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Grundberührung

11.02.2021 | © pt

Einige Male schon hab' ich mich festgefahren. Bislang kam ich immer alleine frei - diesmal nicht.


Nach Polen wollten wir, ja ich erinnere es genau. Zuerst aber nach Stagnieß am Achterwasser und dort Freunde treffen. Liefen am Nachmittag durch den Strelasund und hielten Ausschau nach einem kleinen Hafen. Infrastruktur brauchten wir nicht, nur einen schönen Anleger mit der Möglichkeit, ein paar Schritte zu gehen.

Unsere Wahl fiel auf den kleinen Hafen am Glewitzer Fähranleger auf der Halbinsel Zudar, einem Teil der Insel Rügen. Ganz im Südosten der Insel am Beginn des Strelasunds. Netter kleiner Hafen – wirklich tote Hose dort, da ist nix, gar nichts. Wohl aber Strom am Steg und ein kleines Sanitärgebäude. Ein perfekter Ort, um am Morgen eben weiter zum Achterwasser zu gehen.

Hafen am Glewitzer Fähranleger
der kleine Hafen am Fähranleger Glewitz

Außer uns lagen zwei, drei andere Boote am Steg und einige wenige offene einheimische Fischer. Wir hatten einen gemütlichen Abend, kochten irgendwas und aßen lecker.

Hafengeld hatten wir versucht abzugeben, erfolglos. Kein Hafenmeister zu finden, kein Hinweis darauf, wo wir ihn finden könnten, wann er vor Ort sei.

Pech gehabt, Glewitzer Anleger, zahlbereit waren wir, aber wenn's nicht geht, dann geht es nicht.

Später am Abend machte ich die umfangreiche Planung für die Reise morgen. Gingen wir um acht Uhr los, spätestens um halb neun, so rechnete ich aus, würde es prima klappen zur Brückenöffnung in Wolgast um viertel vor eins. Zur Belohnung für die viele Schreibtischarbeit gab es roten Wein und dann traumlosen Schlaf, von dem der Wecker mich um sieben Uhr am wirklich frühen Morgen erlöste. Frau Cornelia ratzte noch tief und fest. Wir hatten besprochen, dass ich sie nur zum Ablegen eben wecken würde. Dann könnte sie sich wieder hinlegen.

Blick vom Glewitzer Fähranleger zum Strelasund
Blick auf den Strelasund

Ich kochte mir Kaffee, ging Zähneputzen, machte eine halbherzige Katzenwäsche und hatte noch eine kleine halbe Stunde Zeit bis zum Losmachen. Perfekt! Gemütlich eben sitzen, Zeitung lesen.

Kurz vor acht stieg ich raus, Stromkabel wegnehmen und die Springs schon mal losmachen. Danach würde ich Frau Cornelia wachrütteln und dann los. Schon als ich die Nase raushielt, merkte ich, dass es recht windig geworden war. Es drückte uns ordentlich auf den Steg, es blies von West. Gut dass ich nicht alleine hier wegmusste, dass Frau Cornelia helfen würde.

Ich schoss das Kabel auf und machte mich an die Springs, da hörte ich, wie jemand den Steg herunterkam, schaute mich um und war sicher, das ist der Hafenmeister. Also nix gespart – aber, der Mann könnte prima eben helfen beim Ablegen, das würde Pluspunkte bringen bei Frau Cornelia. Sie könnte einfach liegen bleiben. Gönnen würde ich es ihr.

Der Hafenmeister und ich wurden uns schnell einig, ich gäbe ihm das Liegegeld und selbstverständlich würde er helfen beim Losmachen und den Bug freihalten vom Steg. Obwohl, so ließ er sich ein, ich hätte ja auch eben anrufen können gestern Abend und uns anmelden.

„Wo bitte denn, hätten wir gern getan, wir haben keine Nummer gefunden“, warf ich ein.

Ja, aber da hinge doch eine Handynummer im Schaukasten unter der man sich den Duschcode geben lassen könnte. Okay, vielleicht wäre es hilfreich, für die Zukunft hinzuzuschreiben, dass unter genau der Nummer auch der Hafenmeister erreichbar wäre.

