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Wenn's mal gar nicht so richtig mitläuft -2-

11.03.2020 | © pt

Hooksieler Wochen! Der Weg dorthin, schrauben, warten und die schwierige Kunst, Zeit zu ermorden sind die Themen dieser Geschichte. Aber - und nur das ist wichtig: wird am Ende alles gut?

Wer Teil -1- noch nicht kennt: bitte hier


Segeln, so ganz ohne Wind


Die Maschine geht ganz kurz in die Knie - kaum merkbar. Ahnen kann man es. Nur ahnen. Jörg guckt mich an:

"Hast du das gehört? Hast du das mitbekommen? Muss der Diesel sein."

Ich nicke, bin schon auf dem Weg nach unten. Niedergang runter, Wim ansehen, der sitzt in der Ecke auf der Couch und liest:

"Hast du hier was gehört, ein Klacken, Schlagen? Irgendwas?"

Überraschung bei ihm:

"Nee, nix. Was is' denn?"

Ich antworte nicht, Sprechen ist mitunter nicht meine Stärke, greife zur Taschenlampe und reiße das Motorraumluk auf. Ein kurzer Blick rundum - alles ist bestens. Die Maschine surrt wie ein Kätzchen. Ich schau noch mal - intensiver: Es ist nix, alles läuft. Kein Öl. Kein Wasser. Nix. Also Klappe wieder zu. Irgendwoher musste das Geräusch ja gekommen sein. Wir konnten uns das nicht eingebildet haben, Jörg und ich. Komisch aber, dass der Junge hier unten nichts gehört hat. Ich dreh mich um zu Wim:

Motorraum
Die Maschine läuft rund

"Hier war wirklich nichts? Du hast nichts gehört? Auch nicht gemerkt, dass der Perkins kurz in der Drehzahl einbrach?"

Kopfschütteln bei ihm.

"Komisch", sag ich, "kann doch nicht."

In dem Moment laut von oben, von Jörg:

"Du, die Maschine geht hohl, die kriegt kein Wasser. Ich stell ab."

Sekunden später ist Ruhe im Schiff. Und wenig später kein Deut an Fahrt mehr in dem Kahn. Die Segel hatten wir schon lange weggenommen. Sie schlugen nur noch. Wir dümpeln einige Meilen nördlich vor Norderney. Leichte Dünung geht unter uns durch. Jörg kommt runter zu uns.

Drei Männer stehen nun im Salon und schauen sich kurz fragend an - irgendwer von uns spricht, wahrscheinlich Jörg:

"Woll'n wir mal die Segel hochnehmen, damit wenigstens das Schaukeln aufhört. Hauch von Wind ist ja. Ein bisschen wird's wohl vorangehen. Und dann schau' mer ma, was los is'."

Dem Klang nach könnte es auch von mir gewesen sein, genau ist es nicht überliefert. Also hoch und mit der Fernbedienung das Groß nach oben und die Fock aus­ge­rollt. Und tatsächlich: es läuft, wenigstens ein bisschen, knappe vier Knoten machen wir über Grund. Noch läuft die Tide mit. Gottlob!

Puh, denk ich wie meistens so bei mir selbst, dann woll'n wir mal fix sehen, was passiert ist. Damit das hier wei­ter­ge­hen kann; 'n Stück Strecke is' ja noch bis Cuxi.

Havarieort vor Norderney
Hier hat es uns erwischt

Zu Wim schauend frage ich:

"Bleibst du hier oben? Passt ein bisschen auf? Wir gehen schauen, was Sache ist. Muss ja 'nen Grund haben, dass da kein Wasser mehr kommt. Kann ja nur mit dem Knall zusammenhängen. Aber was verdammt, macht solch ein Geräusch und kurze Zeit später kommt kein Wasser mehr? Müssen sehen, dass wir das schnell in Ordnung haben. Nicht mehr lange und uns läuft das Wasser entgegen."

"Jo, ist klar," kommt zurück, "macht man. Ihr werdet das schon schaukeln."

Ich sitz auf dem Naviplatz, Jörg lehnt am Kühlschrank. In Situationen wie diesen geben wir uns immer einen Moment zum Denken. Jörg gibt mir eine Zigarette rüber, bevor er sich selbst eine fertigmacht. Wir nehmen ein paar Züge, jeder denkt auf seine Weise. Meist sind die Gedanken ähnlich. Jörg spricht es aus:

"Kann nur am Wasser liegen. Irgendwo. Wir gucken das durch. Von vorn nach hinten. Laß uns anfangen. Gib Werk­zeug raus."

Ich heb meinen Hintern hoch, öffne den Navisitz und fang an zu räumen. Werkzeugkiste, Knarrenkasten, Kasten mit kleinen Nüssen. Und was man sonst so braucht. Lappen natürlich auch. Jörg macht den Motorraumdeckel auf und lehnt ihn an die Niedergangsleiter.

"Soll ich?", fragt er und legt eigentlich schon mit der Frage los. Die Taschenlampe kreist. Seeventil, Wasserfilter, Ver­roh­rung, Schläuche.

"Alles bestens, Bilge trocken - kein Wasser, kein Öl. Filter in Ordnung, Schläuche, Rohre, alles Okay. Gediegen! Ich glaub' es nicht. Die Maschine lief prima. Wie immer. Sag, was du willst: Kann nur der Sekundärkreislauf sein. Aber ich schau noch, ob Wasser im Motoröl is'. Wenn da aber was wäre, hätte er nicht mehr so sauber gelaufen nach dem Knall."

Kein Wasser im Motoröl, nein. Der Schaden kann also nicht riesig sein. Die Maschine ist von außen optisch völlig in Ordnung. Aber Fakt ist: Es hat geknallt, die Drehzahl sank kurz ab und nicht viel später kam kein Kühlwasser mehr. Und das lief nirgendwo hin, das kam einfach nicht mehr. Sehr schnell sind wir einig, dass wir die neue, vor wenigen Tagen eingebaute Pumpe ziehen werden.

"Vielleicht irgendwas mit dem Impeller? Aber bitte, warum sollte das knallen? Höchstens, wenn er sich was eingesaugt haben sollte."

"Was sollte das wohl sein? Hier im tiefen Wasser. Durch den Filter. Und der ist heil."

"Wir werden sehen. Muss eh raus. Is' das nächste Teil. Bis dahin ist ja alles in Ordnung."

Wir sehen das beide so. Ich gebe Werkzeug an, Jörg schraubt. Die Schläuche sind schnell runter. Sitzen ja erst ein paar Tage.

"Ja! Natürlich hab ich das Seeventil zugemacht. Sonst würden wir hier schon schwimmen. Schließlich sind die Schläuche schon abgezogen."

Besser wäre gewesen, ich hätte nicht gefragt. Musste ich aber. Konnte ich nicht anders. Die Stimmung hellt sofort wieder auf als ich ungefragt den kleinen Sechser Maul-Ring rüberreiche, den mit der Knarrenfunktion am Ring.

Kleine fünf Minuten später sind die vier Sechser Muttern runter von den Bolzen. Und keine der Muttern ist in der Bilge verschwunden. Auch keine Unterlegscheibe. Obwohl das alles ganz schön knirsch ist da unten. Zu groß ist der Motorraum nicht.

Montageort Impellerpumpe
Schwer zugänglich die Pumpe

Vorsichtig zieht Jörg die Pumpe ab. Halb kniet er, halb liegt er. Ich bin eigentlich dankbar, dass ich nur der Anreicher bin. Der Anreicher kann sitzen. Muss im besten Falle immer ahnen, was der Scheffe gleich braucht. Nur wenn er das kann, ist er ein guter Anreicher, einer, den man auch mal verhalten loben kann.

Jörgs rechte Hand kommt langsam aus dem Motorraum. Darin die schöne neue Impellerpumpe. Er reicht sie mir. Kann sie selbst noch nicht sehen. Dazu liegt er zu quer.

Impellerpumpe
Da ist es, das defekte Ding

Ich nehm' das Ding aus seiner Hand und denk' sofort, nein, ich sage es auch:

"Kann nicht wahr sein. Musst du dir ansehen. Gibt's ja gar nicht."

Jörg kommt hoch, reckt sich einmal und ich geb' ihm die Pumpe rüber.

"Mann, Mann, Mann. Gibt's ja gar nicht."

"Genau meine Worte", geh ich kurz dazwischen.

"Die Pumpe ist keine Woche drin. Und ich hab die ein­ge­baut. Mann, Mann, Mann, ich glaub das nicht. Die war völlig in Ordnung als ich sie reinschraubte. Hab die Maschine mindestens 'ne Viertelstunde pro­be­lau­fen­las­sen."

Klauenkupplung gebrochen
Die zerstörte Klauenkupplung

Eher ungläubig bestaunt er das Wellenende der Pumpe. Guckt und schüttelt den Kopf. Immer wieder. Die eine Hälfte der dort aufgepressten Klauenkupplung fehlt - ist einfach weggebrochen. Ist schlicht nicht mehr da. Wie kann das sein, fragen wir uns. Da müssen enorme Kräfte am Werk gewesen sein. Irgendetwas muss abrupt die Pumpe gebremst haben. Also schauen, den Deckel von der Impellerseite runterschrauben. Zwei Minuten später ist das erledigt. Zum Vorschein kommt ein völlig jungfräulicher Impeller. Keinen Schaden gibt es. Nicht den geringsten. Da hat nix gebremst. Da ist alles sauber.

Impeller
Der Impeller ist völlig in Ordnung

"Das versteh einer", murmelt Jörg. Mehr zu sich selbst. Und weiter: "Materialversagen? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Da treten doch kaum Kräfte auf. Okay, der Widerstand vom Propeller muss überwunden werden. Das is' aber doch Kinderkram. Obwohl, guck, der Bruch sieht schon komisch aus. Merkwürdig der Guss."

Ich nehm' die Pumpe rüber zu mir und schau genauer als vorhin. Mehr feststellen, als dass die Klaue gebrochen ist, kann ich aber nicht. Wohl, dass der Bruch nicht sauber ist, nicht abgeschert.

