jetzt zwanzig vor sieben. Ordentliche Leistung. Die Segel kann ich wegnehmen. Der Wind ist abgestellt - genau wie vorhergesagt.

Schlepper vor Wasngerooge
der Schlepper vor Wangerooge wartet auf Beute

Dauert nicht mehr lange, dann wird es dunkel. Das Radar müßte ich irgendwie an den Start bekommen. Das würde helfen, würde die Reise bequemer machen. Ich versuche es mit meiner "Ray-Control-App" auf dem Tablet. Und tatsächlich, es gelingt. Ich schaffe es tatsächlich. Der gesamte Bildschirm wird zum Radarbild und zeigt mir die umliegenden anderthalb Meilen. Das ist okay für mich - wenigstens was.

Sonnenuntergang
in den Abend hinein

Frau Cornelia macht uns Brötchen, alternativ standen asiatische Nudeln auf dem Verpflegungsplan. Wir haben sie abgewählt, heben sie auf für ein andermal. Nach dem Brödelgenuß leg' ich mich 'ne halbe Stunde auf die Saloncouch, Frau Cornelia übernimmt die Wache. Es sei kalt, sagt sie, als ich wieder rauskrabbele. Eine dicke Jacke hat sie sich geholt und ein Sitzkissen über die Beine gelegt. Ich übernehme wieder, obwohl sie sagt und es genauso meint:

"Bleib doch noch liegen."

Nein, das will ich ihr nicht zumuten, es ist fast stockdunkel inzwischen. Um halb zwölf haben wir die Dovetieftonne querab, ich kann mir nicht vorstellen, dass der Holländer, Tschuldigung, es geschafft hat im hellen bis Norderney. Vielleicht ist er auch irgendwo anders reingegangen, sein Schiff hat nur wenig Tiefgang.

Abendstimmung
es wird Nacht...

Frau Cornelia vertreibt sich die Zeit mit der Freitagstalkschow, in ihre Koje will sie nicht. Das mag wohl daran liegen, dass ich sie bat, so ab vier Uhr zur Verfügung zu stehen, um mit mir gemeinsam nach Tonnen auszuschauen, dann etwa werden wir auf dem Riffgat sitzen. Ich will dort durch das mit unbeleuchteten Tonnen gekennzeichnete Fahrwasser gehen, weil wir nach meinen selten zuverlässigen Berechnungen dort bei Niedrigwasser kommen.

Nacht vor Borkum
da hab ich den Plotter mal im Griff

Um 02:50 Uhr hab ich die Osteremsansteuerung erreicht. Hin und wieder überhole ich einen der vielen Mitläufer, hin und wieder setz ich mich runter an den Navitisch. Das Tablet mit dem Radarbildschirm liegt dann vor mir. Es kann also eigentlich nichts anbrennen. Und deutlich wärmer als draußen ist es auch. Frau Cornelia schlummert immer dann, wenn ich nach unten komme. Auch wenn sie später behaupten wird, auf keinen Fall geschlafen zu haben. Den Fernseher schalte ich vorsichtshalber nicht aus. Vermutlich würde sie das Abschalten wecken.

Rotlicht
Rotlicht

Die Tonnen auf dem Riffgat such ich mir allein mit Hilfe des Radars. Die Admiralin könnte nicht helfen. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Obwohl ich sie ganz dicht passiere, die Tonnen, ist nichts von ihnen auch nur zu ahnen. Nur das Radar zeigt sie deutlich. Watten Glück!

Das Einschwenken in das Emsfahrwasser ist nicht frei von Problemen. Auf der nahen Schüttstelle liegt ein Riesenbagger. Er ist beleuchtet wie ein Prunkschloss, mindestens. Ich seh nix außer Baggerlichtern und das Radarecho von dem Ding geht rund auf dem Bildschirm. Die Empfindlichkeit vom Echo krieg ich nicht runtergestellt. Das gibt die App nicht her. Drecksmüll der.

