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Sommerreise Ostsee 2017 (Teil 4)

Göteborg und die Schären liegen auf unserem Weg - wir sind nicht vollumfänglich be­ein­druckt. Lang­sam geht es dann in Richtung ost­deut­scher Ost­see. Die Bod­den­ge­wässer mit ih­rer ver­gleichsweise großen Ruhe gefallen uns gut.



2018 | © pt


15.07.2017, Samstag

Aufstehen, Kaffee, eine rauchen und noch kurz rüber zu Daggi und Harald. Sie stehen nur wenige Schritte entfernt. Die beiden sitzen am Frühstückstisch. Wir wünschen uns ein „Tschüß“ und „Auf Wiedersehen“. Wenig später lösen wir die Leinen und unser Perkins schiebt uns gemächlich Richtung Göteborg. Besonders eilig haben wir es nicht und wir wollen den dichter werdenden Schärengarten genießen.

Auf dem Weg nach Göteborg
Auf dem Weg nach Göteborg

Für unseren Göteborgaufenthalt haben wir uns den Hafen „Lilla Bommen“ direkt neben der Oper ausgesucht. Er liegt praktisch mitten in der Stadt. So haben wir es gern. Die Wege sind kurz, man ist meist direkt im Leben. Die einschlägige Literatur warnt intensiv. Es sei praktisch unmöglich während der Saison einen freien Platz zu erwischen. Zudem sei der Hafen extrem teuer. Tagespreise von bis zu 800 Schwedenkreuzern würden pro Nacht aufgerufen.

Wir wollen wegen der erwähnten grandiosen Stadtnähe in den Hafen, außerdem müssen wir, denn wir haben uns genau dort mit Kind Verena verabredet, sie sitzt seit gestern Abend in einem der modernen Reisebusse, die der Bahn heute aus guten Gründen Wettbewerb machen und quält sich unter anderem über Berlin nach Göteborg. Es geht also gar nicht anders. Wir müssen in den Hafen.

Brücke vor Göteborg
Brücke vor Göteborg

Um 12:30 Uhr machen wir in einer natürlich reservierten Box neben einer völlig überbesetzten Hamburger Hallberg Rassy fest. Die Männer von dort, zwei halfen freundlich beim Anlegen, sagen, wir sollten uns ruhig hier hinlegen. Sie hätten es genauso gemacht und nachträglich reserviert. Uns gelingt das trotz Internet nicht. Reservierungen seien nicht möglich, vermeldet das Portal.

Ok, dann laufen wir mal ins Hafenmeisterbüro. Dort sitzt ein liebes Mädel, sie hat hier einen Semesterferienjob, und nimmt sich unserer an.

Leider, an dem Platz ginge es nicht. Sie ginge jetzt aber mit uns raus und wir würden schauen, was zu machen sei.

Gesagt getan. Wir laufen den wirklich nicht großen Hafen ab. Irgendwann zeige ich hinter einen großen Kat.

Wie es da denn wäre?

„Ja. Natürlich“, kommt es zurück. Das hätte sie auch selbst sehen können. Dorthin sollten wir uns verlegen. Sie nähme die Leinen an.

So machen wir’s und haben einen schönen Platz längsseits am Steg.

Das Vergnügen dieses schönen Liegeplatzes in der zweitgrößten Stadt Schwedens mit gut 490.000 Einwohnern gibt es für 988 Schwedenkreuzer für zwei Nächte, also günstiger als vorhergesagt und deutlich teuerer, als wir es aus der Heimat gewohnt sind. Auch teurer als die bisherigen schwedischen Häfen. Dafür sind wir in Göteborg und vor allem: wir haben einen Liegeplatz. Also geben wir gern.

Unseren Nachmittag verbringen wir mit der vergeblichen Suche nach einer geöffneten Polizeistation. Ich hatte kurz nach Ankunft Mails abgerufen, Empfangen funktioniert ja, wie ich erzählt hatte. Eine dieser Mails kommt von meinem iPad. Eine Funktion, die ich gar nicht kannte. Freund Ralf hatte mich drauf gebracht und das Nötige in die Wege geleitet.

Also, mein iPad schickte eine Mail und teilte mit, dass es sich in der So-und-so-Str. Nr. 3 in Helsingborg aufhält. Das möchten wir gern der Polizei erzählen. Vielleicht finden die Männer und Frauen von der Polizei das wichtig.

Wir laufen deutlich über zwei Stunden durch die Stadt, werden von hier nach da verwiesen, stehen vor verschlossenen Türen oder finden eine Wache in der man uns freundlich, aber bestimmt, mitteilt, dass man sich mit Fällen wie unserem nicht beschäftige. Wir müssten uns in die und die Wache begeben. Dort sei geöffnet.

Wir würden dieser Information Glauben schenken, wenn wir nicht genau dort schon gewesen wären. Die Türen waren deutlich zu. In unserer Not spricht Frau Cornelia einen Wachtmeister in einem an der Straße stehenden Polizeiauto an. Leider erhält sie auch von ihm keine wegweisenden Informationen.

Wir wissen zuverlässig, dass die von ihm genannte Wache ebenfalls geschlossen ist. Wir geben auf, haben wirklich keine Lust mehr auf Polizei und geschlossene Türen. Ob die das wissen mit dem iPad oder nicht, ist eh egal. Zurück zum Schiff und sofort die Schuhe aus.

An unserer Backe liegt inzwischen ein gut zwei Meter längerer Norweger, eine junge Familie mit drei Kindern.

Sie entschuldigen sich und fragen, ob sie bleiben dürften. Sie hätten reserviert, aber es sei nichts mehr frei gewesen im Hafen. Die Hafenmeisterin habe sie an unsere Seite verwiesen.

Natürlich dürfen sie bleiben, das ist guter Brauch. Wir kommen von Plicht zu Plicht ins Gespräch, zum Glück können wir die Unterhaltung in unserer Muttersprache führen, sie ist Deutsche aus Hamburg, er spricht unsere Sprache hervorragend, die Kinder wachsen zweisprachig auf.

Das Gespräch kommt natürlich auch auf unseren Einbruch, die Nachbarn sind völlig überrascht, haben es ebenso wenig wie wir bis vor wenigen Tagen, für möglich gehalten, dass Einbrüche auf bewohnten Yachten stattfinden. Auch sie hatten ihre Luken und den Niedergang nachts fast immer offen.

Das würde sich ab sofort ändern, sagen sie. Später ruft der Norweger für uns bei der zentralen Polizeirufnummer an und gibt unsere Informationen zum iPad weiter. Irgendeine Hoffnung, dass der Anruf etwas bewirkt, haben wir alle nicht. Außer, dass wir ein Papier bekommen, in dem alle Vorfälle vermerkt sind. Für die Versicherung.

Am frühen Abend lernen wir den Besitzer des vor uns liegenden Katamarans kennen. Auch er ist Norweger und möchte morgen früh um acht Uhr los. Wir und unser Nebenlieger müssen ihm Platz machen – sonst kann er nicht raus.

Weder unserem Nachbarn noch uns gefällt der Wunsch. Wir verhandeln mit dem Mann eine Verschiebung seiner Wünsche auf neun Uhr, damit können wir alle leben, wundern uns aber schon ein wenig. Es soll mächtig blasen morgen und regnen, was der Himmel so hergibt. Der Hafen ist recht voll inzwischen. Neben den Kat quetscht sich noch eine kleinere Hallberg Rassy für die Nacht.

Unser Hafen ist quirlig. Neben der temporären Heimstadt für Yachten dient er zusätzlich als Fährstation für innerörtlichen Personenverkehr, es legen Rundfahrboote an und ab, und ein historischer Dampfer aus 1881 bietet offensichtlich gut gebuchte Kurztrips an. Im Zwei-Stunden-Takt kommt und geht das alte Schiff. Nicht weit von uns das Hafenmeisterbüro, ein Yachtausrüster und ein gut besuchtes Café mit reichlich Außenplätzen, alles untergebracht in einem typisch skandinavischen Holzgebäude.

Für rund 22:00 Uhr hat Kind Verena sich angesagt. Sie wird auf dem ganz in der Nähe gelegenen Busbahnhof eintreffen. Wir schnallen ein Fahrrad für das Gepäck vom Schiffsdach und kommen nur kleine fünf Minuten später an als sie.

Verenas Fahrt war lang und stressig. Zwei Mal wurde der gesamte Bus inklusive aller Passagiere von Grenzpolizisten gefilzt, erst von dänischen, dann von schwedischen, das Kind hatte Angst um das neue iPad, sie war nicht sicher, ob sie es nach Schweden einführen darf. Im Gegensatz zu anderen ist sie nur oberflächlich kontrolliert worden.

M/S Sankt Erik, Baujahr 1881
M/S Sankt Erik, Baujahr 1881

Blick auf den Hafen Lilla Bommen
Blick auf den Hafen Lilla Bommen

Neben dem Ersatz-iPad für mich hat sie noch Tabak transportiert, einen von mir vergessenen Satz Papierkarten und einige weitere Kleinigkeiten.

Darüber hinaus natürlich ihre persönlichen Sachen, Ölzeug und was man sonst so braucht für mindestens zwei Wochen. Das Ganze füllt insgesamt drei größere Taschen, die Idee mit dem Fahrrad war also gar nicht so schlecht.