"Weißt du was?", sag ich, "ich ruf die Leute beim Versender an. Da muss ja noch jemand sein. Ist ja erst kurz nach halb fünf. Wir waren fix dabei. Vielleicht wissen die was. Vielleicht ist da ja schon mal was vorgekommen. Und vielleicht sind sie ja ehrlich da."

Wir haben tatsächlich enorm fix gearbeitet. Wim beugt sich runter zu uns und bekommt den Stand der Dinge erläutert. Das Meiste hatte er schon mitgekriegt auf seinem wenig aufregenden Posten in der Plicht.

"Ist ja nicht laut hier. Wir segeln ja. Wenn auch nicht wirklich schnell. Die Geschwindigkeit wird weniger. Wir machen noch eben drei über Grund."

Es ist viertel vor fünf, als ich die Nummer raussuche von den Leuten in Bremen. Und es ist nicht ganz so modern wie heute vielfach üblich, es gibt keine lange Warteschleife. Es werden keine Produkte angeboten, die ich im Moment nicht unbedingt benötige. Nein, nach kurzer Zeit spreche ich mit einem Menschen, in diesem Fall mit einem weiblichen.

Sie sei nicht zuständig für mein Problem, sagt die nicht unfreundliche Dame, würde mich aber gerne wei­ter­ver­binden, ich möge bitte in der Leitung bleiben. Kurz später höre ich ihre Stimme wieder. Es täte ihr leid, der Fachmann für meine Fragen sei nicht mehr im Hause, vielleicht morgen wieder, ich möge mich bitte wieder melden.

Das sei jetzt blöd, sage ich ihr. Wir säßen mitten auf See, einige Meilen nördlich Norderney, Wind sei fast keiner mehr und wir bräuchten einen Rat, einige Informationen. Nicht morgen, sondern genau jetzt! Schließlich hätten wir ein ernstes Problem mit einem vor wenigen Tagen gelieferten Ersatzteil aus ihrem Hause.

Sie zeigt Verständnis und bittet noch einmal um Geduld. Sie wolle noch etwas probieren.

Ganz offensichtlich setzt sie sich für uns ein. Nach nicht zu langer Zeit habe ich den Geschäftsführer des Hauses am Apparat. Was denn sei, wie er uns helfen könne? O Mann, das sei ja ärgerlich, Nein über Probleme mit der von uns erworbenen Pumpe wisse er nichts. Seit einiger Zeit würden sie die Dinger aus Italien beziehen. So wie ich es schildern würde, sei die Pumpe ja wohl Schrott. Nein, über einen Helikopter würde er nicht verfügen, so gut sei die Rendite des Unternehmens nicht. Er könne also nicht kurzfristig mit einem weiteren Ersatzteil dienlich sein, sorry. Was, und Wind sei auch nicht - ärgerlich. Wie unsere weiteren Pläne seien, er wolle uns unterstützen so gut er könne.

Nun, lasse ich mich ein, es gäbe die alte Pumpe, die hätten wir an Bord, sie sei zwar leck, würde aber durchaus noch arbeiten. Unser Plan sei, eben diese alte Pumpe vor­über­gehend wieder einzubauen. Nur die abgebrochenen Stücke der Klauenkupplung, die müssten wir finden. Mit Glück lägen sie ja in der Ölwanne, dann sei es kein Problem. Aber wenn nicht? Was dann? Mit Pech wäre der schöne alte Perkins Schrott.

Ob wir Zeichnungen der Maschine an Bord hätten?

Ich verneine das und gebe ihm den Motortyp durch.

Er würde suchen, wahrscheinlich hätte er Unterlagen. Die würde er uns mailen, sobald er fündig geworden sei. Und dann sollten wir noch einmal telefonieren. Viel Glück bis dahin!

Danke.

Und tatsächlich, kurz später trudelt eine Mail ein. Enorm, was heute alles möglich ist. Warum eigentlich schimpfe ich immer auf die modernen Zeiten? Ein kompletter Satz Zeichnungen zu meinem alten Schätzchen - Toll. Jörg und ich machen uns über das Material her. Wim wacht weiter draußen, kommt hin und wieder runter zu uns, berichtet eher beiläufig, dass es nun bald wohl rückwärts ginge. Der Wind sei wohl verbraucht und das Wasser wolle wieder raus aus der "Deutschen Bucht" und wirke deshalb unseren Bestrebungen, nach Osten voranzukommen merklich ent­ge­gen.

Segeln ohne Wind
Es geht schleppend voran

Wir nehmen es gelassen, loben aber seinen feinen Humor, der uns natürlich nicht verborgen blieb. In Wahrheit interessiert uns das Thema Ebbe/Flut, Wasser wohin und warum im Augenblick nicht vordringlich. Wir möchten die Maschine wieder zum Laufen bringen. Die Zeichnungen machen Hoffnung. Nach unserer Einschätzung ist die Chance, dass die abgebrochenen Teile der Klaue in der Ölwanne gelandet sind, recht groß. Ich greife wieder zum Telefon und wähle die Durchwahl, die ich vorhin bekam.

Wie es aussähe? Ob wir weiterkämen? Wir sollten doch bitte mal schauen auf Seite soundso. Ob wir nicht auch meinten? Ja genau. Geht durch den Kasten mit den Stirnrädern direkt in die Wanne. Das Risiko sei vertretbar. Er wünsche viel Glück. Wir mögen uns bitte melden. Ja, er sei noch im Hause.

Die Sache ist beschlossen, wir schrauben die alte Pumpe rein und dann geht's weiter. Wenn es funktioniert, hat uns die Sache insgesamt nicht mehr als eine gute Stunde gekostet. Das ist vertretbar. Gut, dass wir meist in der Lage sind, uns selbst zu helfen. Und Hut ab, der Mann in Bremen gibt sich große Mühe, der hat Ehre im Leib.

Ich mache mich auf in die Heckkabine und krame die gut verstaute Impellerpumpe vor, übergebe sie dem Chef­mon­teur und der legt los.

"Geht rein wie Butter, such schon mal die Muttern zu­sam­men - und die Unterlegscheiben nicht vergessen."

Pause - und dann:

"Aber halt, hier passt was nicht. Komisch. Die packt nicht! Die greift nicht in den Mitnehmer der Welle. Ich nehm' sie wieder raus, wir messen das durch."

Mit dem Messen ist das nicht so leicht. Wir kommen nicht ran mit der Schieblehre - zuwenig Platz zwischen Mo­tor­raum­wand und Maschine. Irgendwie kriegen wir es hin und es ist deutlich: was früher passte, passt jetzt nicht mehr. Acht bis zehn Millimeter fehlen. Warum? Wieso?

Überlegen! Hin und her. An der Pumpe ist alles richtig. Die Maße stimmen. Ob die Welle, die, die die Pumpe antreibt und aus der Einspritzpumpe kommt durch den Bruch nach hinten getrieben wurde?

Könnte sein. Wie auch immer. Hier auf See können wir nichts mehr ausrichten. Scheiße verdammte! Können ja hier nicht die Maschine zerlegen. Man kommt ja nirgendwo ran. Mist elender. Und kein Wind. Was machen? Was sagt das Wetter? Ist mit Wind zu rechnen? Und wann beginnt es wieder aufzulaufen?

Wir klären das, lesen das Wetter aus, schauen ins Gezeitenbüchlein, rechnen über den Daumen und können recht bald sicher sagen: Cuxhaven schminken wir uns ab. Das wird nichts. Ich sprech' es aus:

"Die Jade queren bei diesem Wind - das tu ich nicht. Die neue Weser ebensowenig. Das kann missgehen. Wir können ja kein Tempo machen, können nicht ausweichen. Die Lotsen von Jade-Weser-Radar, oder wie auch immer die heißen, fänden das nicht witzig - und noch weniger wir, wenn wir einem Dicken vor dem Bug stünden. Und selbst wenn es ginge, bis wir in die Elbe kommen, läuft das Wasser längst wieder ab. Mein Vorschlag: in die Jade rein und nach Hooksiel. Was denkt ihr Männer? Wird 'ne Weile dauern, aber irgendwann kommen wir da."

Logbuch
Logbuchauszug

Die Männer denken wie ich und schon haben wir ein neues Ziel, richtig witzig finden wir das alle nicht. Aber: Es is' wie es is'. Und darüber hinaus ist es wohl die beste Lösung. In Hooksiel gibt es, ich weiß es von einem früheren Besuch, direkt hinter der Schleuse eine Werft. Den schlechtesten Eindruck machte die nicht. Das lässt hoffen, macht Mut.

Ich rufe wieder in Bremen an, berichte von unseren Misserfolgen und unseren neuen Plänen.

Oh, schade, heißt es, das täte ihm leid - wirklich. Ob wir Hooksiel kennten, werde ich gefragt.

Vor Jahren sei ich einmal dagewesen. Hätte keine rechte Erinnerung mehr.

"Ihr werdet nachts da kommen, wenn ich es richtig sehe. Und lasst euch nicht täuschen. Es ist nicht un­pro­ble­ma­tisch mit der Ansteuerung. Schon wegen Strom und so. Geht da nicht so rein! Lasst euch helfen. Die Männer vom Rettungskreuzer unterstützen euch gern. Dafür sind die da."

Und dann sagt er noch - ich hatte das Thema kurz und am Rande angesprochen - um die Kosten der ganzen Aktion solle ich mir jetzt mal keine Gedanken machen. Wir kämen da schon klar miteinander. Im Übrigen würde er uns die Daumen drücken und wünsche gute Reise. Wir hörten voneinander.

Wer ein neues Ziel hat, braucht auch ein paar Angaben zum Weg dorthin. Ich klappe den Kartentisch auf und was ich natürlich weiß, wird sehr schnell bestätigt. Das vorhandene Kartenmaterial der Region taugt bestenfalls zum Feu­er­ma­chen - es stammt ausschließlich aus dem letzten Jahr­hun­dert. Normal würde ich sagen: so alt ist das ja noch nicht - heute stört es mich. Auf dem Rechner brauch' ich nicht zu schauen. Da ist das in elektrischer Form drauf, was auch im Schapp lagert. Die neueren Karten erfassen die Jade nicht. Lediglich der Plotter wird was hergeben, so um die vier Jahre alt wird das Material dort sein.