Einen kleinen Frachter übersehe ich tatsächlich. Er ist völlig überstrahlt vom gleißenden Bagger. Zum Glück läuft er im Kriechgang, der Frachter. Runde 500 Meter vor ihm mogele ich mich auf die rechte Fahrwasserseite und erschrecke mächtig, als ich ihn wahrnehme. Mann, Mann Mann! Auf der grünen Seite ist nun alles safe. Aufatmen bei mir. Frau Cornelia fragt an, ob sie helfen kann.

"Nein danke", sag ich, "wenn's nötig gewesen wäre, hätte ich gerufen. Wir sind bald da."

Vom Frachter erzähl ich besser jetzt nicht. Langsam setzt der mitlaufende Strom ein. Die Maschine hab ich schon vor einer Weile zurückgenommen, laufe ganz langsam. Die Fischerbalje will ich frühestens in der Dämmerung machen.

Morgengrauen
der Morgen graut - dem Morgen graut?

Und siehste, als wir Borkum Stadt querab haben, kommt im Norden der erste Schimmer. In Burkana finden wir an der Brücke vom Wassersportclub tatsächlich einen einzigen freien Platz. Den werden wohl die Holländer, wieder Tschuldigung, freigemacht haben, die uns eben in der Fischerbalje entgegen kamen. Alle anderen Plätze sind mindestens doppelt belegt, manche dreifach.

Um halb sieben am frühen Morgen machen wir die Leinen fest. Für mich gibt es ein zischendes Bier. Es schmeckt. Dann hau ich mich hin. Siebzehn Stunden und fünfundvierzig Minuten haben wir gebraucht für die hundert Meilen. Das ist etwas länger als gerechnet. Ich hatte gestern Mittag behauptet, um sechs seien wir fest. Auf nix kann man sich verlassen, auch nicht auf sich selbst.


21. - 23. August 2021

Ich liege in der Koje, Frau Cornelia will netterweise noch das Liegegeld wegbringen. Ab acht sei das von der Hafenmeisterin betriebene Hafencafé geöffnet, so steht es im Internet geschrieben.

Ich schlafe miserabel - warum auch immer. Todmüde bin ich - und trotzdem, es geht nicht mit dem Pennen. Gegen zehn sitz' ich wieder im Salon, trinke einen Kaffee und esse ein Brot. Frau Cornelia berichtet, sie habe nur für eine Nacht bezahlt. Per Briefumschlag. Das Café sei geschlossen gewesen. Obwohl anderes an der Tür stünde, genau wie im Internet.

Naja, es ist wie es ist. Wir werden das später klären. Bleiben wollen wir drei Nächte. Etwas Rad fahren auf der Insel. Mindestens einmal rund.

Ich bin nicht wirklich ausgeruht, leg' mich wieder hin und schlafe dann doch noch für eine Weile ein. Der Schlaf ist nicht tief, nicht erholsam - am Ende aber reicht es so eben.

Wir machen einen Gang - wollen zum Hafenbüro schauen, laut Aushang sollte jetzt jemand da sein. Nix iss, keiner iss da. Die Tür zum Café ist verrammelt. Aber - der Aushang ist neu. Morgen, am Sonntag sei man zugegen. Von zehn bis zwölf.

Gut, dann eben Morgen. Frau Cornelia schaut zum Geldbriefkasten, sie habe sich verrechnet heute morgen, zu unseren Gunsten, eben wäre es ihr eingefallen, sie wolle den Fehlbetrag gerne ausgleichen. Umschläge für Bootsanmeldungen sind nicht nicht zu finden, das Fach ist leer.

Hm, was tun? Frau Cornelia schaut von oben in den Briefkasten, in den sie heute vormittag unser Kuvert mit dem Geld und der Anmeldung geworfen hat.

"Du, da sind noch Umschläge, sicher auch unser", sagt sie und angelt ohne jede Mühe einen Stapel aus dem Kasten.

"Nicht mal geleert das Ding, aber das Anwesenheitsschild geändert. Versteh das wer will." Frau Cornelia schüttelt den Kopf.

