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Leute gibt's

02.04.2021 | © pt

Hier und heute einmal zu Dingen wie Seemannschaft, Anstand, ordentlichem Benehmen, Respekt oder auch Sekundärtugenden, wie der alte Helmut Schmidt sich vor vielen Jahren einmal zum Umgang miteinander einließ.

Schon jetzt sei verraten: ein echter Reisebericht sind die folgenden Zeilen nicht – also seid gewarnt, ihr Wassersportler dieser Welt.


Frau Cornelia und ich liefen nach Hiddensee, wollten wie häufig in den letzten Jahren einige Tage auf dieser wunderschönen, ruhigen Insel verbringen. Unser Ziel ist immer Vitte. Und dort der Fähr- und Fischereihafen. Dort halten sie unmittelbar an der Tankstelle eigentlich immer zwei und manchmal drei Plätze für Yachten frei. Das ist nicht viel, aber immerhin. Die Plätze sind begehrt bei Vittefreunden. Und so liegen auf den wenigen Plätzen gern schon mal neun bis zwölf Boote im Päckchen. Soviel vorab.

Für unsere Verhältnisse früh dran waren wir, liefen gegen Mittag gemütlich langsam auf die Tankstelle zu und siehe da, von üblichen drei Plätzen war genau keiner an der Kade frei. Vor seiner Verwaltungsbude stand der drahtig lange Hafenmeister und winkte uns zu. Ein wirklich lieber, hilfsbereiter Mensch, den wir schon seit einigen Jahren kennen und schätzen. Es ist ein warmes Gefühl, wenn man irgendwo kommt und wird mit einem ungekünstelten: „schön, dass ihr mal wieder längsschaut“ begrüßt. Wir freuen uns darüber.

Yachtanleger Vitte/Hiddensee
Als Dritte im Päckchen

„Ihr müsst ins Päckchen, da“, waren seine nächsten Worte, „wartet, ich komm rüber.“ Damit turnte er blitzschnell über zwei Segler hinweg, nahm unsere Leinen an und warf sie gekonnt zurück.

„Nö,“ sagte er weiter, „zahlen tut ihr erst, wenn ihr wieder weggeht. Machen wir nicht jetzt. Und morgen wird einiges frei, dann hab ich einen Platz an der Kaimauer für euch.“ Wir klönten noch ein paar Worte, er erzählte davon, wie wenig Neues es gab, auf der Insel, seit unserem letzten Besuch.

Unsere Nachbarn waren nicht da, lagen wohl am Strand, das Wetter war danach. Auch wir machten uns auf den Pad, liefen ins Dorf und schauten uns um. Am Abend lernten wir die eben erwähnten Nachbarn kennen – nette Leute, die auf einem Schiff saßen, dass an eine alte Swan erinnerte, aber keine war. Ich hab es mir erklären lassen, altersbedingt aber vergessen. Man möge mir verzeihen, es tut auch wirklich nichts zur Sache.

Unsere Innenlieger waren gnädig, sie gingen am nächsten Morgen zu einer Zeit weg, die es uns schon ohne große Mühe möglich machte, die Augen offenzuhalten. Wir bekamen den vom Hafenmeister versprochenen Platz an der Kade, waren glücklich und starteten mit offensiver Freude in den Tag, fuhren mit den Rädern Richtung Neudorf und ein deutliches Stück darüber hinaus.

Als wir nicht zu spät am Nachmittag zurückkamen zum Boot, war es vollgeworden, wir hatten einen Nachbarn auf der Backe, vor uns lag ein Stahlmotorboot, vermutlich ein Eigenbau im mittleren Pflegesegment und davor zwei kleine Segler mit Schlupfkabine. Alles normal also und wie es eben so ist bei begrenztem Platz. Häufig, so ist meine Beobachtung, ergeben sich in solchen Päckchenlieger-Situationen sehr angenehme, manchmal auch lehrreiche Gespräche, hin und wieder sogar Bekanntschaften.