Also gar nitt so schlecht. Das Revier ist unproblematisch, die Jade für die dicken Pötte gut betonnt. Wir werden also zurechtkommen. Und mit gigantischen Schiffs­ge­schwin­dig­kei­ten für uns ist nicht zu rechnen bei der Wind­lage. Also alles gut soweit.

Jörg und ich überschlagen, wie es so weitergeht, gute 35 Meilen haben wir vor uns, gemessen von unserem jetzigen Standort. Eine ganze Weile ist das Wasser noch gegen uns. Irgendwo in der Jade wird es wieder schieben und dann ordentlich. Je nachdem, wie wir so vorankommen bei dem bisschen Wind. Sicher ist eines: ein unruhige Fahrt wird das nicht. Wenn wir einen optimistischen Schnitt von vier bis fünf Knoten ansetzen, ja, dann sind wir zwischen ein und zwei Uhr morgen früh in Hooksiel.

Also, läuft doch wohl bei uns.

Und nun mach ich das, wozu ich eigentlich gar keine Lust habe. Ich rufe die Männer und Frauen von "Bremen Rescue" an, will mal hören, wie die das so sehen mit der Ansteuerung von Hooksiel, funken möchte ich nicht. Das ist mir zu peinlich. Ich denk dann immer an viele der Notrufe im Sommer, die keine sind, Zitate spar ich mir jetzt weg, obwohl: leicht ist das nicht.

Der Mann am Telefon ist freundlich, zugewandt. Er versteht mich allerdings erst miss. Wo genau wir seien, ob wir abgeholt werden müssten?

Nein, erkläre ich. Wir hätten keine Not. Ich wolle mich nur erkundigen, wie es aussähe mit der Ansteuerung von Hooksiel. Unsere Seekarten seien nicht die al­ler­ak­tu­ell­sten und es mangele uns im Moment an einer funk­ti­onie­ren­den Maschine. Was er meine, ob wir unter Se­geln in den Hafen laufen könnten, nachts?

Wenn das Manöver gelingen solle, lässt er sich ein, dann würde er abraten. Zuviel Strom, zu untief und für nicht Ortskundige zu schlecht betonnt. Vielmehr würde er empfehlen, die Jungs vom Kreuzer "Bernhard Gruben" zu informieren. Die würden uns draußen auf der Jade an den Haken nehmen und mit ihrem Tochterboot sicher in den Hafen bringen. Nein, funken solle ich mal nicht, das machte viel zu viele Leute neugierig. Hier bitte sei die Telefonnummer des Rettungskreuzers.

Mir kommt das entgegen - ich erkläre ungern öffentlich, wenn es gerade nicht so mitläuft. Der Mann auf der "Bernhard Gruben" ist unaufgeregt geschäftsmäßig und angenehm:

Wann wir den so etwa eintreffen würden? Jo, kein Thema gegen eins also. Wir sollten uns so eine halbe Stunde vor dem Eintreffen melden. Ginge klar. Bis später und Hand­breit.

Nun ist Frau Cornelia dran, natürlich muss sie auch informiert werden. Sie kann sich die Fahrt nach Cuxhaven morgen sparen, eher geht es für sie nach Hooksiel - irgendwann.

Ach, ach ach, ob es uns denn gut gehe? Ob wir es schaffen würden? Nein, was für ein Ärger. Sie hoffe das Beste für uns. Und bitte: Unbedingt melden! Sofort nach Eintreffen! Versprochen? Egal, wie spät es sei. Ob ich das verstanden hätte?

So, an notwendigen Außenkontakten ist alles abgehakt. Wir können uns auf ruhige Stunden vorbereiten. Erst mal Kaffee machen mit der Senseo und für Wim eine Kanne Tee. Hätten wir nicht Pläne gehabt, wäre wirklich alles bestens. Ganz ruhig gleiten wir dahin. Das Tempo geht unter drei Knoten, bald nähert es sich der Marke von nur noch Zweien. Die Inseln an Steuerbord wollen einfach nicht vorbeiziehen. Es ist, als klebten wir fest an ihnen. Aber doch, irgendwann beginnt das kleine Baltrum ganz langsam achteraus zu wandern. Wir machen uns an die Passage von Langeoog, erreichen Spiekeroog und kriegen Wind. Die Tachonadel springt auf drei Knoten, dreikommafünf, sie schrappt die vier.

Und dann, ja dann ist es wieder aus mit Wind. Es passt doch nie. Mal zu wenig, meist zu viel. Ein Einsehen haben sollte die Natur und es so einrichten, dass wir mit ihr umgehen können, dass wir zufrieden sind mit ihr. Soll ihr Schaden doch nicht sein.

Ohne Wind in die Jade
Wir quälen uns in die Jade

Nichtsdestotrotz kriegen wir Wangerooge erreicht, es beginnt zu dämmern. Wir schwenken langsam südlich, kochen uns ein nicht zu opulentes Abendmahl und hoffen auf mitlaufendes Wasser. Bald muss es kommen. Gegessen wird mit mittlerem Appetit, zu kräftezehrend war die Reise bis hierher nicht. Die eine und auch die andere Tasse Kaffee rauscht noch durch die Senseo. Irgendwann, inzwischen ist es nahezu dunkel, kommt von oben:

"Ich bin nicht sicher ob ich an der Tonne vorbeikomme. Ruderwirkung hab ich keine. Wird verdammt eng."

Wim und ich lassen den Abwasch liegen, marschieren nach oben und nehmen uns für den Fall der Fälle jeder einen Fender. Könnte ja helfen. Mit einem Abstand von drei Metern treiben wir gemächlich an der grünen Tonne des Wangerooger Fahrwassers vorbei. Hat nochmal gut­ge­gan­gen.

"Ich kann drehen, was ich will", sagt Jörg, "da regt sich so gut wie nichts. Aber, und das macht Hoffnung: Es fängt am Schieben, wie man sieht."

Ob wir die ein Uhr noch werden halten können? Ich glaub es nicht. Zwei wird es wohl werden.

Weit nach elf ist es jetzt. Und fängt an zu ziehen. Tatsächlich! Es kommt eine Brise auf. Drei Knoten über Grund, dreikommafünf, vier, fünf Knoten. Wir fliegen! Fünfkommafünf, sechs, sechs. Jetzt werden es tatsächlich sieben, sieben Knoten. Watt'n segeln - geil. Und keine Welle. Dreizehn Tonnen schneiden durchs Wasser als wäre es Luft.

00:45 Uhr. Das Telefon klingelt:

"Hier ist die Bernhard Gruben, hallo. Wo seid ihr denn? Können wir schon rauskommen?"

Ich sage, dass wir uns gleich gemeldet hätten. Wir stünden jetzt bei Tonne 27 und bräuchten noch circa 30, 40 Minuten. Ob sie uns denn nicht auf dem AIS hätten?

Nee, auf dem AIS sei nichts. Zumindest kein Signal von uns. Sie kämen uns jetzt entgegen und würden uns wohl finden. Viel Verkehr sei ja nicht.

"Okay, danke bis gleich. Wir sehen uns."

Verdammt, denke ich, wozu hab ich ein aktives AIS, von dem ich immer so schwärme, wenn's nicht funktioniert? Ich hab es doch geprüft in Weener. Und da war ich zu sehen. Und warum eigentlich ist immer was kaputt an dem Drecksschiff? Von anderen hör' ich das doch nie! Also noch 'ne Baustelle dazu. Jetzt aber egal. Kriegen wir später.

Ich sitze unten und habe das Signal der "Johann Fidi", der kleinen Tochter vom "Bernhard Gruben" auf dem Bildschirm. Empfangen also tut das AIS-Ding, aber das war eh klar. Sie laufen aus Hooksiel aus, schlagen einen großen Bogen und kommen uns mit mittlerem Tempo im Fahr­was­ser entgegen.

Wim und Jörg bestätigen, dass sie die Lichter jetzt auch sehen können. Jörg leuchtet mit der Taschenlampe in die Segel um uns klar erkennbar zu machen. Bei Tonne 35 sind wir auf gleicher Höhe. Die Retter drehen ihren Fidi und laufen parallel zu uns.

"Moin, alles gut?"

"Jo, bestens. Schön, dass ihr eure Nacht opfert. Danke."

Die zwei Männer vom Kreuzer sind sehr feinfühlig, erklären alles genau und überdeutlich. Das ist sicher eine gute Strategie, die Ruhe ausstrahlt und im Zweifel Ängste nehmen kann. Bei uns muss das nicht unbedingt - wir hatten nichts auszustehen. Trotzdem, ich find es richtig so. Sie wissen ja auch nie, auf wen sie treffen. Wir nehmen die Segel weg, bekommen eine Leine, die Wim vorne auf die Klampen gibt. Ich steh am Steuer und wir machen die letzten Meter nach Hooksiel im Schlepp. Ganz vorsichtig landen wir am Steg der Retter, machen unsere Leinen fest. Es ist noch nicht ganz zwei Uhr. Beinahe also sind wir noch in der Zeit.

Gern würden wir sie noch auf ein Bier einladen, sagen wir der jetzt komplett versammelten Mannschaft der Bernhard Gruben. Aber leider, wir hätten von allem viel, nur Bier, das hätten wir nicht.

Das sei kein echtes Problem. Sie hätten und sie hätten sogar soviel, dass sie abgeben könnten davon. So haben wir noch eine gute nette Stunde auf dem Steg und steigen erst nach drei Uhr in den Keller unserer Kohinoor. Nette, natürliche Männer, die von dem Rettungskreuzer. Gut dass es sie gibt!

Frau Cornelia hatte ich vergessen, Jörg rief sie irgendwann zwischen zwei und drei an, nein böse sei sie nicht gewesen, sie hätte das verstanden.

Glück gehabt!

Logbuchauszug
Logbuch, der zweite Teil

O Mann, früh raus. Wir haben einiges vor. Es ist Freitag. Die werktätige Bevölkerung wird zeitig ins Wochenende gehen wollen. Bis dahin müssen wir noch so manches voreinanderschieben. Also nur kurzes Frühstück und dann ran.