Da waren wir uns einig 

Ich nahm jetzt die Springs endgültig weg, startete die Maschine und löste die Achterleine. Mein Hafenmeister tat das gleiche mit der Vorleine, warf sie auf's Deck und drückte dann kräftig, ich kam ordentlich weg vom Steg, winkte dankend rüber zu meinem Helfer und lief in großem Bogen zur Hafenausfahrt. Als alles gut passte, drückte ich den Autopiloten rein, gab verhalten mehr Drehzahl, machte die Heckleine klar und wollte los, um die Vorleine aufzuschießen, die Spring nach hinten zu holen und die Fender wegzunehmen.

Just als ich aus der Plicht stieg, machte Kohinoor einen Satz, als gelte es, eine Hürde zu überspringen. Gesehen hatte ich keine, es war alles frei nach vorn und der Kurs, ja der musste auch stimmen. Recht sicher war ich da, hatte das doch alles genau überlegt und lief eigentlich so, wie wir gestern gekommen waren.

Allerdings, und das war kein gutes Omen, es war der 13. Juli, ein Freitag ausgerechnet. Mein Blick ging zum Plotter, dann zurück zur Hafenmole und mir wurde langsam zwar, aber doch klar, dass ich den Wind bei all meinen Überlegungen nicht sauber einbezogen hatte. Der nämlich sorgte für einen anständigen Versatz nach Ost, ich hatte wohl nicht wirklich gut aufgepasst, wir saßen auf dem Sand, der sich laut Plotter direkt an die Hafenausfahrt anschloss. Die Karte sprach von einsdreißig Wassertiefe, deutlich zu wenig für unser Schiffchen. So flach aber konnte es nicht sein, so hoch kann Kohinoor nicht springen. Leichte Schräglage hatten wir aber schon. Und der Wind drückte deutlich in Richtung Flachwasser.

Es kam noch schlimmer! Frau Cornelia stand im Niedergang. War wachgeworden von dem Gerumpel und rief ohne Morgengruß in meine Richtung, was denn los sei, warum ich sie nicht geweckt hätte?

„Wieso, hab ich doch. Gerade jetzt, oder?“ Sie fand das nicht witzig.

Wir säßen fest, wären aufgelaufen, sagte ich ihr noch. Und, ich müsse mich jetzt um das Schiff kümmern. Es vom Sand runterfahren. Sie solle sich bitte etwas anziehen, könne vielleicht helfen.

festgefahren
wir sitzen hoch auf dem Sand

Damit stellte ich mich hinter das Steuer und machte, was man tut, wenn man festgekommen ist. Zurück, vor, zurück. Mehr Gas! Solange bis es klappt. Hier klappte nichts. Hier rührte sich nichts. Keinen Zentimeter. Was ich auch machte - keine Chance. 3.000 Umdrehungen, muss doch gehen. Ging aber nicht. Scheiße!

„Hatten wir noch nie“, murmelte ich, „werden wohl Hilfe brauchen, so komm' ich hier nicht weg, verdammt.“ Nicht, dass ich mich noch nie festgefahren hätte, aber so, nee.

Frau Cornelia war inzwischen oben, schaute mich fragend an.

„Nichts“, sagte ich, „geht nicht, beim besten Willen nicht. Der Wind drückt uns immer weiter. Und der Sand ist hart wie Stein. Ich schaff es nicht. Wir brauchen irgendeine Schlepphilfe.“

Draußen im Sund liefen einige Boote, Frau Cornelia stellte sich aufs Vorschiff. Winkte mit beiden Armen. Schrie! Wohl wissend dass die Menschen dort sie kaum sehen konnten, ganz gewiss aber nicht hören. Versucht aber hatte sie es, während ich mir eine Zigarette machte und mir die Lage durch den Kopf gehen ließ.

Zuschauer hatten wir auch inzwischen. Menschen standen auf der Mole, schauten gespannt in unsere Richtung. Einige kramten ihr Handy aus der Tasche und machten Bilder, wahrscheinlich für's Urlaubsalbum. Sicher kann ich es nicht sagen, vermute allerdings, dass sie uns und unser Schiff als Motiv wählten. Sprechen wollte keiner von ihnen mit uns, niemand reagierte auf Frau Cornelias Rufe.