16.07.2017, Sonntag (Hafentag)

Verena darf nach ihrer strapaziösen Reise ausschlafen, wir zwei Alten stehen um Punkt neun Uhr an Deck und besprechen mit unserem Nebenlieger das Vorgehen. Auch die Katamaranbesatzung, bestehend aus dem Skipper und vermutlich seinem Sohn mit Frau und Kleinkind ist reisebereit. Trotz Regen haben sie ihre Pläne nicht geändert. Die Windvorhersage schreckt sie augenscheinlich ebenso wenig.

Wir werden uns nur einige Meter nach hinten verholen, unserer Nachbar wird seinen Platz verlassen und sich später statt des Katamarans vor uns an den Steg legen. Mit unserer Hilfe wirft er die nassen Leinen los und geht auf Warteposition im Hafenbecken, wir rücken gut drei Meter nach hinten und machen provisorisch fest. Der Kat beginnt sein Manöver, drückt kräftig achteraus und stoppt erst auf, nachdem ich mehrfach laut:

„Stop it, Stop it“, brülle.

Zehn Zentimeter weiter und unser recht robust ausgeführter Anker hätte sich in seinen Steuerbordrumpf gebohrt. Ich bin recht sicher – bei uns hätte der Rums nur wenig Schaden angerichtet. Nach einigen weiteren Fastberührungen, die wohl auch bei uns hätten Schaden anrichten können, ist er frei und zieht vondannen.

Ich weiß es nicht wirklich, vielleicht ist es nicht leicht, einen Katamaran auf engem Raum zu manövrieren, sicher allerdings ist, dass es nicht leichter wird, wenn der vermeintliche Sohn nur sehr verhalten an der Aktion mitwirkt und die auch vermeintliche Schwiegertochter sich völlig heraushält.

Wir machen unseren ehemaligen Nebenlieger mit vereinten Kräften vor uns fest, auch dieses Manöver gestaltet sich nicht völlig stressfrei, es bläst inzwischen schon ganz anständig und regnet natürlich wie vorhergesagt.

Gern würde ich unser Schiff noch umdrehen, um den Wind nicht auf dem Heck und damit den Regen im Salon zu haben.

Frau Cornelia, ich habe bislang noch nicht darauf hingewiesen, sie hat bei uns die Stellung eines Admirals inne, während ich nur der Steuermann bin, verhindert das mit einem leisen:

„Jetzt nicht, können wir später machen! Gemeinsam mit Verena. Dann ist es leichter.“

Also pellen wir uns aus den nassen Klamotten, verrammeln das Luk, um von dem inzwischen vielen Regen nicht abzusaufen und frühstücken gemütlich bei allerdings mangelhafter Sauerstoffversorgung.

Gegen ein Uhr habe ich meine Frauen soweit, ich darf drehen, es regnet fast waagerechte Bindfäden, die Brise ist steif, unsere Nachbarn sind mit ihren Kindern ins Tivoli entschwunden und fallen als Helfer aus. Der Nachbar von der anderen Stegseite bietet sich an, ein freundlicher Däne von runden 30 Jahren. Seine Kleidung allerdings ist unpassend, eher sommerlich ausgelegt. Wir hingegen haben unser Ölzeug angelegt, bei mir, muss ich zugeben, hat es nur für die Jacke gereicht.

Während wir auf Deck stehend das Manöver durchsprechen, läuft ein Katamaran in den Hafen ein. Der ist voll, freie Plätze gibt es nicht. Ich schau genauer hin und traue meinen Augen kaum. Es ist tatsächlich der norwegische Kat den wir vorhin herausgelassen hatten. Langsam kommt er heran.

Ob er bei uns längsseits gehen dürfe?

Meine Antwort:

„Selbstverständlich gern, erst aber drehen wir unser Schiff um. Solange werdet ihr warten müssen.“

„Ok“, kommt es zurück.

Unser Manöver gestaltet sich sehr viel einfacher als gedacht, wir bringen eine zusätzliche Leine vom Bug auf den jetzigen Heckring aus, lösen alle anderen Taue und lassen uns an der neuen Leine unter Maschine nach hinten fallen. Dann wird die Leine langsam dichtgeholt und das Heck mit dem Motor an den Steg gedrückt. Nach zehn Minuten ist alles erledigt.

Wir nehmen den deutlich größeren Kat an unsere Seite, erfahren, dass sie den Wind wohl unterschätzt hätten, draußen bliese es mit 40 Knoten, vertäuen ihn gründlich und steigen zufrieden wieder in unser Kellerloch.

Gute Aktion war das und Luft können wir nun auch reinlassen. Brauchen wir auch, irgendwie müssen wir die Klamotten wieder trockenkriegen, meine Shorts und die Unterwäsche kann ich auswringen, die Sandalen sind komplett durchnässt.

„Tja“, lässt Frau Cornelia sich ein, „so wie andere sicherlich vor Abfahrt den Wetterbericht gründlich studieren sollten, solltest du dir Gedanken über die jeweils angezeigte Kleidung machen. Gell?“

Im Grunde genommen hat sie so Unrecht nicht.

Nicht sehr viel später hört der Regen auf, der Wind bleibt. Die beiden Frauen planen einen Stadtgang. Ich kann mich entschuldigen. Habe noch Pflichten. Die Reparatur von „Power Block“ ist noch nicht abgeschlossen.

Die beiden ziehen davon, wollen sich wesentlich in der größten Mall Skandinaviens aufhalten und ich mache mich an die Arbeit. Nach kleinen zwei Stunden, ganz überwiegend verbracht mit Umprogrammiererei, läuft die Maschine, sie bekommt die notwendigen Informationen nun auf anderem Wege und kann uns ab sofort wieder mit Strom verwöhnen und mit warmem Wasser und bei Bedarf auch mit Wärme. Meine beiden Frauen werden stolz sein auf mich, wenn sie wiederkommen.

Um den späteren Nachmittag kommt es noch zu einem Plausch mit dem jungen dänischen Nachbarn und seiner Frau, sie kommen mit ihren Baby bei uns an Bord. Die dänische Mutter bewundert ein wenig neidisch unseren Riesenkühlschrank, dass er uns vor wenigen Tagen im Stich ließ, verrate ich nicht.

Die beiden haben ihr Boot vor drei Wochen hier in Schweden zu einem sehr günstigen Preis gebraucht gekauft und verbringen ihren Urlaub auf dem für sie neuen Boot. Unzufrieden sind sie nur mit dem Aussehen des Teakdecks, das der Kohinoor sei doch sehr viel schöner, nicht so dunkel und fleckig. Ich biete an, testweise eine Probefläche mit meinem Boracol zu behandeln.

Gerne, sehr gerne solle ich das machen.

Am Abend kommt der Däne, Simon heißt er, noch einmal zu uns rüber. In der einen Hand eine Flasche Rum, in der anderen vier passende Gläser. Wir müssten jetzt auf ihr neues Boot trinken. Das machen wir dann auch.

17.07.2017, Montag (Hafentag)

Kein Regen. Sonne. Wind unverändert kräftig aus West. Wir planen eine Stadtbesichtigung. Im Hafenbüro lagen papierene Stadtpläne aus. Wir haben uns einen mitgenommen. Ich halte viel von Plänen auf Papier. Sie sind sehr zuverlässig und erlauben einen Blick aufs Ganze.

Bevor wir gehen können, steht noch Arbeit an. Der Kat wird sich verlegen. Er rückt nach vorn. Neben unseren Exnachbarn. Statt seiner kommt ein drittes norwegisches Schiff. Dessen Eigner erklärte mir vom Steg aus seine Not.

Er läge auf einem reservierten Platz.

Leider reserviert von jemand anderem. Deshalb muss er dort weg und bittet um eine Heimat an unserer Seite. Er kann den Hafen nicht verlassen. Zwei seiner Kinder kommen heute. Außerdem der Wind.

Selbstverständlich kann er an unserer Backe liegen. Im Grunde ist er mir viel lieber als der Riesenkatamaran. Seine Dimensionen passen erheblich besser zu uns.

Wir bugsieren den Kat nach vorn, er liegt jetzt an der Terrasse des Cafés, festgemacht am Geländer. Wenn das man hält. Die Sun der neuen Norweger vertäuen wir bei uns und legen zusätzliche Landleinen aus. So sind sie sicher vor dem einen Rumpf des Katamarans, vor dem, der immer wieder bedrohlich nahe kommt.

Das Paar von der Sun hat viel mitgemacht in diesem Urlaub. Unter anderem sind sie vor wenigen Tagen auf einen unter der Wasseroberfläche liegenden Felsen gebrummt, mit sechs Knoten Tempo. Vier Kinder waren an Bord. Zwei eigene und zwei befreundete. Zum Glück ging es einigermaßen glimpflich ab, nur der Papa hat sich einige heftige Prellungen zugezogen, als er vor das Ruderrad knallte. Die Kinder lagen im Vorschiff, mit den Füßen zur Fahrtrichtung. Ihnen ist nichts passiert.

Das Schiff aber hat heftigen Schaden genommen. Etliche Risse dort, wo der Kiel mit dem Rumpf verbunden ist. Dort müssen ungeheure Kräfte aufgetreten sein. Das Schiff soll jetzt in die Najadwerft hier ganz in der Nähe.

Ansonsten schwärmen sie von den Arbeitsbedingungen in Norwegen. Sie sind Ärzte und fühlen sich sehr wohl. Die Arbeitszeiten seien recht verträglich, niemand müsse länger als acht Stunden arbeiten. Studiert haben sie in Berlin und sich dort auch kennengelernt. Es sei eine tolle Zeit gewesen. Daher auch das unglaublich gute Deutsch, das sie sprechen. Für uns ein Segen.