Zuallererst den Jungs vom Rettungskreuzer ein kleines "Dankeschön" rüberreichen. Die haben gerade Wach­wech­sel, die einen gehen, die anderen kommen. Das also ist schnell erledigt, weil wir auf keinen Fall den Ablauf stören wollen. Dann geht es zur Werft. Obwohl ganz nah ist es doch 'ne Ecke Weg. Über's Wasser wär' es schneller gegangen: Durch die Schleuse und dann gleich rechter Hand liegt die ansehnlich große Werft. Zu Fuß ist es ein ordentlicher Marsch.

Um kurz nach zehn sitzen Jörg und ich bei der zierlich schlanken Sekretärin der "Werft Hooksiel" am Schreibtisch und schildern kurz unser Problem.

Grundsätzlich helfen könnten sie, na klar. Nur im Moment, da sei es eng, viele Aufträge, wir wüssten schon. Alles weitere sei mit dem Betriebsleiter zu besprechen. Sie würde ihn ausrufen, er käme dann sicher gleich rauf zu uns.

Wir warten kleine zehn Minuten, machen nach unseren beschränkten Möglichkeiten ein wenig Smalltalk, sprechen kurz auch über die Zugänge zur Werft.

Ja, es gäbe einen sehr viel kürzeren Weg als wir ihn gehen mussten. Wenn wir blieben, bekämen wir natürlich einen Schlüssel zu einem kleinen Tor, sehen Sie, dahinten, nein da, zwischen den Bäumen.

Wir hören Schritte auf der Treppe und schon steht ein zirka 40-jähriger drahtiger Mann in Arbeitskluft bei uns im Raum:

"Moin, wohl Pech gehabt, was?"

"Jo", sag ich, unser Pech könnte sich für Ihn zum Glücksfall erweisen. Wenn wir uns dann einig würden.

Och, davon ginge er wohl aus. Wir würden wohl klar­kom­men miteinander. Und danach mit breitem Grin­sen:

"Unser Standort hier ist nicht der schlechteste. Die Seenotretter bringen immer wieder Arbeit ran. Und Wettbewerb ist kaum am Ort. Die Voraussetzungen dafür, dass wir uns gut verstehen, sind also bestens."

Der Mann hat Humor, ist geradeheraus und gar nicht unsymphatisch. Wir erklären, was aus unserer Sicht zu tun ist, die Maschine müsse raus, das sei nicht einfach, aber machbar.

Der Maschinenausbau sei kein Problem, höchstens ein zeitliches, die Maschinenreparatur könnten sie nicht machen, da sei nicht ihr Gewerk. Möglicherweise aber hätte er da jemanden, oder aber wir hätten Kontakte. Das sei egal. Und leider, reinschleppen aus dem Vorhafen könne er uns nicht, sie hätten kein Boot zur Verfügung. Da müssten wir uns bitte jemanden suchen. Es kämen ja immer genügend Leute rein. Er spräche aber schon mal mit dem Schleusenwärter, dass der Bescheid wisse. Und wenn wir dann bei ihm am Steg wären, sollten wir uns eben melden. Er käme dann an Bord und wir könnten alles weitere besprechen.

Soweit also mittelgut. Zu dem Mann kann man Vertrauen haben. Jörg ist da meiner Meinung. Und wirklich schlauer sind wir erst am Schluss. Jörg ist wieder meiner Meinung. Mit dem Schlüssel der netten Sekretärin können wir den zu laufenden Weg zurück zur Kohinoor auf weniger als ein Viertel reduzieren. Unterwegs schauen wir noch eben bei der Schleuse rein.

Jau, er hätte schon gehört. Das kriegten wir wohl hin. Und wenn wir niemanden fänden zum Schleppen, sollten wir uns nochmal melden. Würde schon.

Wir trennen uns. Jörg will ein paar Leute anrufen wegen der Maschine und auch den vermutlichen Re­pa­ra­tur­auf­wand besprechen. Ich such einen Schlepper für die nächste Schleusung um vierzehn Uhr.

Is' aber nicht viel los im Hafen, wohl noch zu früh. Das einzige eventuell geeignete Boot ist ein nicht zu großer sportlicher Kat von etwa acht Metern Länge. Ich spreche den Mann an Bord an, drahtig und wettergegerbt schaut er aus, als er aus seiner niedrigen Kajüte kriecht.

Er sei allein, aber sicher würde er helfen, so gut er könne. Und wenn ich einen von meinen Männern zu ihm rüberschickte dann sollte es wohl klappen mit dem Schleppen.

Als er mir stolz von seinen beiden Elektroaussenbordern mit jeweils unter zwei KW Leistung erzählt, bin ich nicht mehr ganz so zuversichtlich. Wir verbleiben so, dass wir ihm bei der Schleusenöffnung winken, wenn wir nicht doch noch jemand anderen mit mehr Besatzung finden. Lieber sei es mir, ich könne meine Besatzung an Bord behalten für die Leinenarbeit in der Schleuse. Manchmal neigt man zum Schwindeln, um anderen nicht wehzutun.

Nicht wirklich zufrieden schlurfe ich zur Kohinoor zurück. Jörg telefoniert noch, hebt aber den Daumen.

Ich setz mich mit Wim in die Plicht - will den Hafen im Auge behalten. Kurz vor zwei ist es, da kommt ein stäbiger Segler rein von der Jade, runde zehn Meter hat er. Als er auf Rufweite ist, spreche ich die Leute an, Mann und Frau sind an Bord.

Ja, kein Problem, sie nähmen uns mit. Kämen zu uns rüber, sobald die Tore aufgingen. Ich bin zufrieden. Der soll unsere dreizehn Tonnen wohl vom Fleck bewegen können.

Kurz nach zwei. Die Brücke öffnet, die Tore gehen auf. Der Verkehr von binnen läuft aus und unser Schlepper dampft heran. Wir übergeben unsere Leine, der Käpten von drüben verlängert sie mit einer eigenen. Wir lösen unsere Festmacher und kommen langsam vom Steg frei. Zum Katamaran winke ich dankend rüber, er quält sich leise surrend schon Richtung Schleuse. Jetzt müssen wir es nur noch schaffen in der Schleuse rechtzeitig aufzustoppen, Wim und Jörg halten Leinen bereit. Wird schon. Muss ja.

Ganz langsam sind wir unterwegs Richtung Tor, da hör' ich von hinten:

"Braucht ihr einen Bremser?"

"Donnerwetter", ruf ich rüber zu den beiden jungen Leuten auf dem Segler kurz hinter uns, "Klasse, Bremser in dieser Situation find ich riesig. Danke."

Wims Leine fliegt zu ihnen rüber. Hier kann nichts mehr anbrennen, hier läuft alles mit. Zwanzig Minuten später liegen wir am Außensteg der "Werft Hooksiel". Bestens ist das gelaufen. Danke an Schlepper und Bremser.

Die Sonne brennt vom Himmel, wir sitzen draußen. Jörg informiert zu seinen Telefonaten:

Richtig sagen könne niemand etwas. Den Fall, das die Welle einer Impellerpumpe gebrochen sei, habe man noch nicht gehabt. Einhellige Meinung sei, die Maschine müsse raus und in einer Werkstatt geprüft und repariert werden, wenn sie dann überhaupt reparabel sei. Auf jeden Fall sei der Wellenbruch restlos zu entfernen. Bei Perkins Deutschland habe er tatsächlich auch noch jemanden erreicht. Dort würde man eine Firma in Westerkappeln empfehlen, die sich gut mit alten Perkinsmaschinen auskennen würde. Er, Jörg, würde die Leute kennen und hätte auch mit denen gesprochen. Sie würden das machen, seien aber sehr sehr voll. Da könnten wohl zwei, drei Wochen ins Land gehen, ehe sie loslegen könnten. Aber erst mal die Maschine raus und dann würde man weitersehen und konkrete Termine machen.

Just ist Jörg mit seinem Bericht fertig, da kommt unser Betriebsleiter an Bord. Tanno heißt er, Tanno Kruse. Ja, einen Kaffee würde er nehmen, ob soweit alles in Ordnung sei? Er hätte es ja schon gesagt, sie hätten viel zu tun, aber er hätte nachgedacht: Am Montag wäre jemand auf der Werft von einer Firma Portal und Wotte aus Jever. Die machten in Motoren und hätten hier auf der Werft einiges an Servicearbeiten zu machen. Der Mann hätte bis gut mittags zu tun. Er würde in Jever anrufen und fragen ob man danach mit der Demontage der Maschine hier auf der Kohinoor beginnen könnte. Wenn das klappte, wäre doch schon ein Anfang gemacht. Was ich davon hielte?

"Viel", kann ich dazu nur sagen. "Sehr viel."

Wir verbleiben, dass ich am Montag früh schon so viel vorbereite wie eben möglich, Elektrik abklemmen, Schläuche raus und was sonst noch so geht.

Wir wünschen uns gegenseitig ein schönes Wochenende und ein fröhliches Wiedersehen am Montag. Unser Eindruck von Tanno war so verkehrt nicht.

Tja, dem Grunde nach ist die Geschichte damit am Ende. Wir sind an einem beileibe nicht geplanten Ziel angelangt, die näheren Urlaubspläne liegen in Trümmern vor un­se­ren Füßen, die Laune ist weit entfernt vom Best­zu­stand, die Maschine ist kaputt. Temporär oder auf Dauer? Für den Moment weiß das keiner. Was jetzt noch kommen kann, kann spannend kaum sein. Wenigstens un­ter­halt­sam? Da bin ich nicht sicher. Die folgende Zeit in Hook­siel und Umgebung gibt wenig her, insbesondere deshalb nicht, weil der eigentliche Plan war, schöne Zeiten auf der Ostsee zu verbringen.

Trotzdem und der Vollständigkeit wegen will ich den Rest eben aufschreiben. Wer also weiterlesen möchte, der kann:

Den Tagesrest verbringen wir faul. Ich rufe Frau Cornelia an.

Sie käme morgen, sagt sie. Damit die beiden Männer mit dem Audi nach Hause fahren könnten, auf dem kaputten Schiff brauchten sie ja nun nicht länger rumzusitzen. Und wir würden dann, sehen wie es weiterginge. Bis morgen also. Am Nachmittag.

Zum Kochen haben wir keine Lust. Jörg und ich, weil wir den Weg schon kennen, ziehen am frühen Abend los, um aus der Fischbude am Außenhafen ein schmackhaftes Mahl heranzuschaffen. Gegen 19:30 Uhr treffen wir ein und studieren die große, an der hinteren Wand der Bude befindliche Speisekarte.