Fährhafen Vitte, Hiddensee
Der Fischerei- und Fährhafen von Vitte auf Hiddensee

An die Seite des erwähnten Motorbootes hatte sich ein älterer Segler gelegt, ebenfalls von Stahl gebaut. Unsere direkten Nachbarn waren nicht da, ebensowenig die Motorbootfahrer, an dieser Stelle sei schon mal erwähnt, dass ich prinzipiell nichts, aber auch gar nichts, gegen Motorbootreisende habe. Manche aber sind komisch, ebenso wie es recht komische segelnde Zeitgenossen gibt. Ich bin sicher, führte man eine Strichliste, lägen beide Gruppen nahezu gleichauf. Zum Glück überwiegt in beiden Gruppen nach meiner Beobachtung die Zahl der Netten.

Aber zurück: Mit der Besatzung des am Motorboot liegenden Seglers kamen wir ins Gespräch, als wir auf unser Schiffchen kletterten. Ein Pärchen, nicht mehr ganz taufrisch, also in etwa im gleichen Alter wie wir, vielleicht einen Hauch jünger. Er würde gern gleich noch Landleinen ausbringen, erzählte der Skipper nebenbei, wir sollten uns bitte nicht gestört fühlen.

Nein, wir fühlen uns sicher nicht gestört und ich würde wohl eben helfen, dann brauchten sie nicht so rumzuturnen.

„Prima, danke“, kam es von drüben aus der Plicht und ich stieg wieder von Bord. Wir begannen mit der Vorleine. Allzu weit musste  mein Partner die Leine nicht werfen, so sechs Meter, vielleicht sieben. Es reichte nicht ganz, das Tau landete im Wasser, hätte mir genau so passieren können. Zweiter Versuch. Tau wieder ordentlich in Buchten legen, kräftig schwenken und rüber zu mir das Ganze. Ich bekam den Tampen zu packen und hörte gleichzeitig ein leises Plopp, gefolgt von einem deutlich lauten: „Scheiße verdammte!“

Der Kollege hatte sich beim Abwerfen der Leine die Brille von der Nase gedrückt und die war wegen fehlendem Brillenband im Teich gelandet. Ich sichere meine Brille immer mit einem Brillenband, also fast immer.

Er, der Kollege nahm es sportlich: „Ich geh gleich tauchen, hol sie wieder rauf, wird schon klappen. Und schwimmen wollt' ich eh noch bei dem Wetter.“ Wirklich amüsiert aber schien er nicht zu sein.

Ich belegte die Leine und wandte mich meinem Kollegen wieder zu. Die zweite Leine würde ich holen, sagte ich, er brauche sie nicht zu werfen, nicht das noch etwas passiere, er vielleicht gemeinsam mit der Leine in den Hafen stürze, oder schlimmeres passiere; har, har.

Strand in Vitte
Strand in Vitte

Damit begann ich auf das Motorboot zu steigen.

„Nein, nicht holen, um Gottes Willen. Wir dürfen das Boot nicht mit Schuhen betreten. Der Eigner will das nicht. Auf keinen Fall!“, rief mein Segelfreund entsetzt zu mir rüber.

Ich war recht perplex, aus meiner Sicht gab der Zustand des Bootes diese Handlungsanweisung des Schiffsbesitzers nicht her und setzte mich frecherweise darüber hinweg, zumal ich nicht gerade vorher einen Kuhstall ausgemistet hatte.

Klar wurde mir nach diesem Hinweis, warum mein Hilfsangebot von vorhin nach meinem Eindruck durchaus gern angenommen worden war.

Okay, wir waren durch mit den Leinen, alles war perfekt bis auf das Malheur mit der Brille. Nein Hilfe bräuchte er nicht mehr, danke, er würde jetzt in Ruhe nach seiner Brille tauchen. Bis später, wir sähen uns sicher noch.

Ich marschierte die wenigen Schritte zurück zur Kohinoor, Frau Cornelia hatte schon Kaffee bereitet, wir saßen gemütlich in der Plicht, lasen und sprachen hin und wieder auch ein paar Worte.

„Der arme Kerl, hoffentlich kriegt er die Brille wieder“, sagte Frau Cornelia. Ich war da skeptisch, Bedenkenträger der ich gewöhnlich bin. Zwischendurch bekamen wir noch ein drittes Boot auf die Seite, ein junges Paar mit zwei Kindern – nett und freundlich. Am frühen Abend stiegen wir von Bord, wollten im Hafenkater einen Happen essen gehen.

 Blick auf den Hafenkater in Vitte
Blick auf den Hafenkater

Auf dem kurzen Weg dahin trafen wir den Nachbarn, den mit der Brille. Er stand an der Kaiung, die Schuhe noch in der Hand.