Gesprächsbedingt dauert die Verholaktion länger als geplant. Am Abend oder morgen früh wollen wir uns zusammensetzten, dann zeigen sie uns einige schöne Stellen in den Schären.

Wir machen uns auf den Weg. Stadt anschauen. Unser Hauptziel ist der Stadtteil Haga, ursprünglich ein Arbeitervorort mit schlechtem Leumund, heute ein angesagtes Viertel mit wunderschönen und typischen Holzhäusern und etlichen Cafés im Stil des neunzehnten Jahrhunderts.

Schöne Architektur in Haga
Schöne Architektur in Haga. Nicht alles ist aus Holz

Typisches Göteborg bei Sonne
Typisches Göteborg bei Sonne

Kuchenhandel auf der Straße
Kuchenhandel auf der Straße

Insgesamt wandern wir wohl drei Stunden oder auch vier. Auf dem Rückweg nehmen wir noch Teile der reichlichen Einkaufsstraßen mit und kürzen das letzte Stück des Weges ab, indem wir durch die Mall direkt am Hafen spazieren. Sie ist wahrhaft riesig. Unser Abendessen werden wir später bei einem in diesem Einkaufsmoloch ansässigen Vietnamesen holen.

Blick auf den Hafen Lilla Bommen
Auf dem Weg von Haga in die Einkaufsmeile

Ein Tipp vom dänischen Simon. Es wird ein für schwedische Verhältnisse preiswertes und zudem noch schmackhaftes Essen.

18.07.2017, Dienstag

Aufbruchstag. Gegen Mittag soll der Wind nachlassen. Zuerst verlässt uns die Sun. Aber nur mit Herrn Dr. und inzwischen vier Kindern. Seine Frau bleibt am Steg zurück. Dann geht der Katamaran. Ich habe es nicht selbst gesehen:

Um ein Haar soll er uns mit seinem Heck die ganze Backbordseite aufgeschlitzt haben, als er viel zu früh und deutlich zu vehement in die Hafenausfahrt einbiegt. Wohl gesehen habe ich, dass der Sohn des Kateigners nahezu während des gesamten Ablegemanövers auf dem Vordeck mit dem Kleinkind spielte. Die Mutter des Kindes betrachtete interessiert, was Vater und Kind so trieben. Hier an Bord wäre die Stimmung in einem solchen Fall schlecht gewesen. Der zweite Norweger legt mit unserer Hilfe ab. Auch er nimmt nur die Kinder mit. Komisch. Frau Cornelia bietet beiden Frauen Asyl an, wir haben nur zehn Meilen vor uns und wollen nicht vor halb zwei los. Beide nehmen das Angebot an und so sitzen vier Frauen in unserer Plicht und plaudern, während ich gemeinsam mit Simon sein Rigg einstelle. Die Wanten sind deutlich zu locker.

Als ich mit der Arbeit durch bin, wird auch mir ein Plätzchen auf unserer Terrasse gewährt und meine Neugier wird befriedigt. Frau Nr. 1 wird das Familienauto holen und Mann und Kinder an der Reparaturwerft ihres Schiffes übernehmen. Frau Nr. 2 will nach Hamburg, um an der Trauung ihres Bruders teilzunehmen. Ein Überraschungsbesuch.

Übrigens, auch Simons Frau und das Baby sind nicht mehr an Bord. Sie wurden von ihrer Schwester abgeholt. Simon geht mit dem Freund der Schwester durchs Kattegatt in Richtung Heimat am Limfjord.


Replikat der 1738 gebauten Götheborg

Eine nette, freundliche Gruppe waren wir hier in Göteborg für drei Tage. Nun trennen sich unsere Wege. Wir verplaudern uns und verlassen den Steg erst um rund Zwei. Die zehn Meilen bis Öckerö sind schnell bewältigt. Der Wind ist mit inzwischen Bft vier aus West milde.

Wir legen uns in den Fischereihafen der Insel, um dort die Nacht zu verbringen. Strom gibt es für uns nicht. Alle Dosen sind belegt. „Power Block“ muss ran. Vergleichsweise günstig ist es: 210 Schwedenkreuzer kostet die Übernachtung.

Segler in den Schären
Segler in den Schären

19.07.2017, Mittwoch

Wir verlassen Ökerö und seinen Fischereihafen um 10:30 Uhr. Das Hafengelände ist ganz offensichtlich ein beliebtes Wohnmobileldorado. So, wie die hiesigen Wasserflächen beliebt sind bei Seglern und Motorbootfahrern.

Uns ist es in der Summe etwas zu voll. Wir reihen uns ein in die Kette der auf der E6, so wird dieses Hauptfahrwasser innerhalb des Schärengürtels von den Schweden genannt, verkehrenden Boote. Es geht kreuz und quer durcheinander. Der eine schnell, der andere weniger schnell, einige auf der linken Fahrwasserseite, ein Gewusel, das erhöhte Aufmerksamkeit verlangt.

Auf Verenas Anregung hin verlassen wir sehr bald die stauträchtige Strecke und gehen außerhalb der Schären zu unserem Tagesziel Marstrand. Der Ort ist hochempfohlen, nahezu alle, die wir nach Zielen befragt haben, sind sich einig: Marstrand ist ein „Must see“.

Gegen halb drei erreichen wir die Stadt. Der Wetter ist erfreulich gut. Die Sonne scheint, es weht ein lauer Wind. Sämtliche Wasserflächen des Ortes sind ein einziger Hafen.

Unterteilt in viele Einzelhäfen. Mal größer, mal kleiner. Die meisten von ihnen informieren deutlich darüber, was sie von Gastfreundschaft halten. Das Wort Gasthafen auf blauem Grund ist durchgestrichen.

Da weiß man als Neuankommender, woran man ist. Die zweite Runde haben wir auf unserer Liegeplatzsuche beinahe gedreht, da kommt ein Wassermoped auf uns zu:

„Ihr sucht einen Liegeplatz? Da hinten um die Ecke ganz am Ende des Stegs wird sofort ein Platz frei. Da könnt ihr hin.“

Segler in den Schären
Yachtparkplatz in Marstrand

Also doch. Auch in Marstrand gibt es barmherzige Menschen. Wir haben einen Platz! Zum ersten Mal in diesem Leben mit festen Heckleinen, einer, nach meiner Kenntnis, schwedischen Besonderheit.

So nennt man eine interessante, praktische und in der Bereitstellung sicherlich preiswerte Konstruktion von Anlegehilfe. Für denjenigen, der so etwas nicht kennt und zusätzlich technisch interessiert ist:

Man baue einen mehr oder weniger langen Steg ins Wasser. Dann beschaffe man sich etliche durchaus schwere Steine. An diesen verknote man recht lange Leinen und werfe die Steine in einem gewissen Abstand zum Steg und zudem voneinander ins Wasser. Die losen Enden der Leinen befestige man sodann möglichst dauerhaft an der Stegkonstruktion und lasse sie ins Wasser fallen. Fertig.

Ankommende Boote laufen vor- bzw. rückwärts lotrecht auf den Steg zu, stoppen auf und eine Person steigt über auf den Steg. Am sinnvollsten mit mindestens einer Festmacherleine in der Hand.

Diese Person muss dann die eine oder besser beide Leinen durch die in Schweden üblichen Ringe nesteln und darauf achten, dass das Boot nicht auf den Steg bunkert. Derweil fischt eine zweite vorn auf dem Schiff stehende Person, wenn dann mit dem Bug zum Steg angelegt wird, mittels Bootshaken die am Steg im Wasser hängende Leine heraus und läuft so schnell wie eben möglich mit der durch die Finger gleitenden Leine zum Heck. Während dieser Aktion löst sich so allerlei von der Leine, zum Beispiel Muscheln, die sich gern in die Handhaut bohren, Seetang, der aufs Deck tropft und so dies und das. Am Heck angelangt kann man recht sicher sein, dass inzwischen das Schiff deutlich quergetrieben ist. Nun heißt es ziehen was das Zeug hält und zwar an der Leinenseite die zum Stein hin läuft. Irgendwann schafft man es in den meisten Fällen, sein Boot sachgerecht ausgerichtet zwischen Steg und Stein zu drapieren.

Glück hat derjenige, dessen Schiff mit mindestens drei Personen besetzt ist, der kann mit einem geschickten Rudergänger unter günstigen Umständen das Quertreiben verhindern. Und Glück hat auch derjenige, der einfach zwischen zwei schon festliegende Schiffe laufen kann, die Möglichkeiten zu vertreiben sind dann begrenzt.

In unserem Fall springt Frau Cornelia todesmutig und trotz schon älterem Verbot vom Bugkorb auf den Steg, die Höhendifferenz zwischen Boot und Steg ist eigentlich größer, als sie einem nicht mehr zwanzigjährigem Menschen zuträglich ist. Der Wind steht quer zum Schiff, ein Nebenlieger fehlt. Verena fischt die Leine aus dem Wasser, das gelingt auf Anhieb. Auf dem Weg vom Bug zum Heck landen die unvermeidlichem Mengen Drecks auf unserem Teakdeck. Leider zieht das Kind am falschen Ende der Leine, das Schiff bewegt sich dadurch Richtung Steg und der Seitenwind tut ein Übriges.

Ein unverzeihlicher Fehler der Schiffsleitung, die in diesem Falle bei mir liegt. Ich hätte das Manöver besser erläutern müssen. Zwei herbeieilende Männer drücken kräftig am Bug und verhindern, dass wir den Steg touchieren. Ich lasse die Maschine langsam zurücklaufen und schnappe mir die zweite Leine, mit der ich die Backbordseite des Decks gründlich verschmutze. Letztlich wird alles gut, wir bekommen das Schiff wieder lotrecht zum Steg.