Rettungskreuzer Bernhard Gruben
Die Bernhard Gruben mit der Fischbude im Hintergrund
Foto © DGzRS Hooksiel

Seelachs, Bratkartoffeln und Salat. Das klingt nicht schlecht. Genauso wollen wir es haben. Und so sagen wir es dann auch dem jungen Mann hinter dem Tresen. Von dem kommt zurück:

"Nur Bröttschen!", mit deutlich russischem Akzent.

Freundlich wiederhole ich unsere Bitte:

"Wir hätten gern drei Mal..."

"Nur Bröttschen!"

Weitere Nachfragen unsererseits ändern seine Einlassung nicht. Wir interpretieren das Gesagte wie folgt:

Wir machen gleich zu! Und weil das so ist gebe ich keine Bratkartoffeln mehr raus. Und Fisch werfe ich auch nicht mehr in die Friteuse. Weil ich aber Menschenfreund bin, könnt ihr von den ledrigen Brötchen haben, die sich da vorne schon seit Stunden in der Auslage stapeln und die ich sonst gleich in die Tonne werfen muss. Wär' doch schade drum. Oder?

Wir bedanken uns herzlich für dieses großzügige Ent­ge­gen­kom­men, wünschen weiterhin gute Geschäfte und trotten zurück zum Schiff. Dort machen wir uns - Brötchen. Aber ordentlich aufgebackene. Dazu gibt es allerlei Auf­schnitt, Käse und einige Spiegeleier. Keiner muss hungern.

Wie geplant trifft Frau Cornelia am frühen Sam­stag­nach­mit­tag ein, auch heute brüllt die Sonne vom Himmel. Wim und Jörg reisen gegen Abend ab in die Hei­mat.

Und wir zwei alten Eheleute sitzen in Hooksiel - zum Glück wenigstens mit je einem elektrischen Fahrrad.

Sonntag Abend gibt es Tatort. Irgendeine Wiederholung. Vorher passierte noch Launeverbesserndes. Kind Verena und Freund Nico brachten uns unsere Renaultronte:

"Damit ihr euch wenigstens ein bisschen bewegen könnt."

Nett von den beiden. Wirklich!

Am Montag früh raus. Schnelles Frühstück und dann schrauben. Ich will für den Mann, der am Mittag kommen soll, vorbereiten, was eben geht. Modernerweise mache ich etliche Dokumentationsbilder mit meinem Tablet und beschrifte zusätzlich die gelösten Kabel. Wer weiß, wer das Ganze wieder zusammenschraubt. Und falls ich es sein sollte, kann es auch nur helfen. Gar nicht schlecht, die modernen Zeiten.

Nicht mittags, aber gegen zwei klopft es:

Moin, er sei der Mitarbeiter von Portal und Wotte und solle hier eine Maschine ausbauen, hätte man ihm gesagt. Tanno, der Werftmeister hätte angerufen bei ihnen im Betrieb. Ob er an Bord kommen dürfe, fragt der knapp Dreißigjährige in blauer Arbeitskluft.

Gerne darf er, nein er soll, er muss! Wir stellen uns vor. Philip heißt er, ist augenscheinlich kräftig und verfügt über für die heutige Zeit hervorragende Umgangsformen. Ich bin überrascht und für den Moment um ein Vorurteil ärmer.

Bei einer Tasse Kaffee besprechen wir, worum es geht. Mein Angebot, nach meinen Möglichkeiten zu helfen, nimmt Philip mit sichtbarer Skepsis entgegen. Seine Augen verraten, was er denkt. Ich geb' es hier nicht wieder. Es wäre wenig schmeichelhaft für mich. Aber und nur das ist wichtig, er nimmt es an, das Angebot.

Und los geht es mit uns beiden. Ohne große Reden zu schwingen demontieren wir, was das Zeug hält. Eigentlich demontiert Philip und ich gebe den Anreicher und Abnehmer. Für den Jungen scheint das fremd. Normal arbeitet er wohl meist allein und ist es nicht gewohnt, Anweisungen zu geben. Ich sage ihm, er solle da keine Scheu haben, er käme dann besser voran und könne sich aufs Wesentliche konzentrieren. Es klappt immer besser zwischen uns und nach weniger als drei Stunden können wir Tanno hinzurufen, um den Perkins gemeinsam und mit Hilfe zweier Flaschenzüge aus seinem Loch zu heben. Gegen sechs steht er in unserem Salon. Wir sind zufrieden mit der Tagesleistung und verabreden uns für morgen früh. Wir wollen uns dann auf erste Fehlersuche begeben, soweit das unter den engen Verhältnissen überhaupt möglich ist und die Maschine soweit zerlegen, dass wir sie mit dem Werftkran nach draußen hieven können.

Perkinsausbau
Die Maschine kommt langsam aus dem Motorraum

Unsere Bewegungsfreiheit hat sich drastisch verringert durch die im Wohnzimmer stehende Maschine, aber es geht irgendwie. Bis morgen werden wir zurechtkommen, Frau Cornelia und ich.

Nachhaltig überrascht bin ich von Schlosser Philip. Er hat toll und unaufgeregt gearbeitet, keinesfalls zu viel geredet und deutlich gezeigt, dass er sein Handwerk versteht und auch noch Spaß an seiner Arbeit hat. Respekt!

Zu Frau Cornelia, eigentlich mehr zu mir selbst, sage ich am Abend:

"Wenn der Junge morgen seinen Job genauso gut weitermacht, dann können die Leute in Jever, die Portal und Wottes, doch die Gesamtreparatur machen. Wenn der Philip schon so gut ist wie es scheint, können die anderen da kaum schlechter sein. Vielleicht kommen wir dann doch fix weg von hier."

Perkins Dieselmotor
Perkins im Salon

Philip ist da, viel zu früh für uns eigentlich, genauso aber war es besprochen. Er hat Spezialwerkzeug mitgebracht. Damit müssen wir zuerst die Riemenscheibe demontieren, sonst kriegen wir den Deckel vom Räderkasten nicht ab. Und erst wenn wir den abhaben, können wir mit Glück beurteilen, wie hoch der Reparaturaufwand an unserm Perkins sein wird.

Es knackt kräftig. Dank riesiger Verlängerung und der Kralle, mit der wir die Schwungscheibe blockiert haben, löst sich die Mutter der Riemenscheibe. Noch einige Schrauben rausdrehen, der Räderkastendeckel kann abgenommen werden. Unten im Deckel finden wir so einiges an Metall, das dort keinesfalls hingehört - eindeutig handelt es sich um Bruchstücke unserer zerbrochenen Klauenkupplung. Diese sind ganz offensichtlich durch die Stirnräder gerauscht und haben sich unten im Deckel zum guten Teil wieder versammelt. Ob die Antriebswelle für die Wasserpumpe sich versetzt hat, so wie es Jörgs und meine Vermutung war, können wir nicht gesichert feststellen.

Motorendemontage
Die Demontage beginnt

Definitiv muss der Motor raus aus dem Schiff. Also alle Anbauteile ab, Anlasser, Lima, Wassersammler und was es sonst noch so gibt. Am Nachmittag verholen wir unter den Werftkran und ziehen den Perkins vorsichtig ans Tageslicht. Nichts geht kaput, nichts verkratzt. Nu ist wieder Platz auf der Kohinoor.

Schon während der Arbeit hatte ich mit Philip gesprochen:

Gehaeusedeckel mit Spaenen
Hier unten im Deckel finden wir Bruchstücke und Späne

Ich hätte nichts dagegen, wenn sie in Jever den gesamten Auftrag abwickeln würden. Die Arbeit hier sei so hervorragend gelaufen, dass ich mir nicht vorstellen könnte, dass sie in ihrer Firma pfuschen würden. Nur eines wäre vorab zu klären: Es müsse so schnell wie eben möglich gehen. Schließlich seien wir auf dem Weg in unseren Jahresurlaub. Das dieser auf etwa neunzig Tage angelegt ist, das vergaß ich zu erwähnen.

Was bitte er mir denn dazu sagen könne?

Aus seiner Sicht bekämen sie das wohl hin. Bei seinen Chefs würde er ein gutes Wort für uns einlegen. Er sei sehr zuversichtlich.

Also ist die Sache abgemacht. Meine Grundlaune steigt langsam an und Philip zieht am späten Nachmittag vondannen. Gemeinsam mit unserer Maschine, die so viele viele Jahre bislang treue Dienste geleistet hat - ge­meiner­weise hingemeuchelt von einer lächerlichen Im­pel­ler­pum­pe.

Bruchstück Impellerpumpe
Deformiertes Bruchstück der Pumpenklaue

Was hat das arme Ding nicht schon alles mitgemacht und klaglos überstanden. Unmengen an Wasser im Öl und den Zylindern, Kilogrammweise Schlick im Kurbelgehäuse und und und - jetzt aber bloß nicht sentimental werden, Pedder.

Es wird schon - irgendwie. Und sieht im Moment wirklich gar nicht so schlecht aus.

Wir machen uns einen, den Umständen entsprechenden, ge­müt­lichen Abend, überlegen, ob wir auf der zu­rück­ge­won­nen Sa­lon­fläche ein Tänzchen wagen wollen, verwerfen die Idee schnell, weil wir beide zu gut darum wissen, wie wenig ich in der Lage bin, meine Beine koordiniert zu Musik zu bewegen und schlafen trotz der darum fehlenden körperlichen Betätigung gut und lange. Schon während des Frühstücks klingelt das Telefon:

Die Firma Portal und Wotte sei am Telefon. Man wolle mich eben informieren. Anders als ich vermutet hätte, sei nicht die Antriebswelle der Impellerpumpe in die Einspritzanlage versetzt worden. Vielmehr wäre der Räderkastendeckel bedingt durch den Bruch der Klaue um etwa 12 Millimeter aus seiner normalen Form getrieben worden. Das sei die definitive Faktenlage, man habe das alles soeben vermessen. Die besonders schlechte Nachricht in diesem Zusammenhang sei: Ein neuer Deckel sei nicht lieferbar, die Reparatur des alten, beschädigten nahezu unmöglich.

