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Regatta dramatisch verloren

19.03.2020 | © pt

Da hab ich doch tatsächlich eine Wettfahrt verloren - obwohl, eigentlich bin ich gar nicht der Typ für Ren­nen.


Ein schöner Tag


Wir waren verabredet mit Kumpel Ralf, Frauke und Tim. In Laboe. Laboe an der Kieler Förde kennt jeder. Wir kamen aus dem NOK, hatten in Rendsburg übernachtet, so wie wir es immer machen, wenn wir in die Ostsee gehen. Gestartet waren wir am für uns frühen Morgen so gegen 12:00 Uhr.

Segeln 1 Pixabay
dieses Foto stammt von der Plattform Pixabay und darf frei verwendet werden - herzlichen Dank dafür auch dem Fotografen

Die Schleuse in Holtenau hielt die Tore für uns offen. Ohne jede Wartezeit fanden wir einen Platz in der Kammer, Landleinen waren überflüssig, wir gingen an einen freund­lich­en Kollegen, wenn ich es recht erinnere, aus den Niederlanden. Es war recht voll. Neben zwei oder drei Seeschiffen lagen etliche Yachties im rechten großen Becken. Anders als wir hatten die vermutlich zum Teil recht lange warten müssen auf die Schleusung. So wie das so ist seit einigen Jahren. Nicht jeder kann ein Glückskind sein, so wie Frau Cornelia und ich, der Steuermann.

Zwei Jahre zurück legte ein uns bekanntes Schiff knapp drei Stunden vor uns ab in Rendsburg. Wir trafen uns wieder in, jeder wird es raten, genau, in Holtenau. Nicht vor der Schleuse. Nein, noch gemeiner, drinnen. Auch damals stand das Tor für uns und einen Mitläufer offen. Warum das manchmal so gut mitläuft, weiß ich nicht, was ich gut erinnere, ist, dass die Laune bei den Frühablegern sichtbar sackte, als sie unserer ansichtig wurden. Wir hingegen waren hochzufrieden. Darum: von mir nichts gegen die Holtenauer Schleusen.

Ralf und Familie hatten sich ein Schiff gemietet. Sie waren schon einige Tage unterwegs und hatten extra für uns den Abstecher nach Laboe gemacht. Immer wenn es passt, treffen wir uns für ein, zwei Tage im Urlaub.

Nach kleinen zwanzig Minuten konnten wir aus der Schleuse rutschen und machten ausgesprochen wohlgelaunt das kurze Stück bis Laboe. Endlich Ostsee! Empfangen wurden wir mit einem freigehaltenen Liegeplatz, die andere Crew war schon vor Ort und hatte das für uns arrangiert, bestens also.

Segeln 2 Pixabay
dieses Foto stammt von der Plattform Pixabay und darf frei verwendet werden - herzlichen Dank dafür auch dem Fotografen

Es folgte ein netter Abend mit Restau­rant­be­such, verbunden mit dem Aus­tausch von Er­leb­tem. So hatten wir einiges zu bereden, der Abend wurde länger, es gab noch Absacker auf Ralf und Fraukes Boot. Warum dort? Die Plicht auf solch modernen Booten, wie sie eines gemietet hatten, ist einfach größer als die unsere. Nicht unbedingt ge­müt­licher.

Mindestens einen Tag, vielleicht zwei, würden wir noch gemeinsam verbringen, besprachen wir. Da wir weiter nach Osten wollten, legten wir Fehmarn als Tagesziel fest. Nach Burgstaaken sollte es gehen. Okay, für uns war das in Ordnung – für die anderen ebenso. Also abgemacht und gute Nacht, bis morgen gegen Elf.

 

Kein so schöner Tag - ein Sonntag

Wetter prima, Frühstück etwas früh, Wind nordöstlich, knap­pe vier Bft. Abgesehen vom frühen Frühstück beste Vor­aus­set­zun­gen für die runden 35 Meilen.

„Wir gehen um Elf?“, rufe ich rüber. Es ist kurz vor, und bei Ralf lohnt es zu fragen.

„Jau!“, kommt es zurück, „machen gleich los.“

Unterwegs mit SY Kohinoor
läuft - aber nicht gut

Und tatsächlich. Bei den Dreien ist Aktion, Leinen werden eingeholt und Punkt Elf verlässt das mit dem Heck zum Steg liegende Boot die Box. Wir brauchen etwas länger, 1., weil wir älter sind und 2., weil wir nicht rückwärts einparken können. Und es auch nicht wollen.

Als wir frei sind, haben die anderen die Mole eben passiert, zwischen uns liegen gute hundert Meter.

Frau Cornelia: „Wir wollten doch Fotos voneinander ma­chen, warum sind die so fix weg?“

„Ja, draußen. Unter Segeln. Kein Problem. Sind doch gleich wieder beieinander“, so ich, der Steuermann.

Und schon haben wir die Mole hinter uns und gehen lang­sam nördlich. Runde achtzig Meter vor uns Ralf. Die Segel lassen wir beide noch unten. Passt nicht. Noch nicht. Das Gas nehm’ ich etwas zurück, laufe mit gleichbleibendem Abstand hinter Ralf und seiner Crew.

Wir gehen weiter östlich und irgendwann passt es, jetzt könnten wir wohl anliegen. Und tatsächlich, vor uns tut sich was, das Groß rollt aus, wird dichtgeholt. Es folgt die Ge­nua.