Wir liegen fest an unseren Heckleinen und nehmen unseren Anlegeschluck, bei uns ist es ausnahmslos Kaffee. Dazu werden Plätzchen oder auch in Sonderfällen ein Stück Kuchen gereicht, Frau Cornelia backt einen hervorragenden dunklen Herrenkuchen – ein Gedicht. Heute sind es Plätzchen. Wir sitzen in der Plicht, die Sonne scheint noch immer, es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Das Wasser ist ähnlich kabbelig wie im Hamburger City-Sportboothafen. Auch dreizehn Tonnen Schiff schwanken bedenklich und unkalkulierbar. Kaffeetassen sollten keinesfalls zu wohlmeinend gefüllt werden.

Diesen, die Gleichgewichtssinne schulenden Platz am Steg buchen wir für zwei Nächte und geben dafür 800 Schwedenkreuzer, also 400 pro Nacht. Die Benutzung der sanitären Anlagen, der Waschmaschinen und Trockner sind ebenso inklusive wie der Strom.

Die Festung aus 1690
Die Festung aus 1690

Fels ohne Brandung
Fels ohne Brandung

Wir möchten den Ort, die Festung auf dem Felsen und ein wenig das Umland besichtigen. Außerdem haben wir gern einen Hafentag oder manchmal auch zwei.

20.07.2017, Donnerstag  (Hafentag)

Das meiste von dem, was wir uns vorgenommen haben, erledigen wir, Kind Verena geht sogar baden. Am Abend gönnen wir uns ein Essen im Restaurant, es ist in zwei Fällen durchschnittlich zu einem Preis, der möglicherweise in Schweden als üblich bezeichnet werden kann. Verena hat Pech. Sie isst einen vegetarischen Salat, der überwiegend aus Kichererbsen besteht. Nach dem Genuss hat sie wenig zu lachen. Magen- und Darmkoliken machen ihr volle zwei Tage schwer zu schaffen.

Steinige Badestelle in Marstrand
Steinige Badestelle in Marstrand

Schärenlandschaft
Schärenlandschaft

Abschließend zu Marstrand: Der Ort ist ok, durchaus interessant und fand schon 1291 erste Erwähnung, damals noch zu Norwegen gehörig. Die Festungsanlage „Carlstens Fästning“ wurde in den 1690er Jahren erbaut, Marstrand gehörte nun schon etwa dreißig Jahre zu Schweden. Die Anlage ist sehenswert und weist einen unglaublich guten Erhaltungszustand auf. Die Insel ist nahezu autofrei, das Umland ist sehr typisch „Schären“: Felsen und karger Bewuchs.

Karges Land
Karges Land

Blick von Insel zu Insel
Blick von Insel zu Insel

Meine Einschätzung: Ein „Must see“ ist Marstrand nicht. Wer allerdings schwedischen Urlaubssommer kennenlernen möchte, ist hier gut aufgehoben. In den Restaurants kann man durchaus das zweifelhafte Glück haben, von zu Musikkonserven singenden Virtuosen verwöhnt zu werden. Die Lautstärke dieser Darbietungen ist so gehalten, dass auch das weitere Umfeld profitiert.

Schönes Wohnen
Schönes Wohnen

Weiße Zähne sind beliebt
Weiße Zäune sind beliebt

21.07.2017, Freitag

Das nächste Ziel der Kohinoor heißt Sandwig auf Styrsö, ein Stück südlich vom Marstrand gelegen. Wir laufen durch die Schären, legen 25 Meilen zurück und müssen ständig gehörig Ausguck gehen, wie der Seemann formulieren würde. Es ist wieder voll und geht kreuz und quer. Die Felsen über und unter Wasser bedürfen nicht so großer Aufmerksamkeit wie die Bootskollegen - wenn dann die Navigation sauber ist. Die aber ordentlich zu erledigen ist heute, im Zeitalter der Rechner und Kartenplotter, kein echtes Problem mehr. Auch dann nicht, wenn der Weg sehr schmal ist, wie so manches Mal auf unserer Strecke.

Der Hafen ist nicht so groß und nicht so ungemütlich, wir finden an einem deutlich zu kurzem Fingersteg ein Plätzchen und geben dafür wieder einmal 300 Schwedenkreuzer am Automaten ab. Kind Verena ist nach wie vor noch nicht wohl im Magen.

Am Abend wird eine Crewbesprechung anberaumt. Wie soll es weitergehen? Was sind die nächsten Ziele? Wie lange bleiben wir in den Schären? Zur letzten Frage kommt es rasch zu einer einhelligen Meinung.

Zum Teil sind die Passagen eng
Zum Teil sind die Passagen eng

Wir lassen Sandwig auf Styrsö hinter uns
Wir lassen Sandwig auf Styrsö hinter uns

Im Grunde haben wir genug gesehen. Es ist nicht hässlich hier. Wohl aber immer sehr ähnlich. Uns eigentlich zu karg. Und vor allem zu viel Trubel. Also, könnten wir doch auch gleich weiter. Aber wohin?

Angedacht war ja noch der Limfjord. Das Wetter in den nächsten Tagen könnte passen, sagt der Windfinder. Frau Cornelia steht nicht so der Sinn nach Limfjord.

Wie es wäre, man könne doch auch direkt in den Osten Deutschlands gehen, sagt sie. Das hätte auch Vorteile für Kind Verena. Sie hätte keine so lange Heimfahrt. Und wir würden dann rüber nach Polen. Und in den Boddengewässern hätte es uns doch so gut gefallen.

Mir ist es recht. Den Limfjord kenne ich gut. In früheren Jahren bis ich mehrfach dort gewesen. Allerdings immer über Thyborön kommend. Ich habe die Gegend immer sehr genossen. Ruhige hügelige Landschaft, Wälder, Felder und kleine Häfen. Wenig Menschen, zumindest früher.

Also abgemacht. Wir gehen nach Süden. Und damit beginnen wir gleich morgen. Dann können wir die Tochter am Sonntag oder Montag in Stralsund abgeben. Das erste Ziel in Deutschland soll Vitte auf Hiddensee sein.

Wie gut eigentlich, dass wir zeitlich völlig unabhängig sind. Wir unterliegen keinen Zwängen, müssen nicht irgendwann irgendwo sein, und so können wir eben auch ohne jedes Problem entscheiden, doch an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort zu sein. Wenn denn das Wetter mitspielt.

22.07.2017, Samstag

Es gibt wenig zu berichten. Heute wird gespart. Wir gehen in eine schöne und wie sich herausstellt, ruhige Ankerbucht. Wind gibt es kaum. 1 – 2 Bft. Es ist ungewöhnlich mild und wir legen nur 21 Meilen bis in die Bucht Malöhamn zurück. Der Anker fasst sofort und hält gut. Bei gut halber Kraft zurück rührt sich nichts, das Schiff liegt fest. Außer uns liegen am späten Abend nur drei weitere Schiffe in unserer Bucht. Verena geht schwimmen. Hin und wieder brummt „Power Block“ vor sich hin.

Wir lassen Sandwig auf Styrsö hinter uns
Malöhamn (57°21’35“N/11°58’35”O)

Wir lassen Sandwig auf Styrsö hinter uns
Ankerbucht Malöhamn, Abendstimmung

23.07.2017, Sonntag

Den Anker muss ich per Hand aufholen. Da rächt sich meine Faulheit. Bislang bin ich noch nicht auf Fehlersuche gewesen.

Heute werden wir auch nicht lange unterwegs sein, 33 Meilen sind es bis Glommen, die Windvorhersage lautet 4 – 5 aus Ost. Ost stimmt, die Windstärke müssen wir nach oben korrigieren, es werden häufig sechs Windstärken, 5 – 6 sind es immer. Wir laufen unter Genua bei ganz wenig Welle dank der Küstennähe, in der wir unterwegs sind.

Um 12:45 Uhr knallt es laut, das Schiff bebt kurz und verliert an Fahrt. Ich sitze unten, bin aber schon fast in der Plicht, als von dort ein lautes:

„Papa!“ tönt. Das Segel schlägt im unteren Drittel. Kausch gerissen oder Schäkel gebrochen?

Das klären wir später. Wir rollen die Genua ein, so gut es geht. Sie schlägt ein wenig. Das Achterliek hat sich im oberen Drittel nicht sauber eingerollt, aber es wird gehen. Den Diesel an und weiter.

Um 14:50 Uhr liegen wir fest und trinken unseren Kaffee. Gerissen ist tatsächlich die Kausch, eine Reparatur mit Bordmitteln ist nicht möglich. Wir nehmen das Segel runter und stauen es weg. Morgen früh werden wir die Fock anschlagen, die für schweres Wetter in der Vorpiek lagert. Die zieht allerdings nicht gut. Wir brauchen dringend einen Segelmacher.

In Glommen ist Kirmes mit lauter Musike, trotz Regen – wir sind in Schweden. Und es ist Sommer.

24.07.2017, Montag

Obwohl beinahe Dauerwasser von oben ein schöner Segeltag bei 3 – 4 Bft aus immer noch Ost. Wir gehen nach Torekov. In dem kleinen Hafen lernten wir auf der Hinfahrt das um ihr Schiff so besorgte norwegische Ehepaar in Bademänteln kennen. Heute liegen wir an einer 46-Fuß-Bavaria.