Besonders euphorisch, der geneigte Leser wird es nachvollziehen können, nehme ich die Mitteilung nicht auf, möchte mir aber unbedingt selbst ein Bild machen. Und so verabreden wir uns für den Nachmittag in den Geschäftsräumen der Motoreninstandsetzungsfirma in Jever. Was für ein Glück, dass Kind Verena uns ein Auto brachte.

Unsere erste Autofahrt von Hooksiel aus führt uns also nach Jever. Viele weitere Fahrten, mal per Auto, mal per Rad werden in den nächsten Wochen folgen. Unser Navi führt uns zu einer nicht zu großen Firma in einem freudlos anmutenden Industriegebiet eben außerhalb der Hei­mat­stadt des "Jever-Pils"-Bieres.

Die Aufnahme ist freundlich. Wir mögen doch bitte einen kleinen Moment Geduld haben, der Chef käme sofort. Unsere Wartezeit kann ich nur nach Sekunden bemessen.

Es kommt nicht ein Chef, es kommen zwei, zwei Brüder. Portal der Erste, und Portal der Zweite, einen guten Tag. Wir also seien die beiden Pechvögel. Sicher würden wir gleich gern einen Kaffee trinken. Mit Milch? Mit Zucker? Zuerst allerdings sollten wir uns gemeinsam die Maschine anschauen, sie sei hinten aufgebaut. Wir mögen bitte folgen.

Die Männer haben recht, sie haben bis hierhin eine super Arbeit abgeliefert, sauber demontiert und vermessen. Alles was sie sagen, bestens nachzuvollziehen und verständlich vorgetragen. An Bord war die hier deutlich nachgewiesene Aufwölbung des Deckels nicht sichbar gewesen und schon gar nicht im eingebauten Zustand der Maschine. Da brauch' ich mir mal keine Vorwürfe zu machen. Wir setzen uns in ihr Büro, überlegen, wie weiter zu verfahren ist. Zum Kaffee gibt es zu allem Überfluss auch noch Plätzchen - toll.

Nach einer halben Stunde haben wir einen Plan. Egal, was kommt: Die Männer hier bestellen alle notwendigen Dichtungssätze und sonstigen Kleinteile und ich kümmere mich um die Beschaffung eines neuen Rä­der­kasten­deckels. Wie genau? Ja, das weiß ich jetzt doch auch noch nicht. Mein Ehrgeiz ist geweckt. Nur wenn ich nicht fündig werden sollte, werden die Portals versuchen, den alten Deckel soweit zu restaurieren, dass er wieder verwendbar ist.

Ich bin nach unserem Besuch sicher, die würden das schaffen, zu Recht allerdings kostete das einige Kreuzer, einige mehr sogar, als mir lieb wäre. Den Rest des Tages verbringen wir damit Jever zu besichtigen. Gar nicht hässlich, lohnt bestimmt noch mehr, wenn man wirklich in Urlaubslaune ist und das Ziel bewusst gewählt hat.

Den morgigen Tag werde ich ganz der Er­satz­teil­be­schaf­fung widmen. Das Telefon lege ich erst aus der Hand wenn ich erfolgreich war.

Und dann geht das los. Gleich nach dem Frühstück. Frau Cornelia fährt mit dem Rad ins Dorf. Sie braucht ein wenig Abwechslung.

"Ja, schönen guten Morgen. Hier ist Perkins Deutschland. Da war doch gestern schon ein Anruf ... aus Jever wenn ich recht erinnere. Ich sag es mal so: Es wäre kein Problem gewesen wenn sie vor fünf Jahren angerufen hätten. Da hatten wir noch alle Teile für diesen Typ am Lager. Heute? Tut mir leid. Vielleicht irgendwo bei einem Instandhalter.... Nein, dazu kann ich Ihnen nichts sagen. Auf Wiederhören."

"Hm, das glaub ich nicht. Muss ich auf dem Lager nachsehen. Melden Sie sich doch bitte noch einmal. Nein nicht heute. Ist sowieso sehr unwahrscheinlich. Morgen nicht vor Mittag."

"Haha, Sie machen Spaß, den Typ gibt es doch schon seit den frühen Achtzigern nicht mehr. Der wurde früher, also damals, in Mähdreschern verbaut. Da werden Sie nir­gend­wo Glück haben."

"Oh, ich glaub da hab ich was. Warten Sie. Nein, die Teilenummer stimmt nicht. Der hier hat keinen Flansch für die Pumpe. Versuchen Sie es woanders. Viel Glück."

So und sehr ähnlich geht das jetzt seit Stunden. Da muss ein Strategiewechsel her, England vielleicht? Da schließlich kommen die Dinger da her, da wurden die gebaut. Erstmal aber rufe ich Freund Jörg an und wimmere ein bisschen. Der hat häufig auch Ideen und will sich melden. In einer Telefonpause recherchiere ich ein wenig im Netz mit der Teilenummer meines Räderkastendeckels. Die hab ich inzwischen rausbekommen und eigentlich, wenn ich wirklich schlau wäre, hätte ich sie mir auch zusammenbasteln können aus den Unterlagen, die ich freundlicherweise auf der Nordsee von den Bremer Pumpenlieferanten bekam.

Tatsächlich! Irgendwo in den Staaten bietet doch tatsächlich ein Wegelagerer und Halsabschneider genau meinen Deckel an. Neu! Für 1.200 Dollar. Der vormalig hier in der Heimat aufgerufene Preis für das Ersatzteil lag bei knappen fünfzig Euro. Lag! Ich weiß das von einem meiner Telefonkontakte. Bevor ich das Ding kaufe, lasse ich die Leute in Jever den Deckel aus alten Fischkonserven dengeln.

Frau Cornelia ist lange wieder da. Lässt mich aber in Ruhe weil sie merkt, dass ich nicht bester Laune bin. Sie führe noch mal los. Vielleicht etwas zum Abendessen einkaufen. Bis später.

Ich mach mir Kaffee und nehm' mir eine Nussecke. Telefon. Jörg.

André hätte da was gefunden. Ich solle doch mal nachschauen bei "ebay-Kleinanzeigen". Da würde jemand genau meine Maschine anbieten. Für ein Taschengeld. Ja genau, einen Perkins 4.108M. Wenn ich Perkins Diesel eingäbe, käme ich sicher zu dem Angebot.

Guter Junge der André!

Also "ebay", nein nicht "ebay" sondern "ebay-Klein­an­zei­gen". Das ist was anderes! Tatsächlich dann:

Perkins 4.108 Schiffsdiesel
defekt ohne Nockenwelle
Standort Ückermünde, nur Abholung
VB 150,-- Euro

keine Telefonnummer, nur per ebay-Mail erreichbar. Auf dem zugehörigen Foto ist ersichtlich: dolle sieht der Motor nicht aus, hat aber einen Räderkastendeckel - meinen Räderkastendeckel. Ich schreibe:

Bin sehr interessiert. Erbitte Anruf! Danke!

So oder ähnlich. Wahrscheinlich aber etwas freundlicher. Wie man das so macht. Machen sollte! Häufig hör ich von meinen Kindern anderes. Die Umgangsformen anderer sind aber hier nicht das Thema.

Frau Cornelia kommt zurück:

"Du siehst entspannter aus. Und lächelst. Hast du was gefunden? So'nen Deckel?"

Ich erzähle von meinem grandiosen Erfolg. Von Jörgs und Andrés Hilfe. Und davon, dass ich nur noch eben auf einen Rückruf warte.

Auf den warte ich noch jetzt. Und jetzt ist der nächste Morgen. Aber es kommt eine Mail. Aus Ückermünde. Sorry, man sei unterwegs gewesen. Der Motor sei noch verfügbar. Wenn ich weiterhin Interesse hätte, könnte ich mich unter folgender Nummer melden, Null, eins und so weiter.

Wählen, sofort! Es klingelt. Einmal, zweimal und noch ein paar weitere Male. Und dann eine Stimme, ja klar, der Perkins, den könne ich haben. Kein Problem. Ob mir klar wäre, dass die Maschine nicht einsatzfähig sei?

Ist klar! Ja das wisse ich. Ob ich heute kommen könnte. Ob das passte?

Nein heute ginge nicht. Morgen. Morgen wäre prima. Nachmittags? Ja. Wir sollten doch noch mal telefonieren um alles genau zu klären. Bis später.

Mit weiten Augen schaut mich Frau Cornelia an:

"Hast du sie nicht mehr alle? Bist du bekloppt? Weißt du eigentlich, wo Ückermünde ist? Das sind, warte, ich gucke nach, deutlich mehr als fünfhundert Kilometer von hier. Und zurück müssen wir auch noch. Kann doch dein Ernst nicht sein. Und was willst du mit dem ganzen Schrottmotor, sagst du doch selbst? Du brauchst doch nur den Deckel. Der soll den abschrauben, in'nen Karton packen und schicken. Ende Gelände."

So deutlich eben lassen sich Admirale mitunter ein. Weib­liche vornehmlich. Auch ihren Kapitänen gegenüber.

"Ja, mein Hasilein. Du hast ja völlig recht. Aber..."

"Nix aber. Sei doch vernünftig. Ist doch eh fast Wochenende. Da tut sich nichts bei den Leuten in Jever. Egal ob du das Teil am Samstag hast oder nicht. Und die ganze Bälgerei. Ruf da noch mal an. Sprich mit dem Mann ob er den Deckel ausbauen kann und schicken. Dann ist der auch Montag da, spätestens am Dienstag, oder?"

Frau Cornelia hat recht. Ich wähle die Nummer in Ückermünde und habe, nachdem ich Frage, was mir die Sache denn wert sei, mit "Einhundert" beantworte, Erfolg. Das Porto käme aber noch drauf, genau siebenfünfzig wür­de das ausmachen.

"Geschenkt, kein Problem, nur bitte - gleich abschicken. Ich überweise jetzt, jetzt sofort."

"Jo, wird erledigt. Und Tschüss."

"Siehste", sagt Frau Cornelia, "geht doch."

Für den weiteren Verlauf des Tages ist eine Radtour angeordnet, eine Radtour nach Schillig. Von uns aus gesehen deutlich nördlich liegend, gefühlt nur kurz unterhalb des Polarkreises. Meinen Einwand, ich müsse den Motorraum noch saubermachen, hätte ich mir wegsparen können. Den soeben gehabten Einkaufserfolg melde ich stolz per Mail nach Jever, dann können wir los.