Ich versteh' es nicht. Was für eine Unvorsichtigkeit. Gerade gestern, kurz vor unserer Abfahrt, hörte ich in Cuxhaven von einem anderen Hafenlieger, dass über Nacht ein Außenborder weggekommen war. Selbständig hat er sich sicher nicht von seinem Eigentümer getrennt. Warum muss man hier auf Borkum geradezu zum Diebstahl auffordern? Sind die Leute hier so grundehrlich? Alle? Auch die Durchreisenden?

Locker könnten wir mit den so problemlos erbeuteten Umschlägen einen bunten Abend machen.

Borkum Ostland
wildes Ostland auf Borkum

Frau Cornelia sucht unser Kuvert aus dem kleinen Stapel und ändert akribisch ihre Eintragungen vom Vormittag. Der zu entrichtende Zahlbetrag erhöht sich um einen guten Euro. Damit ist ihr Gewissen beruhigt. Die Briefe wandern wieder in den Kasten. Alle!

Wir laufen weiter, wollen bei Baalmann essen. Es geht mitten durch den unglaublich morbiden Charme des Borkumer Hafens. Seit vielen Jahren hat sich hier nichts zum Vorteil getan. Es ist unordentlich und schmuddelig, rostige Wellblechhütten, Bauschutt, defekte Baugeräte und ausrangierte Maschinen säumen unseren Weg. Am Ende des Marsches liegt Baalmanns Restaurant. Es ist nach all dem am Wege liegenden Unrat ein baulicher Lichtblick. Stören tut nur der vor dem Restaurant liegende Yachthafen "Port Henry". Die Bezeichnung Yachthafen für dieses, sich in unglaublich schlechten Zustand befindliche Schlickloch, ist eine erbärmliche Übertreibung.

Düne auf Borkum
Nordstrand

Das Essen bei Baalmann ist gewöhnlich ordentlich, in früheren Jahren war es immer gut. Wir finden einen Tisch auf der nur mäßig besetzten Terrasse. Es ist eben halb sechs geworden, wir setzen uns.

Dem nach kurzer Zeit auftauchenden Keller teilen wir mit, dass wir gern Essen würden.

"Essen ab sechs," ist seine mit deutlich russischem Akzent unterlegte Reaktion. Scheinbar kein Mann vieler Worte, der Kellner.

Ob wir denn schon Getränke würden bestellen dürfen, frage ich freundlich. Seinen auf die Frage hin leicht schräg gelegten Kopf deute ich als: Ja.

Strand
Strand bei Borkum Stadt

Wir ordern eine Weißwein- und für mich eine Apfelschorle. Kleine zwanzig Minuten später werden unsere Getränke gebracht, von einer jungen Dame: Eine Apfelschorle und ein Weizenbier. Frau Cornelia verabscheut grundsätzlich jedwede Form von Bier, darum bleibt uns nichts übrig, als zu reklamieren. Die Verständigung ist schwierig, die junge Dame spricht nur wenige Worte deutsch, ist allerdings unglaulich freundlich. Obwohl das Wort "Weißweinschorle" merkbar nicht zu ihrem Wortschatz gehört, können wir vermitteln, dass etwas schief gelaufen ist mit unserer Bestellung.

Die gewünschte Schorle erreicht uns dann doch, ebenso zwei Speisekarten. Inzwischen ist es deutlich nach sechs Uhr. Wir dürfen unsere Bestellung aufgeben. Insofern ist alles gut. Das Essen schmeckt nicht schlecht, es wird geliefert wie bestellt. Im Großen und Ganzen sind wir nicht völlig unzufrieden.

Regenwetter
Wetter iss nicht so

Der folgende Tag beginnt mit Regen und wird genauso enden. Noch vor dem Frühstück mache ich mich auf ins Hafencafé, will die nächsten beiden Tage abrechnen. Der Regen ist fein und unangenehm, er sprüht mir ins Gesicht. Und tatsächlich, die Tür zum Lokal steht offen, ich betrete den mittelgroßen Raum mit u-förmiger Theke. Hinter dem Tresen eine schlanke Dame, blond, so um die fünfzig Jahre alt. Vor der Theke sitzend, drei Männer, eine Frau. Die Stimmung scheint locker, alle rauchen. Nein, einer der Männer nicht.