Regenpause im schon fast vollen Torekov
Regenpause im schon fast vollen Torekov

Nette, freundliche Menschen aus Polen. Sie leben in Schweden, waren vorher etliche Jahre in Deutschland und lassen ihre Kinder dreisprachig aufwachsen, eigentlich sogar viersprachig, wie wir gemeinsam errechnen. Denn sie gehen in Göteborg auf eine englischsprachige Schule. Klasse! Mama und Papa sind für Volvo tätig.

Der Hafen ist randvoll. Ein Spätankommer legt sich noch an unsere Seite. Danach ist kein weiterer Verkehr im Hafen möglich. Abends und nachts Dauerregen. Teils kräftige Böen.

25.07.2017, Dienstag

Wir gehen nach Ven, einer kleinen Insel im Öresund, kurz vor Kopenhagen. Der Hafen für heute Nacht heißt Bäckviken und liegt an der Ostseite.

So klein wie die Insel, so klein auch der Hafen, den wir nach 38 Meilen erreichen. Und das Tollste: außer uns nur ein anderes Gastboot. Daneben nur fünf oder sechs kleine Fischer. Und einige wenige Häuser, die den Ort ausmachen an einem Hang. Das hat wirklich was.

Nur zwei Gastschiffe im Hafen von Bäckvikken
Nur zwei Gastschiffe im Hafen von Bäckvikken

Nach den überfüllten Häfen der letzten Nächte eine Offenbarung. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass das Liegegeld ganze 100 Schwedenkreuzer beträgt. Dafür gibt es auch noch Strom und selbstverständlich Duschmöglichkeiten.

Ich nutze die Hafenduschen nie. Nicht, dass ich fies davor wäre, ich dusche einfach lieber auf dem Schiff. Auch wenn ich hinterher den ganzen Raum trockenlegen muss. Das ist die Vorschrift.

26.07.2017, Mittwoch

Der Wunsch von Kind Verena war es, während ihrer Zeit bei uns den Umgang mit dem Boot besser zu lernen. In den letzten Tagen schon hat sie mich tatkräftig unterstützt und das Schiff häufig selbstständig geführt. Heute morgen wollen wir, so hatten wir es gestern noch besprochen, das Festmachen in einer Box üben. Der Wind ist mild und kommt nur ganz leicht seitlich. Das Manöver gelingt für den ersten Versuch prima.

Wir verlassen diesen heimeligen Hafen um 09:40 Uhr und sind nach 45 Meilen strammer Motorfahrt um 16:50 Uhr in Rödvig. Ein Hafen, den wir schon kennen. Heute ist er rappelvoll.

Wir finden einen schlecht zugänglichen Platz längsseits einer holländischen Yacht – Ehepaar mit Hund. Das hatten wir doch schon. Auch diese zwei sind angenehm im Umgang. Strom gibt es für uns nicht, wohl aber Wasser und das haben wir bitter nötig. Wir fahren auf dem letzten unserer drei Tanks.

27.07.2017, Donnerstag

24,5 Meilen bis nach Klintholm vor ganz wenig Wind, der Diesel schafft das ohne Murren. Der Ort ist bekannt von der Hinreise. Modern und trotzdem recht schön angelegt.

Wir sind früh. Es ist halb eins. Zuerst zum Tanken. Eigentlich haben wir noch genügend Vorrat. Ich muss zugeben, dass mit zunehmendem Alter zumindest bei mir das Sicherheitsbedürfnis erheblich gestiegen ist. Wenn der erste Tank leer ist, werde ich unruhig, obwohl noch leicht dreißig Stunden Motorfahrt möglich wären. Mancher mag das wunderlich finden. Es ist wie es ist.

Verena legt virtuos an der Dieselstation an und hinterher genauso gut längsseits an einem noch völlig leeren Steg.

„Macht echt Spaß“, lässt sie sich ein.

Schon am frühen Nachmittag wird es voll. Bald haben wir einen Seitenlieger. Später am Nachmittag einen Zweiten mit deutscher Flagge. Dieser hat wohl beim Festmachmanöver um ein Haar erheblichen Schaden angerichtet, zum Glück ging es mit nur ein paar kleinen Schrammen ab. Ich selbst habe das Schauspiel nicht mitbekommen. Schade, ich schaue gerne Hafenkino. Diesmal war ich zu spät. Hin und wieder allerdings bin ich selbst auch Darsteller und habe dann sicherlich auch begeistert schadenfrohes Publikum.

Ich bitte die beiden deutschen Segelkollegen, die nach ihrer kleinen Havarie den dritten Platz im Päckchen innehaben, doch bitte noch mindestens eine Landleine auszubringen. Dies tue ich geraume Zeit nach ihrer Ankunft.

Man weiß ja nie, was aus dem Wind so wird. Er und sie sind gerade dabei, ihr sicherlich nicht im Schnäppchenhandel erstandenes Großsegel aus feinstem Kevlar mit viel Liebe zum Detail aufzuklaren. Nach der verbalen Reaktion des weiblichen Parts der beiden weiß ich, dass wir keine Freunde werden können. Immerhin wird sehr viel später eine kleinfingerdicke Leine ausgebracht. Ich also kann mich nicht beklagen.

Frau Cornelia ärgert sich nachhaltig über die beiden und lässt es während eines kleinen Spaziergangs raus:

„Hast du gehört, was die Alte noch gesagt hat? Was bildet die sich denn ein? Als ob sie noch nie als Dritte im Päckchen gelegen hätten. Was soll das denn heißen? Dann müssten die doch wissen, dass man dann zusätzlich Landleinen ausbringt. Und sie wüssten nicht, ob sie eine so lange Leine an Bord hätten. Da hätten sie besser am Segel gespart und ein paar anständige Leinen gekauft.“

Sie schimpft und ärgert sich ganz maßlos, sie hält die Reaktion der Frau für völlig unpassend. Ich weiß, es ist zwecklos ihr zu sagen, sie solle sich nicht grämen – bei mir hilft das doch ebensowenig.

28.07.2017, Freitag

Adieu Dänemark. Gut eine Stunde nach Aufbruch präsentiert sich die Insel Mön schon in weiter Ferne. Es gibt Seefrühstück.

Die Insel Mön mit Kreidefelsen
Die Insel Mön mit Kreidefelsen

So ein Seefrühstück verlegt den Aufbruch bei uns runde anderthalb Stunden nach vorn. Gegen 14:30 Uhr erreichen wir die Nordspitze von Hiddensee. Wir laufen unter Groß und der kleinen Fock; mit der Genua liefe es natürlich noch besser. Das Wetter ist ideal. Um 15:40 Uhr liegen wir im Fähr- und Fischereihafen von Vitte längsseits an einer Finnclipper. Hier gibt es genau drei Liegeplätze für Yachties plus eventueller Nebenlieger. Es reicht also für maximal neun Boote.

Heute ist, wie wir vom Hafenmeister zugerufen bekommen, nur ein Platz zu haben. Es kämen noch drei Flusskreuzfahrer, darum könne er nur den einen Platz zur Verfügung stellen. Genau deshalb liegen wir außen an der kleineren Finnclipper, sie war vor uns da. Wir kennen den Hafen aus dem letzten Jahr und haben ihn in ganz besonders guter Erinnerung.

Mehr zufällig verschlug es uns im vergangenen Jahr nach Vitte. Der kleine Hafen in Neuendorf war voll wegen Hafenfest, der Yachthafen in Vitte gefiel mir nicht. So liefen wir dann in den Fähr- und Fischereihafen ein und stellten fest, dass es dort tatsächlich einige Liegeplätze für Yachten in unmittelbarer Nähe zur Tankstelle gibt. Wir wurden von einem jungen Mädel mit umgeschnallten Baby herangewinkt.

Dort in der Ecke könnten wir liegen, rief sie uns zu, aber nur bis morgen früh. Dann sei wieder Fährverkehr und wir müssten den Platz wechseln, am besten gingen wir dann an die Yacht da.

Mit diesen Worten nahm sie trotz Baby auf dem Bauch unsere Leinen an. Beim Bezahlen des Liegegeldes kamen wir ein wenig ins Plaudern, die beiden Mütter tauschten sich über Kinder und Enkelkinder aus und wir erfuhren nebenbei, dass das Mädel einen Namen hat: Christiane und das Baby dazu heißt Samu.

Der Leuchtturm auf dem Dornbusch
Der Leuchtturm auf dem Dornbusch

Wir verbrachten einige gemütliche Tage auf Hiddensee, wenn man davon absieht, dass Frau Cornelia mich nötigte, neben einigen Überlandradtouren auch die alpine Strecke zum Leuchtturm auf dem Dornbusch zu bewältigen. Der letzte Teil des Aufstiegs auf nahezu 72 Meter über Null ließ sich nur noch zu Fuß zu bewältigen. Die Anstrengung war gewaltig. Entschädigt wurde ich auf dem Rückweg mit einem ordentlichen Stück Kuchen und Getränk in einem urwüchsigen Gartenrestaurant in Kloster. Was den eigentlich zusätzlich geplanten Aufstieg auf den Turm angeht, zeigte sich Frau Cornelia gnädig:

„Zu teuer“, befand sie, „das steht nicht dafür.“ Ich war dankbar – nicht nur wegen des Geldes.

Irgendwann war unsere Zeit auf Hiddensee zu Ende, wir machten uns bei viel Wind auf nach Stralsund. Dort legten wir bei wohl inzwischen sieben Windstärken im Yachthafen an. Kein einfaches Manöver, mithilfe eines freundlichen Motorbootfahrers bei ablandigem Wind aber doch bewältigt.