Ob er sie wiederhabe die Brille, rausgefischt hätte, fragte ich ihn.

Nee, ich solle bloß aufhören. Ein Riesentheater sei das gewesen. Drei, vier erfolglose Tauchversuche hätte er gemacht gehabt als seine Nachbarn wiederkamen. Was er da täte, hätten die gefragt. Kurz habe er die ärgerliche Brillengeschichte erzählt und darauf als Reaktion lediglich zu hören bekommen:

„Passen Sie bloß auf, dass Sie mir den Rumpf nicht zerkratzen. Die Lackierung war teuer.“

Nun, er habe versichert, sehr vorsichtig sein zu wollen und sicher keinen Schaden anzurichten, es danach weiter versucht mit der Taucherei und sich ein paar Mal an dem flachen Unterwasserschiff des Motorboots mit den bloße Füssen abgestoßen, um besser zum Grund zu kommen. Es sei doch recht tief und so wäre es besser gegangen. Der Bootseigner müsse das wohl gehört haben, jedenfalls hätte er nach einigen Minuten an der Reling gestanden und gebrüllt, das müsse sofort aufhören, er würde sich nicht sein ganzes Schiff ruinieren lassen. Wenn nicht sofort Schluss sei, riefe er die Polizei.

Uns stand der Mund offen, wir konnten die Geschichte nicht fassen, Frau Cornelia murmelte so etwas wie: „Der hat doch 'nen Knall.“ Ganz genau weiß ich nicht, ob exakt das ihre Worte waren, beschwören kann ich es also nicht. Denn normal ist sie vornehm zurückhaltend, nur selten wird sie laut und wenn, dann meist und zu Recht mich betreffend.

Trotz allen Mitgefühls überließen wir den armen Kerl nach einiger Zeit seinem tragischen Schicksal und gingen essen, hatten jetzt sogar ein Mordsthema für die Dauer der Mahlzeit. Im großen und ganzen herrschte, was die Beurteilung dieses speziellen Motorbootfahrers anging, seltene Einigkeit zwischen uns.

Päckchenlieger in Vitte
Päckchenlieger

Später abends, wir saßen in unserem Kellerloch, klopfte es. So gegen zehn, vielleicht halb elf wird das gewesen sein. Draußen stand, sichtlich zerknittert, der Mann mit dem Brillenpech.

Ob ich vielleicht so nett sein könne ihm kurz zu helfen. Der Eigner des Motorboots habe ihm gerade eröffnet, dass er von seiner Seite wegmüsse, er könne über Nacht nicht bei ihm im Päckchen liegen. Es würde sehr windig werden in der Nacht, und seine Motoryacht könne unter Umständen schweren Schaden nehmen, wenn jemand auf seiner Seite läge.

Ich würde helfen, natürlich und meine Sicht der Dinge sei, jede weitere Minute an der Seite eines solchen Vollpfostens sei eine zuviel. Mit oder auch ohne Wind. Für die Nacht seien tatsächlich bis zu vier heftigen Windstärken angesagt. Da könne unglaublich viel passieren, bis hin zu abgedeckten Dächern sicherlich. Man müsse das ernstnehmen. Was er denn vorhabe? Wohin er sich verholen wolle?

Kohinoor auf Hiddensee
Kohinoor auf Hiddensee

„Direkt hinter euch will ich mich legen, an die Tankstelle. Denn bei euch als vierter ins Päckchen muss ja nicht sein. Und es könnte bisschen knapp werden. Iss' ja nich' soviel Platz. Da könnte ich wohl eine Hand gebrauchen.“

„Kein Problem“, sagte ich, „ich werf' dir die Landleinen rüber und dann nehm' ich dich an. Man los.“

Auf meinem Weg zur Vorleine traf ich auf den Motorbootbesitzer. Er stand neben seinem Schiff. Die Hände lagen auf seinen Hüftknochen, nach meinem Eindruck war er so um die Sechzig.

Was ihn denn reiten würde, fragte ich ihn nicht ausschließlich freundlich. Ob er schon jemals etwas zum Thema Kameradschaft oder gar Seemannschaft gehört habe? Ob er nicht wisse, dass es guter Brauch, ja sogar Verpflichtung sei, bei Liegeplatzmangel andere auf die Backe zu nehmen?