Nach langen zehn Minuten kam ein Mann hinzu, zu der Fotografentruppe. Er bedeutete uns, das er im Hafen läge mit seinem Boot. In einer viertel Stunde käme er raus, würde versuchen, uns freizuschleppen. Die Worte wurden englisch gesprochen, zu verstehen waren sie kaum, wir verständigten uns, soweit möglich, mit Gesten. Die Distanz zur Mole betrug runde dreißig Meter, der Wind trieb die Wortfetzen von dannen. Aber wir hatten uns verstanden.

Perfekt! Wir würden warten. Anderes blieb auch nicht übrig.

Nach der avisierten Zeit löste sich ein Boot vom Steg, kam langsam in unsere Richtung. Ein Pole, so etwa zehn Meter lang. Ein recht leichter, sicher flinker Segler. Am Steuer der hilfsbereite Mann mit dem wir eben sprachen. Zusätzlich in der Plicht die vermutliche Ehefrau und zwei Kinder, so um die sechzehn Jahre alt, ein Mädel und ein Junge.

Wir hatten eine Leine vorbereitet und ordentlich belegt auf dem Vorschiff. Ich bedeutete der Besatzung des Schleppers, dass ich sie rüberwerfen würde, wenn sie an uns vorbeiliefen.

„All right“, kam es zurück von unseren Rettern. Irgendetwas aber ging schief. Wir erinnern uns: Es ist Freitag, der 13te. Sie kamen zu dicht, hatten zu wenig Fahrt im Schiff, ich weiß es nicht genau. Der Wind jedenfalls packte die armen Polen so, dass sie ordentlich an unserem Schiff entlangschabten. Zum Glück hingen unsere Fender noch draußen, ich hatte sie noch immer nicht weggenommen. Außer dem Schrecken, der allen Beteiligten durch die Glieder fuhr, passierte nichts. Unsere Leine landete wohlbehalten bei den Polen und wurde dort belegt.

Ich rief rüber, wie ich gern geschleppt werden wolle, um vom Sand zu kommen, der Mann lief langsam in die angegebene Richtung und ließ die Leine vorsichtig dichtkommen. Dann gab er Gas. Ordentlich. Es rührte sich nichts. Und das, obwohl ich ordentlich unterstützte mit unserer Maschine.

Ganz leicht drehte sich unser Schiff in den Wind, saß ansonsten wie einbetoniert. Der Helfer ließ sich etwas zurückfallen. Das Tau hing deutlich durch, tauchte ab ins Wasser. Dann gab er Gas auf die Maschine und es passierte, was passieren musste. Nein, nicht die Leine brach. Sondern seine Backbordklampe sprang aus dem Laminat, hing nur noch an einem Bolzen.

O Mann, der arme Kerl. Das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen, das hätte er so nicht machen sollen. Da will er helfen und dann das. Watten Scheiß.

Es tat mir schrecklich leid, was passiert war, obwohl, das wäre nicht nötig gewesen. Ich bot an, den Schaden zu ersetzen, für die Kosten der Reparatur aufzukommen.

Nein, das wollten sie nicht, sagten sie. Auf keinen Fall. Wäre ihre Dummheit gewesen. Aber helfen könnten sie nun auch nicht mehr. Es täte ihnen leid, ihr Boot sei nicht kräftig genug.

Wir verstanden das, waren in keiner Weise böse. Sie hatten ihr Bestes gegeben und noch etwas mehr.

Die polnische Familie winkte uns zum Abschied und zog davon. Wir haben sie leider nie wieder gesehen. Schade. In der Hektik haben wir uns nicht einmal den Schiffsnamen gemerkt.

Damit waren wir wieder allein auf unserer Bank, auch die Fotografen zogen sich zurück. Es gab nichts genügend Aufregendes mehr zu sehen für sie.