Der Empfang im Hafenbüro des Yachthafens an der Nordmole war von einer solchen Qualität, dass wir sofort von unserem Vorhaben abließen, mehrere Nächte zu buchen. Wir beließen es mangels einer uns bekannten Alternative bei einer Nacht und schworen, den Hafen für den Rest unseres Lebens zu meiden.

Diesen Schwur werden wir nicht brechen, das ist mal sicher und wir sprechen über unsere Erlebnisse. Im Verlaufe des Resttages fanden wir heraus, dass man sehr gemütlich in den Kanälen der Stadt liegen kann. Dorthin verholten wir uns am nächsten Morgen.

So weit, so gut. Wir lagen erst mal fest und sicher und Verenas Blick, auch im vergangenen Jahr war sie zeitweise dabei, streifte über unser vom Regen völlig nasses Deck:

„Du Mama, wo sind eigentlich die Fahrräder?“

Weder die Mama noch ich konnten die Frage auf Anhieb zufriedenstellend beantworten, sondern lediglich konstatieren, dass keine Räder zu sehen waren. Komisch. Langsam dämmerte es.

Wir waren recht eilig aufgebrochen, unser Innenlieger auf Hiddensee wollte gerne los. Unorganisiert, wie ich wohl manchmal bin, vergaß ich die neben dem Hafenmeisterbüro stehenden Räder und stach ohne diese Deckslast in See. Dumm gelaufen. Was tun? Frau Cornelia kam auf die Idee, unsere liebe Hafenmeisterin Christiane anzurufen und sie zu bitten, die Räder ein wenig zu sichern. Dann, so der Plan, wollten die beiden Frauen am nächsten Tag mit der Fähre nach Vitte, um die Räder zum Schiff zu transportieren. Keine so schlechte Überlegung, zumal ich außen vor blieb.

Die Telefonnummer von Christiane war schnell durch Frau Cornelia herausgefunden. Christiane aber befand den Plan für nicht so gut, sie schlug vor, die Räder am nächsten Morgen zur Fähre zu bringen und dort in die Obhut des Personals zu geben. Wir brauchten dann nur noch bei Ankunft der Fähre in Stralsund die Fracht entgegenzunehmen und einen kleinen Obolus zu entrichten.

Zugegeben, dieser Vorschlag war in hohem Maße besser und wir waren mehr als dankbar für soviel Hilfsbereitschaft. Als kleines Dankeschön schickten wir einen Blumenstrauß an unseren Engel. Das war schon große Klasse.

Nun also sind wir wieder im Hafen, liegen längs des Finnclippers, der Eigner half sehr freundlich beim Festmachen und ich mache mich auf, das Liegegeld zu begleichen.

Christiane arbeitet jetzt im Hafen von Neuendorf, erfahre ich auf Nachfrage. Der jetzige Hafenmeister kennt die Fahrradgeschichte und wird gerne einen Gruß ausrichten. Auch er ist ausgesprochen nett und kassiert ein äußerst moderates Hafengeld. Unter Einschluss der im deutschen Ostseeraum wohl obligaten Kurabgabe macht es 16,20 Euro pro Nacht. Auf den günstigen Preis angesprochen sagt er, aufrunden habe er in der Schule nicht gelernt, er könne nur abrunden.

Dankeschön dafür. Strom und Duschen kommen allerdings extra in Vitte. Auf den Strom verzichte ich, denn man muss regelmäßig einen Automaten mit Geldstücken bei Laune halten. Ich habe zuviel Angst vor einem Rechnerabsturz und dem Verlust von Daten. Darum verlasse ich mich lieber auf „Power Block“. Der arbeitet jetzt schon seit geraumer Zeit recht zuverlässig. Da darf ich mich ein wenig loben.

Mit unserem Nachbarn kommen wir im Laufe des Nachmittags recht angeregt ins Gespräch. Er ist sehr beeindruckt von unserer Möglichkeit, ohne Landstromkabel jede beliebige Menge köstlichen Kaffees kochen zu können und lässt sich unser kleines Kraftwerk genau erläutern.

Abends gönnen wir uns den Besuch eines Fischrestaurants, hier in der Heimat ist das erschwinglich, und verabschieden später den am Nachmittag an unserer Seite gelandeten Dänen. Der will heute Nacht noch nach Kopenhagen.

Mit dem Eigner der Finnclipper sitze ich noch eine Weile in seiner Plicht. Wir unterhalten uns auch über unser früheres Leben und verstehen uns gut. Er ist Architekt, ist weit herumgekommen in der Welt und hat vornehmlich Krankenhäuser geplant. Darüber hinaus ist Ulli, wir sind nach kurzer Zeit beim Du, für einige Jahre auf eigenem Kiel unterwegs gewesen, hat dann nach seiner Berufslaufbahn auf ein Wohnmobil gewechselt, festgestellt, dass das nichts für ihn ist und kaufte sich nun vor einem Jahr wieder ein Schiff.

29.07.2017, Samstag (Hafentag)

Schön, wieder mal ein Tag ohne zu fahren. Wir frühstücken spät, duschen gemütlich mit „Power Blocks“ warmem Wasser, gehen ein wenig einkaufen, ganz in der Nähe ist ein ordentlich sortiertes Lebensmittelgeschäft ansässig und besichtigen gemeinsam mit Ulli einen Rettungskreuzer, der hier im Hafen liegt. Es entwickelt sich ein interessantes Gespräch mit einem der Besatzungsmitglieder. Danach ist Kaffee mit Kuchen, Frau Cornelia hat das mittelleckere Gebäck zwischendurch besorgt.

Am frühen Abend verlassen mich die beiden Frauen. Sie wollen ins Zeltkino der Insel und einen Film mit irgendwem anschauen. Ich darf an Bord bleiben und Wache halten.

Die Zeit will ich nutzen, um endlich die Verlustmeldung für unsere Versicherung fertigzumachen. Vorher noch eben nach dem Emailaccount des neuen iPads schauen – es empfängt wohl Mails, senden will es aber partout nicht. Als die beiden von ihrem Film schwärmend zurückkommen, bin ich noch kein Stück weiter. Es will einfach nicht funktionieren. Halb neun inzwischen. Wir wollen einen Happen essengehen.

Da aber haben wir die Rechnung ohne das Zeitmanagement der Insulaner gemacht. Essen um die Zeit? Ja wo kämen wir denn da hin? Mit Glück ergattern wir ein vorletztes und letztes Fischbrötchen.

30.07.2017, Sonntag

Die Wettervorhersage ist nicht dolle, Regen, dann mehr Regen und gegebenenfalls Gewitter. Dazu schwülwarm. Beim Frühstück kommt es zu Einwürfen wie zum Beispiel:

„Wollen wir da überhaupt fahren? Wir könnten ja auch noch morgen früh.“

Beschlusslage, auf mein Betreiben hin, ist: wir warten erst mal ab, müssen eh erst gegen 13:00 Uhr los, denn die Brücke zum Querkanal öffnet um 16:30 und bis Stralsund brauchen wir gute 3 Stunden.

 Um halb zwölf kommt ein Segler rein und gemeinsam mit ihm zieht ein dicke Regenfront auf, bislang hatte es nur gestippelt.

Ob er sich an unsere Seite legen dürfe?

„Gern, aber wir gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit in spätestens anderthalb Stunden.“

Das mache nichts, wenn er man liegen könnte.

Wir haben den Mann eben fest, da kommt der Zweite. Nun liegen wir zu viert im Päckchen. Kurz vor eins ist der Regen durch – strahlende Sonne und Hitze. Von jetzt auf gleich.

„Denn man los, Wetter iss best“, sag ich zu meinen Frauen, klopfe beim Nachbarn und bitte ihn sich loszumachen.

Der wiederum spricht mit seinem Nachbarn und schon löst sich unsere Gemeinschaft auf. Wir verabschieden uns ganz herzlich von Ulli, werfen unsere Leinen los, dampfen in Richtung Hafenmole und winken noch lange zu Ulli rüber. Er war ein angenehmer Nachbar.

Durch das teilweise sehr enge Fahrwasser geht es bei viel Sonne und teilweise ordentlichen Kursänderungen Richtung Stralsund. So eine halbe Stunde vor dem Ziel kommt eine neue Front aus Südwest. Die Ausläufer ziehen keine 200 Meter mit viel gut sichtbarem Regen hinter uns durch. Uns trifft kein Tropfen. Der Wind nimmt wohl zu und wird böig.

Kohinoor liegt sicher im Querkanal in Stralsund
Kohinoor liegt sicher im Querkanal in Stralsund

Eben nach vier erreichen wir den Hafen, halten einen kurzen Schnack mit dem Tankwart der Dieseltankstelle links der Brücke. Er telefoniert sogar für uns mit dem Hafenbetreiber im Querkanal, so heißt unser Ziel und klärt, ob es einen Platz für unseren Tiefgang gibt. Gibt es. Und so laufen wir rund zwanzig vor fünf durch die Brücke. Es dauerte mit dem aus zwei Booten bestehenden Gegenverkehr ein wenig länger, weil der erste der beiden, ein kleineres Motorboot, die Brückendurchfahrt nicht wirklich gut traf und einige Anläufe für die Passage brauchte. Vielleicht lag es am Wind. Er fällt jetzt sehr böig ein und kommt hier im Kanal aus scheinbar allen Richtungen.

Kurz vor fünf liegen wir fest, Frau Cornelia bereitet unseren Anlegekaffee zu, der Funk läuft noch.