Er wisse genau, was er zu tun und zu lassen habe. Schließlich wäre er schon vierzig Jahre auf dem Wasser unterwegs. Und bei dem zu erwartenden Wind sei jede Belastung seines Rumpfes unzumutbar.

Wenn er so wenig Zutrauen zu seinem Schiff habe, riet ich ihm, solle er besser nicht länger damit unterwegs sein. Und wenn er trotzdem weiterfahren wolle, solle er bitte zukünftig ausschließlich in Boxenhäfen festmachen. Und was mich anginge, würde ich jetzt gern auf seine Gesellschaft verzichten.

Damit marschierte ich zum Poller, machte die erste Leine los und wartete kurz später auf die Ankunft des Segelkumpels am Tankstellenliegeplatz. Und du glaubst es nicht: Neben mich stellte sich der Motorbootkapitän. Er könne helfen beim Anlegen. Das sei ja kein ganz leichtes Manöver.

Holländische Tjalk am Fähranleger in Vitte
Holländische Tjalk am Fähranleger in Vitte

Darüber hätte er besser im Vorfeld nachgedacht, knurrte ich zu ihm rüber. Seine Hilfe sei nicht erwünscht, unter keinen Umständen. Und damit spräche ich sicher auch für den Armen Hund, den er gerade von seiner Seite gescheucht habe.

Der Mann zeigte sich trotz seines bisher robusten Auftretens dünnhäutig und verhalten beleidigt ob meiner Worte, fühlte sich wohl ungerecht und unhöflich behandelt von mir. Ohne weitere Worte stieg er zurück auf sein Schiff. Mir war's recht.

Nun wird mancher und natürlich auch manche mit mir einer Meinung sein, dass das Verhalten des beschriebenen Sportsgenossen zumindest grenzwertig, vielleicht sogar verwerflich ist. Ich bin sogar der Meinung, dass wir solche Leute nicht brauchen, nicht auf dem Wasser und auch nicht auf Supermarktparkplätzen, wo man hin und wieder nach dem freudvoll erledigten Einkauf feststellen darf, dass man das eigene Auto zwar noch mit den soeben erworbenen Schätzen via Kofferraum beladen kann, das Wegfahren aber unmöglich gemacht wurde, weil irgendein „nur-mein-Interesse-zählt-Mensch“ die Fahrerseite so kunstvoll zugeparkt hat, dass nicht einmal mehr der Schlüssel ins Türschloss zu bekommen ist.

Für diejenigen, die über ein automatisch entriegelndes Auto neueren Baujahrs verfügen sei das Bild anders gemalt: Der Türspalt der vielleicht noch eben zu öffnenden Fahrertür lässt es nicht zu, die eine im Kofferraum nicht mehr unterzubringende Spargelstange hindurchzuschieben.

Ich bin sicher, keiner der diesen Text ließt, benötigt die folgende Belehrung. Ich gebe sie trotzdem zum Besten (einfach zum Weitersagen):

Wie wäre es denn, wenn wir versuchen würden, rücksichtsvoll und höflich miteinander umzugehen, bei unserem Handeln die Auswirkungen auf Andere nach dem folgenden uralten Motto einbeziehen würden: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem Anderen zu?

Leuchtturm auf dem Dornbusch
Leuchtturm auf dem Dornbusch

Würde das Miteinander nach dieser simplen Regel funktionieren, brauchten wir alle uns als Päckchenlieger auch nur äußerst selten über die Horde Kühe zu ärgern, die morgens zwischen fünf und sechs lautstark trampelnd über unser Vorschiff getrieben wird.

Ich gebe zu, einen Nachteil hätte das mehrheitliche Befolgen des im vorletzten Absatz Gesagten: Ich müsste mich wesentlich seltener ärgern.

Zur Versöhnung sei am Schluss erwähnt: Der hier beschriebene Fall ist nicht die Regel, die meisten Menschen, denen wir begegnen, zu Wasser und an Land, haben die „Schmidtschen Sekundärtugenden“ durchaus verinnerlicht und leben sie ausreichend anständig.

Die wenigen Schweinebacken aber versauen den gefühlten Schnitt.

Und wir? Wir geben uns Mühe unseren Ansprüchen gerecht zu werden.





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