Was wir denn jetzt machen sollten, fragte Frau Cornelia. Ein wenig besorgt klang sie, als sie fragte. Auch ich empfand die Situation als nicht ausschließlich spaßig, unsere Brückenöffnung in Wolgast konnten wir uns abschminken. Und mit dem Wind wurde es nicht besser.

Segel hoch für mehr Lage? Ich verwarf den Gedanken, vermutlich hätte es uns noch weiter auf den Sand gedrückt. Was tun?

„Was wir brauchen ist ein Tau zum Land, nach da drüben, siehst du?“, murmelte ich mehr zu mir selbst.

„Wie bitte willst du das dahinbringen?“ Frau Cornelia.

„Du könntest schwimmen, schwimmst doch so gern.“ Ich.

„Krank, oder was?“, Frau Cornelia und: „Geht's noch?“ Wieder Frau Cornelia.

Fischer hilft Segler
die Rettung naht

So ging wohl eine halbe Stunde ins Land. Dann sahen wir einen kleines offenes Boot auf den Hafen zulaufen. Ein knorriger Typ, so um die sechzig, stand an der Pinne des Außenborders.

„Brauchst nicht zu schwimmen, den fragen wir, der könnte uns die Leine zum Land fahren“, sagte ich und begann dem Mann zu winken. Der nickte leicht und drehte zu uns rüber, kam ganz nah.

„Festgefahren, was? Da seid ihr nicht die Ersten. Schleppen kann ich euch nicht. Seht ihr ja wohl selbst.“

„Nee,“ rief ich rüber, „iss schon klar, aber vielleicht 'ne Leine an Land bringen. Ich hab sie hier schon liegen. Das wäre echt nett, würde wirklich helfen. Wir könnten uns dann freiziehen.“

„Ach, dann sitzt eure Leine an Land fest. Machen wir anders. Bin gleich wieder da“, damit schob er seinen Gashebel hoch und verschwand in Richtung Hafen.

Ich hatte erstmal kein wirklich gutes Gefühl, vielleicht hatte er keine Lust und wollte ohne Diskussion aus der Nummer kommen, die ihn einiges an Zeit kosten würde.

Frau Cornelia hatte ähnliche Gedanken: „Ob der wiederkommt?“

Aber er kam! Wir sahen ihn nach einigen Minuten wieder in sein Boot steigen, um seine Schultern hatte er etwas hängen, wahrscheinlich eine Leine. Die Buchten reichten von der Schulter bis über's Knie.

„Wär' doch nix gewesen mit eurem Tau. Dies hier iss besser“, knurrte er als er wieder nahe genug bei uns war und reichte mir ein Ende rüber. Eine dünne, geschlagene Leine, vielleicht acht Millimeter dick. Das was er davon noch im Boot liegen hatte, hätte die Erdkugel umspannt – locker.

Segler schleppt sich frei
die Leinenverbindung steht - jetzt nur noch kurbeln

„Die hält, kann'ste glauben.“

Damit drehte er um und lief Richtung Hafenmauer, genau dahin, wo ich die Leine haben wollte. Gesprochen hatten wir nicht darüber.

Sobald das Tau an Land fest war, legte ich es über die Winsch und begann zu kurbeln. Zusätzlich ließ ich die Maschine rückwärts laufen. Die Leine hob sich aus dem Wasser, wurde strammer und strammer. Und dann, ja dann merkte man, dass Bewegung kam ins Schiff. Keine zwei Minuten, wir waren frei. Wir schwammen wieder.

Wir dankten wirklich herzlich, ob wir ein Trinkgeld rüberreichen dürften, fragten wir.

„Jau, aber nötig iss das nich'. Danke und gute Reise. Und besser aufpassen demnächst, klar?“

Ein lieber Kerl der Mann, knorrig, aber lieb und hilfsbereit und deutlich kein Freund von vielen Worten. Noch einmal Danke an dieser Stelle!

Unsere Brücke erwischten wir nicht, so sehr ich den Hebel auch auf den Tisch legte. Wir passierten sie mit der nächsten Öffnung, hatten bis dahin eine lange ruhige Pause am Dalben vor Wolgast. Die Freunde mussten warten.







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