„Hier Bremen Rescue, wer rief da Mayday?“, schallt eine weibliche Stimme aus dem Gerät. Obwohl nicht völlig legal, hören wir natürlich gespannt zu und bekommen einen Eindruck von der Lage:

Über Hiddensee ist ein fulminantes Gewitter hinweggezogen. Es muss zu lokal kräftigen bis deutlich stürmischen Böen gekommen sein. Innerhalb von wenigen Minuten gehen mehrere Notrufe ein. Sie kommen ausnahmslos von gestrandeten und aufgelaufenen Yachten. Es gibt zudem auch mindestens eine Kenterung, wenn wir richtig deuten, was aus dem Funkgerät dringt. Zwei Yachten sind westlich von Hiddensee betroffen, auch sie sind außerhalb des Fahrwassers aufgelaufen. Die Ausläufer des Unwetters spürten wir ja wohl beim Einlaufen in Stralsund und vorher, als die Regenwand an uns vorbei zog.

Die Dame von Bremen Rescue handelt ausgesprochen professionell und beruhigend. Und das in einer wirklich chaotischen Situation. Kanal 16 platzt beinahe vor Funkverkehr, einige Notrufende sind weder in der Lage ihren Schiffsnamen noch ihre Position durchzugeben, die Situation ist völlig wirr und beinahe undurchschaubar.

 Ein zur Hilfe gerufener Hubschrauber meldet, aufgrund der Windlage derzeit nicht eingreifen zu können.

Nach und nach ordnet Bremen Rescue die Situation und arbeitet heraus, dass es sieben ernstzunehmende Havarien gibt, die nach und nach abgearbeitet werden sollen.

Besonders bemerkenswert ist die fast gleichlautende Meldung von zwei havarierten Yachten an unterschiedlichen Orten. Beide melden Behördenfahrzeuge, im einen Fall den Zoll und im anderen die Wasserschutzpolizei, die, obwohl in der Nähe der Havaristen, keine Hilfe leisteten. Das Boot der Wasserschutzpolizei wird daraufhin von Bremen Rescue angesprochen, reagiert aber nicht auf den Funkspruch.

Sollten die Aussagen der beiden Havaristen richtig sein, sind das zwei Fälle von eklatant verletzter Seemannschaft, die keinesfalls tolerabel und wenig vorbildhaft sind.

Wie können offizielle Stellen ernsthaft mangelnde Zivilcourage der Bevölkerung beklagen, wenn nicht einmal Menschen mit obrigkeitlichen Funktionen ihrer natürlichen Pflicht zur Hilfeleistung nachkommen?

Schade, solch ein Verhalten von hoffentlich Einzelnen beschädigt nachhaltig den Ruf des gesamten Berufsstandes.

Wir schalten den Funk aus und sind froh, nicht selbst in dem Unwetter gesessen zu haben.

31.07.2017, Montag (Hafentag)

Verenas Abreise steht am Nachmittag an, vorher tragen wir gemeinsam die Genua zu einem Segelmacher, der verspricht, sie bis Mittwoch Instandzusetzen. Außerdem steht eine Stadtbesichtigung auf dem Programm.

Am neuen Markt fallen Frau Cornelia und Kind Verena das Geschäft eines Uhrmachers und Juweliers ins Auge. Sofort ist für beide klar: Hier müssen wir rein. Vielleicht haben die für Papa eine neue Uhr, Ersatz für die gestohlene. Ich habe keine Chance, nicht die geringste.

Einwände wie:

„Eine solche Uhr, wie ich sie hatte wird’s nicht mehr geben“, werden nicht beachtet.

Wir stehen holterdiepolter im Laden und ich werde zu einer überdimensional großen Vitrine mit Unmengen an Uhren gezerrt.

„Schau die, oder die, oder die da oben.“

Alles für meinen Geschmack unsägliche Exemplare, teilweise die Größe angehend, mit einer Kirchturmuhr verwechselbar, teilweise mit Armbändern versehen, die an Handfesseln für Schwerstkriminelle erinnern, häufig sind beide Eigenschaften kombiniert. Nach kurzer Zeit gesellt sich eine nicht unsympathische Uhrenfachverkäuferin zu uns und fragt nach meinen Wünschen. Meine Beschreibung dessen, was ich suche, stößt bei ihr auf völliges Unverständnis. Aber, und das ist wichtig, wir mögen uns und spielen gemeinsam ein kurzweiliges Spiel. Sie zeigt mir Uhren:

„Etwas größer dürfte es für den Herren doch wohl sein“, die allesamt bei mir keinen Gefallen finden.

Meine Vorstellungen hält sie ihrerseits für hochskurril. Nichtsdestotrotz nähern wir uns langsam an. Die Uhren werden kleiner, unaufdringlicher und sind mit Lederarmband ausrüstbar oder haben von vornherein eines. Zum guten Schluss finden wir ein Exemplar, das leicht umgerüstet doch entfernt an meine alte Uhr erinnert. Es verfügt über einen Sekundenzeiger und eine Datumsanzeige. Der Handel ist perfekt und strapaziert meine Brieftasche glücklicherweise nicht allzu sehr.

Die neue Uhr
Die neue Uhr

Es bleibt noch Zeit für eine Übungsstunde „Manövrieren auf engem Raum“ mit Kind Verena. Dazu nutzen wir das kurze und ordentlich mit Booten bestückte Kanalstück in dem wir liegen, parken rückwärts aus, wenden das Schiff unter Berücksichtigung des Windes, fahren langsam rückwärts und legen in einer engen Lücke längsseits an. Alle Aufgaben werden beanstandungsfrei bewältigt. Es mangelt nur ein ganz klein wenig am Selbstvertrauen der sicher bald völlig selbstständigen Steuerfrau.

Um halb vier steigt das Kind in ein bestelltes Taxi und ist entschwunden. Es waren für uns schöne zwei Wochen. Frau Cornelia und ich gönnen uns einen Cafébesuch und essen abends wirklich gut. Der Wirt des Restaurants beweist auf Nachfrage beeindruckend, dass er keine Convenience-Bratkartoffeln einsetzt. Wir lobten seine wirklich gute Fischsuppe, die einem Gedicht nahekam und waren dann auch noch von den Bratkartoffeln überzeugt. Während des Essens diskutierten Frau Cornelia und ich. Selbstgemacht oder nicht?

Frau Cornelia ist überzeugt: Selbstgemacht. Ich bin nicht sicher und führe an, dass es auch ordentliche Convenience-Kartoffeln gebe.

Beim Abrechnen bitte ich den rundbäuchigen Chef des Unternehmens geradeheraus um Auskunft.

„Komm“, sagt er, „komm mit.“

Er nimmt mich mit in seine kleine Küche und deutet auf einen riesigen Berg ungeschälter Kartoffeln. Daneben ein nur wenig kleinerer mit augenscheinlich handgeschälter Ware. Ich lobe den Koch, der freut sich.

„Ich bin Gastronom mit Leib und Seele“, sagt der Wirt abschließend und hat mich überzeugt. Wir danken für das gute Essen.

01.08.2017, Dienstag (Hafentag)

Sehr spätes Aufstehen, ein fauler Tag wartet auf uns, nein eigentlich nur auf mich, Frau Cornelia hat Termine für verschiedene Verrichtungen in der Stadt gemacht.

Perfekt restaurierte Gebäude am Markt in Stralsund
Perfekt restaurierte Gebäude am Markt

Eine Nebenstraße in Stralsund
Eine Nebenstraße in Stralsund

Während des Frühstücks recherchiere ich zum Gewittersturm am Sonntag. Das Internet gibt inzwischen einiges her. Insgesamt waren deutlich mehr Schiffe betroffen, als am Sonntag aufgrund des Funkverkehrs zu vermuten war, sogar eine Fähre wurde aus dem schmalen Fahrwasser vor Hiddensee vertrieben und saß auf dem Sand. Es kam zu Sachschaden.

Zum Glück sind nirgendwo Personen zu Tode gekommen, alle über Bord Gegangenen konnten aufgefischt werden oder kamen aus eigener Kraft an Land oder zurück auf ihr Schiff. Alle Yachten konnten freigeschleppt werden.

Ich überlege, ob ich das Vorluk repariere. Die Verklebung des Glases hat vor einigen Tagen aufgegeben, die Scheibe liegt nur noch in der Dichtung und lässt sich ohne Kraftaufwand herausdrücken, dicht ist es aber trotzdem noch. Ich entscheide mich gegen diese Aktivität, auch zur Reparatur der Ankerwinsch hab ich keine Lust. Es ist darüber hinaus zu warm, drückend schwül sogar. Das reicht eigentlich als Entschuldigung. Zumindest für mich.

Da etwas Aktivität aber muss, entscheide ich mich für ein aufwendiges Refitprogramm an mir selbst. Duschen, rasieren, Haare schneiden.

Das während dieser Verrichtungen klingelnde Telefon kann ich nicht bedienen. Wird ja wohl Zeit haben.

Frisch gereinigt stelle ich fest, dass Freund Ralf, der Kaffeemaschinenhändler, angerufen hat. Ich rufe zurück.

Wie es denn ginge, wo wir seien, wie die Stimmung wäre und so weiter. Wir klönen dahin und kommen auch auf meine Emailsendeprobleme zu sprechen.

„Hm“, läßt Ralf sich ein, „wäre doch gelacht, zusammen kriegen wir das hin. Laß uns mal schauen.“

Und tatsächlich. Nach nicht so langer Zeit findet er meinen Fehler. Wir bauen Schritt für Schritt den Account neu auf und siehe da: Läuft! Es sendet wieder, das Ding. Ich erzähle das weiß Gott nicht gern, manchmal aber muss man der Wahrheit die Ehre geben.