Ich lasse mir von Frau Cornelia die Fernbedienung reichen und fahre unser wunderschönes neues durchgelattetes Groß­se­gel nach oben. Eine Freude ist das. Nicht nach vorne müssen, nicht kurbeln, einfach hinter dem Rad stehen und einen winzigen Knopf drücken. Der Rest geht wie von Geisterhand. Das Segel steht, ich drücke den Autopiloten rein, nehme das Gas zurück und rolle die Genua aus, genauso neu ist sie wie das Groß. Wir sind noch sehr hoch am Wind, ich hole beide Schoten durch und schalte dann die Maschine aus.

Neue Segel für SY Kohinoor
steht doch das Segel, oder?

So, und nun ordentlich trimmen die Segel, soll ja laufen das Schiff. Die Lappen stehen gut, das Groß noch ein klein wenig ausfieren, wir machen ganz leicht Lage nach Steuerbord. Ralf ist nach vorn gerückt, er war halt schneller mit dem Segelsetzen. Egal. Hat ja auch früher begonnen. Außerdem: hier ist keine Autobahn.

Mein Blick wandert zur Geschwindigkeit. Hm..., fünf­kom­ma­eins, fünfkommadrei, das müsste doch was besser gehen!

In mir erwacht das, was immer passiert, wenn jemand auf gleichem Kurs läuft, ich kann nicht dagegen an, es kommt au­to­ma­tisch. Is’ wie Hunger, Durst? Ich will mit­halten, nein, ich will schneller sein, will zei­gen, dass mein guter alten Riss von Sparkman und Stephens es noch auf­neh­men kann – nicht mit allen, aber vie­len.

Ein Blick zur Genua: steht gut, aber man könnte...

Ganz langsam kommen wir dichter, viel zu langsam. Versteh das einer. Sonst war das immer anders. Im vorvergangenen Jahr hab ich dem Jungen auf der Strecke Fehmarn - Travemünde ordentliche zwei Meilen ab­ge­nom­men – ohne jede Mühe. Hab ihm per Funk noch gesagt, dass er seinen Fock­ho­le­punkt mal versetzen soll – und zwar zu sei­nen Gunsten, nicht zu meinen.

Verdammt, was ist hier los? Zieht nicht wie es soll. Ver­dammt!

Wir müssen jetzt abfallen, Kurs direkt auf die Feh­marn­sund­brücke. Wir müssen nicht abfallen, wir können. Jetzt krieg ich ihn. Mit halbem Wind. Wär’ doch gelacht.

Fehmarnsundbrücke
Fehmarnsundbrücke

Die Windfäden auf der Genua? Optimal. Die vom Gross? Ordentlich. Okay, ganz oben könnte besser. Haben wir gleich. Warte, ich krieg dich. Hab dich noch immer ge­kriegt..

Mir läufst du nicht weg Bursche. Ich segel, seit ich achtzehn bin.

Fünfkommafünf, Fünfkommasieben, Fünf­komma­fünf. Wie kann das sein? Er müs­ste deut­lich über sechs gehen, Propeller nicht eingeklappt? Oder was? Aber selbst wenn, daran kann es nicht liegen.

Der läuft uns weg, einfach weg. Ich werd weich, ich krieg ihn nicht.

Was machst du falsch? Warum kriegst du den Dreckskan nicht zum Laufen?

Holepunkt. Hin. Her. Vor. Zurück. Was ich auch mache. Es hilft nicht. Wird eher schlechter.

Obwohl, die Genua steht gut. Das schöne neue Tuch. Von oben bis unten gut. Auch das Groß macht einen guten Eindruck. Ich geb’ ihm etwas mehr Bauch. Kenn mich ja auch noch nicht so gut aus mit den neuen Lappen. Der Mann läuft immer weiter weg, er hat jetzt fast eine halbe Meile gewonnen. Gegen mich! Der, der die Segel immer viel zu dicht fuhr.

Der Abstand wird größer. Ich gucke – ich fummle. Zu­neh­mend nervös. Hole­punkt vor, Holepunkt zurück, Holepunkt völlig idiotisch. Das kann nicht wahr sein.

Das Telefon klingelt:

Burgstaaken
Blick von Burgstaaken nach Burgtiefe

„Ralf am Röhrchen, sag, wie woll’n wir’s machen mit den Fotos? Sollen wir nachher Kreise um euch drehen? Oder was meinst du?“

„Har, har. Witzig. Leck mich“, damit lege ich auf. Für Scher­ze dieser Art bin ich jetzt gerade nicht zu haben.

Eine gute halbe Stunde nach den Witzbolden laufen wir ein in Burgstaaken. Sie haben uns einen Liegeplatz frei­ge­hal­ten. Zum Glück in sehr ordentlichem Abstand zu ihnen. Wir gehen gemeinsam essen im Goldenen Anker. Ge­wöhn­lich schmeckt es mir dort. Heute nicht.






Nach diesem Fiasko dachte ich einige Tage nach. Dann rief ich meinen Bruder Wim an.

„Bitte“, sagte ich ihm, „schick mir meine alte Genua.“

Dieses wirklich nicht mehr schöne Tuch erreichte mich in Stralsund. Von dem Tag an lief das Schiff wieder. Gott­sei­dank!




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