Motorraum
Sauberer geht nicht bei einem Schiff aus 1976

Die nach Westen führende Bäderstrasse haben wir noch nicht erreicht, da klingelt das Telefon:

Lübker sei sein Name, sagt der Anrufer, er sei tätig bei meinem Pumpenlieferanten. Sein Chef, der Herr Stallkamp habe ihn beauftragt, sich zu erkundigen wie die Dinge stünden, ob wir sicher angekommen wären, wie es mit der Reparatur vorangehe, ob wir vor Ort, in Hooksiel seien wir nach seinen Informationen, die nötige Unterstützung hätten?

Ich bin mehr als überrascht. Mit vielem hatte ich gerechnet - damit nicht. Scheint sich um echte Kaufleute zu handeln da in Bremen. Ehrbare Hanseaten gar? So was ist äußerst rar heutzutage. Ich informiere Herrn Lübker umfassend zum Stand der Dinge, er bittet mich darum, eine Mail fertigzumachen, in der ich den Schadensumfang deutlich mache und nach Möglichkeit mit Fotos belege. Es wird vereinbart, in Kontakt zu bleiben.

"Auf Wiederhören und allerbesten Dank für den Anruf."

Wir strampeln wieder los, eine Weile müssen wir noch westlich, dann abbiegen nach Norden. Rechter Hand im Deichvorland erstreckt sich überraschend groß das Areal des "Campingplatzes Hooksiel". Dem tristen graubraunen, schlickigen Watt ist der Platz vorgelagert. Hier, so glaube ich, ist immer Ebbe. Man hat bei Errichtung der Anlage auf alles verzichtet, was man heimelig nennen könnte, Zelte und Wohnwagen stehen eng in Reih und Glied auf den Parzellen. Auf schattenspendende Bäume, Büsche und Hecken haben die Platzentwickler verzichtet. Nein ich schwindele - im vorderen Bereich stehen vereinzelt einige wenige Exemplare der Gattung, ja welcher, ich möchte sie als traurige schlanke Bäumchen bezeichnen.

Ich will niemandem zu nahe treten, aber, wer hier Urlaub macht, der muss ein ganz gruseliges Zuhause haben oder ein so schönes, dass er sich sagt: Für zwei, drei Wochen müssen wir jetzt raus hier, müssen wir auf Camping nach Hooksiel. Damit wir hinterher wieder richtig wertschätzen können, wie schön und gemütlich es bei uns ist.

Auf und neben dem Deich bewegen wir uns weiter. Links von uns bald das Wangertief, ein mehr oder weniger breiter Graben, der sicherlich der Entwässerung dient. Farblich unterscheidet er sich von der auf der anderen Seite liegenden Wattfläche dadurch, dass er graugrün ist, aber mehr ins schmutziggraue gehend.

Genau dort, wo das Wangertief in das Wanger Außentief und damit in den Yachthafen von Horumersiel übergeht, queren wir den Wasserlauf. Links schmutzig graugrün, rechts ebenso schmutzig graubraun. Der Yachthafen besteht aus einer größeren, rechts liegenden und einer kleineren, links liegenden Betonfläche. Dazwischen dümpeln im Schlick zwei Schwimmstege, an denen sich einige Segelboote bemühen aufrechte Haltung zu bewahren.

Der Ort, das Dorf Horumersiel besticht im Vergleich zum bisher Gesehenen durch ein nettes Äußeres, es wirkt gemütlich, hat schmale verwinkelte Strassen, die Bebauung ist ostfriesisch backsteinig und abwechslungsreich. Natürlich leisten wir uns keine Pause, müssen ja weiter nach Schillig. Wir folgen der dorthinführenden Ausschilderung. Nach einer Links- und später einer Rechtskurve geht die Deichstrasse über in die leicht versetzt laufende Jadestrasse. Damit und schneller als erwartet ist Schillig erreicht. Wir folgen der Jadestrasse Richtung Zentrum, passieren dabei Pensionen und etliche Zim­mer­ver­mietungen wie beispielsweise die Ferien­woh­nun­gen Brandt, Jade­wind und Schillig. Das Zentrum wird kenntlich gemacht, und ist für uns und andere nur als solches zu erkennen durch ein Schild mit ent­sprech­en­der Aufschrift. Nichts deutet auf das hin, was gemeinhin erwartet wird, gemütliche Plätze, Geschäfte, Restaurants, Cafés. Hier ist so gut wie nichts davon. Was es gibt sind einige höhere Gebäude, vermutlich mit Appartementwohnungen. Sie spenden uns ersehnten Schatten, die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel.

Ich mach es kurz: wir hatten uns das anders vorgestellt, gemütlicher eben. Was es gibt in Schillig, keinesfalls soll es verschwiegen werden, ist ein vergleichsweise riesiger Strand mit umfangreicher Kinderbelustigung. An den schließen sich die schon beschriebenen Schlickflächen an, die vermutlich zweimal täglich und sicher fast immer zur Unzeit mild von Nordseewasser überspült werden. Wir haben dieses Schauspiel nicht miterleben dürfen. Darüber hinaus wird ein Campingplatz vorgehalten, der dem vorhin beschriebenen hinsichtlich "Heimeligkeit" nichts voraus hat. Um ein vielfaches größer ist er wohl. Es muss also Bedarf geben. Jedem unbedingt das Seine!

Watt bei Schillig
Watt bei Schillig
dieses Foto stammt von der Plattform Pixabay und darf frei verwendet werden - herzlichen Dank dafür auch dem Fotografen

Unser Aufenthalt in Schillig ist nicht überlang. Natürlich, wir besichtigen den Strand, an Stadt, Dorf ist nichts zu besichtigen, ich sagte es schon. Zurück geht es wieder durch Horumersiel, wie auch anders.? Es gibt nur diesen Weg.

Dort kehren wir ein im "Altes Zollhaus" mit wirklich schöner Terrasse, ich wollte doch gerade Außenterrasse schreiben, watten Quatsch. Das wesentliche Merkmal einer Terrasse ist doch wohl das, dass sie draußen liegt.

Kuchen, Kaffee und Bewirtung sind okay, wir sind zufrieden und radeln kuchengeschwängert zurück auf unser Werft­ge­lände.

Das Wochenende und die folgenden Tage füllen wir so gut es geht mit Ausflügen und Besichtigungstouren des Um­lan­des. Je nach zu bewältigender Entfernung wählen wir als Beförderungsmittel Auto oder elektrische Fahrräder. Es ist schön wenn man die Wahl hat.

Mehrfach natürlich wir besuchen den Ort Hooksiel am Ende des Hooksieler Binnentiefs liegend. Hin und zurück radeln wir jeweils durch einen die Wasserfläche nördlich begrenzenden, urwüchsigen Knüppelwald. Quasi mitten im Ort, nämlich im "Alten Hafen" gibt es einige schöne Liegeplätze für Boote nahezu jeder Größenordnung. Man liegt längsseits an der Kaimauer direkt vor den Terrassen des "Packhaus". Sowohl Wasser als auch Strom werden bevorratet. Die Kaimauer bietet Platz für acht bis etwa zwölf Boote.

Hooksiel, Alter Hafen mit Packhaus
Hooksiel, Alter Hafen mit Packhaus - 2014 waren wir schon einmal hier

Der Ort selbst ist eher angenehm, allerdings bei näherer Betrachtung zumindest im Kern ein einziger Restaurant-, Caféhaus- und Eisdielenbetrieb. Abwechslung bieten einige Souvenir- und Bekleidungsgeschäfte. Nein, so dramatisch wie es nach meinen Worten scheint, ist es nicht - ein ganz nettes Örtchen dieses Hooksiel. Und noch einmal: Die Liegeplätze sind wirklich urig. Empfehlenswert ist die Besichtigung des ehemaligen Rathauses mit Zwiebelturm.

Präzise vorbereitete Autoreisen führen uns nach Varel, nach Dangast, Bremerhaven, Oldenburg und natürlich nach Wilhelmshaven. Alles Ziele, die wir nicht im Entferntesten auf unserer Reiseliste für diesen Sommer hatten und die nur vage dazu beitragen, unsere latente Grundunzufriedenheit mit der Gesamtsituation zu übertünchen. Allerdings halten wir uns insgesamt betrachtet tapfer.

Mein Kontakt beim Bremer Versender, der Herr Lübker äußert sich in einem Telefonat nicht nur verhalten an­er­ken­nend:

"Mensch doll, wie Sie mit der Situation umgehen. Andere würden toben, brüllen, mir die Pest an den Hals wünschen und weit schlimmeres. Find ich klasse. Hut ab."

Am Montag hören wir aus Jever, dass der Rä­der­kasten­deckel eingetroffen sei. Aber, a) es fehlten leider noch einige wenige Ersatzteile für unsere Maschine und b) es sei ein dringender Notfall dazwischengekommen, un­auf­schieb­bar leider an einem gewerblich genutzten Schiff. Wir mö­gen doch bitte Verständnis haben.

Notgedrungen haben wir Verständnis, wenn auch nicht über­schwänglich.

Neben unseren Reiseaktivitäten ist noch Platz, ich schaffe es, den mit den Jahren recht versifften Motorraum in die einzige Abteilung auf unserer Kohinoor mit nahezu Reinraumatmosphäre zu verwandeln. Zu meiner Eh­ren­ret­tung in dieser Angelegenheit: Bei eingebauter Ma­schi­ne ist es unmöglich, die Bilge zu reinigen. Entsprechend ist mein Werkzeugvorrat nicht unbeträchtlich erweitert worden bei der Aktion. Auch Schapps für Schrauben und Muttern füllten sich wieder. Nahezu ein Glücksfall also - unsere Havarie.

Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass es gelingt, auch das AIS wieder zum Senden zu bewegen. Die Antennenleitung hatte irgendwo einen sehr hochohmigen Widerstand. Wo genau? Das war mir nicht vergönnt, herauszufinden. Ich habe sie komplett ersetzt, die Leitung. Nun sendet das Ding besser als jemals zuvor, der Empfang ist unverändert gut.