"Boah", rufe ich halblaut, "watten Bild! Iss ja wie früher. Das es das noch gibt. Hätt ich doch meinen Tabak mitgebracht! Moin allerseits."

Ich könne ihren Shag haben, sagt die Dame hinter dem Tresen. Könnte mir gerne eine drehen.

Ich danke herzlich, aber nein. Ich wolle nur eben das Liegegeld bringen für die Kohinoor, für zwei weitere Tage. Den gestrigen Tag hätten wir schon bezahlt - per Umschlag. Ich hoffte, das Geld sei angekommen.

Die Blonde hinter der Theke greift sich einen Stapel Briefe, schaut sie durch und nickt, ja das Geld hätte sie. Zwei weitere Tage, das würde 43,20 machen. Ob ich bar oder mit Karte zahlen wolle?

Mit Karte, sage ich. Allerdings müsse sie jetzt noch einen Tag draufrechnen, genau am 14. Juni hätte ich die Zeche geprellt, sei spät gekommen und früh wieder gefahren.

Die Blonde schaut kurz irritiert, denkt merkbar nach:

"Jo", sagt sie dann lächelnd, "stimmt, Du hast angerufen, dann sind es 64,80."

Den Rest des Tages verbringen wir im Keller. Irgendwann zwischendurch nehmen wir einen Nebenlieger an, ein freundliches niederländisches Pärchen. Sie kommen von Helgoland. Irre voll sei es gewesen, erzählen sie. Es bläst ordentlich aus Ost. Wir liegen richtig rum. Der Wind bläst uns auf den Bug. Trotz Regen können wir den Niedergang offen lassen.

Vier Jahreszeiten Borkum
Borkum Stadt

Der Montag ist sonnig, so wie vorhergesagt. Zum Frühstück reichen die Niederländer Brötchen herüber. Sie wollten sich für das nette Liegen an unserer Seite bedanken, sagen sie bevor sie ihre Leinen lösen. Der Wind ist weiter stramm aus Ost. Gute Bedingungen für die Holländer. Wir machen unsere Fahrradtour, besuchen das wilde Ostland, pausieren im Dünenbudje, besichtigen den unglaulich breiten Strand dort und fahren über Borkum Stadt zurück zum Schiff.


24. August 2021

Fischerbalje
Fischerbalje

Bei mildem nördlichen Wind gehen wir am späten Vormittag nach Emden. Frau Cornelia besucht mit dem Rad die Stadt. Ich halte Wache auf dem Boot. Einer muss es ja machen.

Kohinoor in Emden
Außenhafen Emden


25. August 2021

Leer Bridge
Leer Bridge

Mittags beginnen wir das letzte Stück der in diesem Jahr nicht allzu langen Reise, knappe drei Stunden später liegen wir in der Schleuse von Weener. Am Steg erwarten uns Kuno und André. Wie schön!

Schleuse Weener
die Schleuse Weener


Epilog

Das Wetter der letzten Monate war durchwachsen, sehr wechselhaft und schlecht kalkulierbar. Es gab heiße Tage, sie folgten in der Regel abrupt regnerischen, windigen Perioden. Ich will nicht klagen, aber: Wir hatten es schon anders, angenehmer. Allerdings auch über längere Zeiträume deutlich heißer und damit unangenehmer.

Für uns sind diese Wetterkapriolen kein so großes Problem. Wenn's nicht passt, legen wir uns irgendwo hin und warten ab. Menschen, die sich mit einem Regelurlaub von zwei, drei Wochen zufriedengeben müssen, haben es da sehr viel schlechter. Vielfach müssen sie los - ob sie wollen oder nicht. Früher, ganz viel früher, als viele noch kaum elektrischen Strom hatten in ihren Häusern, war das mitunter auch bei uns so. Darum kann ich das noch ein wenig nachfühlen.

Da ich zum Nörgeln neige, noch folgendes: Unzufrieden bin ich mit unserem Bootsausrüster. Vor vielen Jahren erkor ich ihn aus und ließ nichts auf ihn kommen. Alternative Lieferanten wie Rewe, Lidl, Edeka oder Markant kamen für mich nicht in Frage. Und seien sie auch noch so schiffsnah angesiedelt gewesen. Die Kinder und Frau Cornelia spornte ich mitunter zu marathonähnlichen Laufleistungen an, um sie am unvergleichlichen Einkaufserlebnis und der nachfolgen Schlepperei teilhaben zu lassen.

Die meisten werden zumindestens ahnen, von wem ich spreche, den anderen sei es an dieser Stelle verraten: von der Firma Albrecht, besser bekannt unter dem Namen Aldi. Aldi war der Schiffsausrüster meiner Wahl, Konzessionen konnte ich in kaum einem Falle machen.

Nun allerdings sind düstere Wolken aufgezogen am Versorgungshimmel. Man hat Dinge geändert - und zwar nicht zum Guten. Angefangen hat es im, ich glaube vorvergangenen Jahr, wir kamen in einen Markt im tiefen Ostdeutschland, gemeinhin wird dieser Teil der Republik zu Unrecht als wenig fortschrittlich gesehen.

Wir betraten also jenen Markt und waren völlig geplättet. Das Geschäft hatte nichts, aber auch gar nichts mit Albrecht, wie wir ihn kennen, zu tun. Die Butter nicht dort, wo sie hingehört, das Mehl nicht auffindbar und so weiter. Zum Glück trafen wir auf einen hilfsbereiten Herrn, der sich erbot, uns die gesuchten Lebensmittel zu zeigen. Es handelte sich um den sichtlich stolzen Marktleiter.

"Nicht mehr lange", sagte er, "und auch bei Ihnen im Westen wird sich Aldi so präsentieren. Das, was Sie hier sehen dürfen, ist unser neues Shopkonzept. Toll, oder?"

Ich teilte seine Begeisterung nicht uneingeschränkt, neige ich doch dazu, das Bewährte zu präferieren. Es sollte aber schlimmer kommen.

Ich liebe eine bestimmte Brötchenaufbacksorte, seit diesem Jahr ist sie nicht mehr verfügbar! Irgendwo konnten wir durch glückliche Umstände noch einige Restbestände ergattern. Aber nu? Nix mehr, aus, niente. Ähnlich schlecht läuft es mit einem italienischen Kochschinken, hauchdünn geschnitten und nach meiner Beurteilung extrem schmackhaft. Es gbt ihn noch, aber selten. Die Bevorratung mit dem Produkt ist anzuraten.

Das Schlimmste aber: Offensichtlich ist Familie Albrechts russischstämmige Haushälterin gekündigt worden oder sogar verstorben, Tamara heißt die Dame. Sie kochte ausschließlich weltbeste Marmaladen. Von genau richtiger Konsistenz und äußerst schmackhaft. Über Jahrzehnte hinweg - aus, vorbei. Die neuerdings angebotenen Produkte verdienen kein Lob - ich bin nicht zufrieden mit ihnen.

Ich will meine Tamara wiederhaben!

Adieu


Nachtrag (31. August 2021)

Heute trifft eine Mail ein, vom Sachbearbeiter des Versand­handels­unter­nehmens, das im Juni dieses Jahres Frau Cornelias neues Fahrrad lieferte, die reklamierten Teile würden heute versendet, in runden zwei Tagen könnten wir mit dem Eingang rechnen. Damit, so hoffe man, sei die Reklamation zu unserer vollen Zufriedenheit abgewickelt.

Der parallel gemailte Lieferschein sagt aus, dass das zugesagte Speichenschloss nicht beigefügt sein wird. Es wurde wohl schlicht vergessen. Manchmal eben passieren Dinge - nicht.



wird nicht fortgesetzt, denn: wir sind am Ende



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