Zurück zu unseren Autoreisen: Oldenburg ist ein Juwel. Hatte ich nicht gewusst. Wird wohl von Segel­schiffs­rei­senden, obwohl, so glaube ich, theoretisch mög­lich, selten angelaufen. Lohnt sich aber wirklich. Eine quirlige, junge Stadt mit unglaublich nettem, er­lau­fens­wertem Zen­trum. Ein Besuch lohnt allemal schon der vielfach in wunderschönem Zustand befindlichen klassizistischen Architektur wegen. Das frische Bild des Ortes wird wesentlich mitbestimmt von vielen jungen Leuten, die offensichtlich gern hier leben und studieren.

Weniger begeistert sind wir von Wilhelmshaven, in unseren Augen eine Gruselstadt, zu der wir keinen Zugang finden können. Zwei mal sind wir dort und zwei mal sagen wir: hier lebt man nur, wenn man muss. Knappe 80.000 Einwohner mögen das anders sehen. Die benötigten Ersatzteile für kleine Bastelarbeiten, deretwegen wir ein zweites Mal nach Wilhelmshaven fuhren, sind auch nicht aufzutreiben.

Personenregister im Auswandererhaus
"Galerie der 7 Millionen" im Deutschen Auswandererhaus
Ausschnitt eines Fotos von der Webseite des
Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven
Foto © Deutsches Auswandererhaus / Foto: Werner Huthmacher

In Bremerhaven besuchen wir das Deutsche Aus­wan­de­rerhaus, weiter nichts. Unbedingt empfehlenswert und lehrreich ist das sehr persönliche Eintauchen in die Geschichte von Menschen, die unser Land während der letzten rund einhundertfünfzig Jahre seit 1870 via Schiffspassage verlassen haben. Sorgen und Nöte der ihre Heimat verlassenden Menschen werden hautnah erlebbar und wecken Gefühle und Verständnis für Migration in der heutigen Welt.

Varel ist okay, einige Stunden kann man dort verbringen, Dangast wiederum erlaubt beispielsweise vom Kurhaus aus weite Blicke auf die, natürlich nur für mich, immer gleiche Schlicklandschaft. Selbstverständlich gibt es einen im Norden des Ortes liegenden in den Schlick übergehenden Sandstrand und zwei Campingplätze, beide baum- und buschfrei gehalten. Einen weiteren, kleineren Strand im Westen vergaß ich.

Dangast
Dangast Kurhaus, Strand und Schlick

Für Donnerstag sind wir in Jever angekündigt., möchten uns über den Fortgang der Arbeiten informieren und endgültige Termine absprechen.

Heute ist nur ein Portal im Vorrat, der zweite Herr Portal befindet sich im Kurzurlaub. Es gibt wieder Kaffee für uns, ob auch Plätzchen, kann ich nicht erinnern. Das Gespräch leite ich, diplomatisch geschult, mit dem Hinweis darauf ein, dass ich auf meinem Schiff einiges an Brandbeschleunigern bevorrate, die ich, natürlich ungern, gegen ihr schönes Unternehmen zum Einsatz bringen werde, wenn es uns nicht gelingen sollte, heute einen zeitnahen Termin für die Motormontage zu finden. Mir schwebte da der Freitag und Samstag vor.

Trotz meiner Einleitung bleibt die Atmosphäre entspannt, wir einigen uns auf den Montag und soweit nötig, Dienstag der Folgewoche. Das ist okay, wir wollen damit leben und haben endlich eine Perspektive.

Am Wochenende sorgt ein befreundetes Paar aus Bremen für angenehme Abwechslung, Karin und Heiko kommen mit ihrem Wohnmobil zu Besuch. Neben anderen Aktivitäten besuchen wir die Hooksieler Skiterrassen, eine fest installierte Wasserskibahn direkt neben unserer Werft liegend. Die Terrassen bieten neben kleinen Speisen und diversen Getränken einen panoramaartigen Ausblick auf die mutigen Wasserskiläufer, die mitunter schon beim Start scheitern und zur diskreten Gaudi der Zuschauer im Wasser landen. Für Abwechslung ist gesorgt - es wird nicht nur beim Start gefallen. Aber auch echte Profis zeigen ihr Können und bewältigen manch in den Parkour eingebrachtes Hindernis.

Bootsbaukunst
Bootsbaukust von vorn

Wir essen, wie schon mehrfach, im Restaurant "Brücke Hooksiel". Speisen und natürlich auch Getränke sind von ordentlicher Qualität, das Personal, vornehmlich wohl Aushilfskräfte, wechselt gefühlt stündlich. Manch Wartezeit ist an der oberen Grenze des Tolerablen anzusiedeln. In Summe aber sind wir zufrieden - und Zeit haben wir ja auch. Auf dem Weg zum Restaurant besichtigen wir skurrile Schiffbaukunst.

Sehr zeitig am Montag, im Herbst wäre es wohl noch dunkel gewesen, rückt Phlip an. Auf Philip als Monteur hatten wir am Donnerstag bestanden. Wir schrauben nahezu ohne Pause den gesamten Tag lang. Abends gegen sieben sind wir beinahe durch. Philip verschiedet sich, ist gnädig und teilt mit, er käme etwas später morgen - aber nicht viel. Wir machten dann den Rest.

Bootsbaukunst
und Bootsbaukunst von achtern

Es sind noch einige Kabel zu strippen, Schläuche zu verlegen, Kühlwasser aufzufüllen und so dies und das zu machen. Dann kommt der große Moment:

"Starten jetzt!"

"Jau", ich drehe den Zündschlüssel. Anlasser dreht, Rommel, Rommel, Rommel, aber kein Rommel Bomm, Bomm, Bomm.

"Hast du ordentlich entlüftet, Philip? Er ist da sehr empfindlich. Aber was frag ich? Natürlich hast du."

"Ich mach's noch mal!"

Später ein zweiter Versuch. Fehlanzeige, ein dritter: Wieder Fehlanzeige. Aber mehr entlüften kann man nicht.

Ich schalte zur Starterbatterie die Verbraucherbatterien hinzu.

"Starten!"

"Jau!", Zündschlüssel drehen und: Rommel, Rommel, Bomm Bomm Bomm. Läuft. Da war wohl die Starterbatterie etwas schwach auf der Brust. Bestens! Läuft das Ding. Wär' ja auch gelacht.

"Kommt Wasser am Auspuff?"

"Ja, Wasser kommt, alles normal."

Wir lassen ihn ein wenig laufen, dass er sich wieder gewöhnt. Der Klang ist gut. Wie immer. Dann kuppeln wir ein, gehen auf 1.500 Umdrehungen, dann auf 1.800. Das Schiff zieht ordentlich an den Festmachern, will weg hier. Die Ohren sagen: Alles prima!

"Wie warm darf er werden bei der Drehzahl?"

"So knappe 70 Grad", sag ich.

Kleine fünf Minuten später von unten:

"Abstellen! Wird zu warm."

Ruhe im Schiff. Frage von mir:

"Was meinst du, was ist?"

Aus seiner Sicht würde der innere Kühlkreislauf nicht funktionieren, antwortet Phlip. Woran es läge? Da könne er nur spekulieren. Wir müssten suchen. Vielleicht sei ir­gend­wo noch Luft.

Nach einer Stunde sind wir weiter. Es war noch Luft. Wir haben sie gefunden, herauskomplimentiert und durch Kühlflüssigkeit ersetzt. Jetzt läuft die Maschine zur vollen Zufriedenheit. Wir räumen die Baustelle auf. Ein guter Junge, der Philip! Gibt es nicht so häufig.

Am späten Vormittag des 10.07. liegen wir in der Schleuse. Auf Anraten von Tanno haben wir uns eine Son­der­schleu­sung gegönnt. Sonst passt es mit dem Wasser nicht für uns in die Elbe hinein. Wind ist keiner. Aber wo kein Wind ist, kann auch nicht zuviel Wind sein. Frau Cornelia kommt das entgegen. Mir auch. Ich spitze die Ohren. Über Stunden. Läuft? Läuft nicht? Ist irgendwas komisch?

Elbaufwärts bei Sonne
Endlich elbaufwärts

Es ist nichts komisch. Es ist, wie es immer war. Wir ziehen bei mildem Wetter die Elbe hinauf nach Brunsbüttel. Zufrieden. Nur eben drei Wochen verspätet.

Das Leben ist planbar, ja, es hält sich aber nicht zuverlässig an unsere Wünsche und Vorgaben. So ist das nun mal!



Drei Anmerkungen sind mir enorm wichtig:

  • Die Leute bei Portal und Wotte haben untadelige Arbeit geleistet, das gilt sowohl für den Mann vor Ort, unseren Philip, als auch für die anderen, die ich kennenlernte, insbesondere die beiden Chefs Portal. Ein Laden, den ich, was meine Erfahrungen angeht, als ausgesprochen verlässlich, ehrlich und technisch überragend gut bezeichnen möchte.

  • Auch mit der Werft Hooksiel, uns gegenüber vertreten durch den Werftmeister Tanno Kruse, sind wir uneingeschränkt zufrieden. Jederzeit war man kooperativ, hilfsbereit und freundlich. Wir fühlen uns angenehm willkommen. Die Werft fungierte als Ge­ne­ral­un­ter­neh­mer. Sie rechnete uns gegenüber auch die Leistungen der Motorenfirma ab. Die Kosten ins­ge­samt waren sicherlich kein Schnäpp­chen, gemessen am Umfang der Lei­stun­gen aber angemessen und in­so­fern in Ordnung. Man wird Ver­ständ­nis haben, dass ich mich an die­ser Stelle über die Höhe der Rechnung nicht auslasse. So viel sei verraten: Die Ur­laubs­kas­se wurde drastisch schma­ler - aber so viel Ur­laub war ja auch nicht mehr übrig.

  • Zum Lieferanten der das Fiasko auslösenden Im­pel­ler­pum­pe sei gesagt: Mit den Leuten wurde eine Lösung gefunden, die ich nur als hoch­an­ständig bezeichnen kann. Drei Wochen ungeplantes Elend in Hooksiel wurden dadurch zumindest ein wenig kom­pen­siert. Noch einmal meine Anerkennung für die­se Haltung.





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