02.08.2017, Mittwoch

10:06 Uhr. Das Telefon klingelt:

„Ich durfte doch nicht vor zehn anrufen. Hier ist die Segelmacherei Boldt. Ihr Segel ist fertig.“

Prima. So war es vereinbart: 1. nicht vor zehn anzurufen und 2. heute das Segel fertigzuhaben.

Frau Cornelia und ich frühstücken gemütlich zu ende, schnallen ein Fahrrad vom Schiffsdach und machen uns auf den kurzen Weg zum Segelreparateur. Ganze 100 Euro müssen wir berappen für eine Reparatur, die sich bei der späteren Kontrolle als wirklich gelungen herausstellt. Nicht nur das gerissene Gurtband wurde repariert, zusätzlich wurde eine Scheuerstelle ausgebessert und verschiedene Nähte nachgenäht. Das alles schnell und pünktlich. Der Preis passt also unbedingt. Die Leute, sie sind zudem freundlich, können empfohlen werden.

Wir packen die Genua samt Sack auf unser Fahrrad und rollen sie zum Schiff. Zum Anschlagen bleibt keine Zeit. Um zwölf Uhr müssen wir an der Brücke sein. Dann richtet sich unser Bug gegen Greifswald. Dort will mein Freund Jörg morgen zu uns stoßen und ein paar Tage mit uns fahren. Darauf freuen wir uns.

Es geht den restlichen Strelasund herunter, wir queren einen Teil des Greifswalder Boddens und liegen bald vor der Brücke in Wieck. Wir haben es noch eben pünktlich geschafft. Sie öffnet zu jeder vollen Stunde, wir sind um fünf vor da und haben die erste Begegnung mit einem Bavariafahrer, den ich aus Gründen, die unerklärbar sind, als wenig sympathisch einordne. Mein Eindruck soll sich später am Liegeplatz bestätigen, die Bavaria hat das gleiche Ziel wie wir, den Museumshafen von Greifswald. Dort schafft sie es ohne große Mühe, die zwei letzten Liegeplätze zu belegen. Einen davon gibt sie auf Betreiben des Hafenmeisters wieder frei, so das auch wir noch einen, zwar kurzen, aber immerhin erträglichen Platz direkt am Pulverturm finden. Die restlichen Erlebnisse mit dem Kapitän der Bavaria Ocean werde ich hier nicht notieren, wir kommunizieren aus von mir nicht zu vertretenden Gründen wenig miteinander.

Vor dem Pulverturm in Greifswald
Vor dem Pulverturm in Greifswald

Frau Cornelia bereitet einen herrlichen Salat zum Abendessen – ich liebe ihn und der Hafenmeister berechnet zwölf Euro pro Nacht.

03.08.2017, Donnerstag (Hafentag)

Windfinder meldet Regen für Greifswald. Ganztägig, allerdings unterschiedlich konzentriert. Diese Info beim Vorfrühstückskaffee ruiniert mir meine Tagesplanung. Ein Blick aus dem Schiebeluk bestätigt Windfinders Prognose, grau in grau, dünne gleichmäßige Bindfäden senkrecht fallend. Das sieht nicht gut aus für unseren Vorsegelwechsel. Wir frühstücken in aller Ruhe, genießen ausgiebig das „Meller Kreisblatt“ in elektrischer Form und warten, wie sich der Regen so entwickelt.

Und dann reißt es plötzlich auf. Aus dem Grau werden Wolken, dunkel noch, aber klarer strukturiert. Erste blaue Flecke am Himmel und kein Regen mehr. Passt wohl wieder nicht so ganz, der Windfinder.

Schön. Wir rollen die kleine Genua aus, sie trocknet schnell. Runter damit und wegstauen, die große Genua ist schnell angeschlagen und macht einen wirklich sauber reparierten Eindruck. Gut gemacht, ihr Segelreparateure aus Stralsund.

Punkt 1 auf der Tagesliste kann damit abgehakt werden. Es steht noch die Reparatur des Vorluks an, die Ankerwinsch will ich prüfen und meine Druckluftanlage ruft auch nach mir. Sie verliert Druck und springt immer wieder an. Das ist nicht schön, weil laut und unnötig.

Für das Luk brauche ich zum Verkleben eine Spritze und zugehörige Kanüle. Beides ist nicht im Vorrat hier an Bord. Frau Cornelia will sowieso in die Stadt. Ich könnte ja mitgehen, sage ich mir und dann auch ihr. Sie wundert sich, nimmt mich aber gerne mit. Zuerst besuchen wir eine augenscheinlich alteingesessene Apotheke:

„Wie bitte, Sie benötigen eine was bitte?“

Ich hatte um eine „Pitze“ gebeten, unsere Kinder nannten die Dinger früher immer so. Ich kläre den jungen, wahrscheinlich noch kinderlosen Fachverkäufer auf.

„Spritze, ja natürlich, kein Problem und eine Nadel? Kanüle meinen sie wahrscheinlich? Welcher Durchmesser soll’s denn sein?“

Wir einigen uns auf einen von 0,7 Millimeter. Der junge Apotheker sucht die Sachen raus und präsentiert mir meinen Einkauf. Es geht ans Bezahlen:

„Ich bekomme dann bitte zehn Cent von Ihnen.“

Mein fassungsloser Blick verwirrt den Mann.

„Ja, fünf Cent für die Spritze und noch einmal fünf für die Kanüle.“

Ich glaube es immer noch nicht, für solch einen Preis habe ich das letzte Mal vor rund fünfzig Jahren Sahnebonbons gekauft, damals noch in Pfennig. Ich lege noch ein wenig für die Kaffeekasse obendrauf und wir laufen weiter, schauen durch die imposant renovierte Stadt.

Frau Cornelia zieht es in einige Geschäfte für Oberbekleidung. Wenn ich möchte, darf ich mit hinein, ich muss aber nicht. Ich entscheide von Fall zu Fall neu, mal geh ich mit, mal suche ich mir eine Bank und warte geduldig im Freien. Nach deutlich weniger als zwanzig besuchten Geschäften, in keinem wurde durch Frau Cornelia Umsatz gemacht, setzen wir uns grunderschöpft in den gemütlichen Außenbereich eines Eiscafés und warten.

Nach nicht allzu langer Zeit räumt eine junge Frau Teile des von unseren Vorgängern benutzen Geschirrs ab, nein, die Bestellung würde der Kollege aufnehmen, er käme in Kürze.

Zwanzig Minuten verbringen wir geduldig wartend an unserem fast abgeräumten Tisch, der Kollege lässt sich trotz Zusicherung der weiblichen Bedienung partout nicht sehen. Dann ist uns der Appetit auf das sicher vorzügliche Eis des Hauses vergangen. Vielleicht haben wir Glück und man schenkt uns an anderer Stelle mehr Beachtung.

Das Glück haben wir und wandern nach dem Eisgenuss zurück zum Hafen.

Ich mache mich an die Neuverklebung unseres Luks und kann unter Verwendung der erworbenen Spritze ein hervorragendes Ergebnis erzielen. Nur ganz kurz nachdem ich damit durch bin, geht ein dickes Unwetter durch den Hafen. Die Sicht beträgt nur wenige Meter. Dicke Hagelkörner prasseln auf Deck und das eben fertiggestellte Luk. Es ist dicht. Nach einer kleinen viertel Stunde ist das Inferno vorbei.

Frau Cornelia war noch einmal für eine kleine Besorgung in der Stadt. Bei ihrer Rückkehr gleicht sie stark einem triefenden Aufnehmer.

Die Durchsicht der Druckluftanlage verläuft weniger erfolgreich, alle Verschraubungen und Steckverbindungen sind dicht, defekt ist der verbaute Druckminderer und er ist mit Bordmitteln nicht reparabel. Und wer sich fragt wozu man auf einem Schiff eine Druckluftversorgung braucht, dem sei gesagt: man braucht sie eigentlich nicht, aber es schön, sie zu haben. Manchmal setzte ich sie ein, um die Reifen der Fahrräder mit Luft zu füllen oder um schlaffe Fender aufzublasen, aber ein Muss ist so eine Anlage nicht.

Glück habe ich mit der Ankerwinsch. Es hat sich nur ein Kabel gelöst, das ist fix wieder fest verschraubt und siehe da: die Winsch arbeitet wieder wie eh und je.

Jörg trifft am frühen Abend ein, wir holen für uns drei ein sehr reichhaltiges Mahl vom nahen Vietnamesen. Komplett schaffen können wir das leckere Essen nicht. Jörg und ich beenden den Abend am frühen Morgen. Wir kommen morgen sowieso nicht weg. Die Windvorhersage ist nicht so dolle. Und wir wollen noch einen ordentlichen Einkauf machen. Die Vorräte dürfen wieder mal ergänzt werden.

04.08.2017, Freitag (Hafentag)

Gegen Mittag, wir sind immer noch nicht los zum Schiffausrüster, läuft ein Traditionssegler mit Heimathafen Dortmund ein. Ich klöne kurz mit dem Kapitän der Vertrouwen. Sie kommen aktuell aus Lauterbach auf Rügen und hatten auf dem Greifswalder Bodden Wind bis 38 Knoten. Es war einiges vorhergesagt, so viel aber nicht. Ganz schön, dass wir einkaufen wollen.

Der Traditionssegler "Vertrowen"
Die "Vertrowen"

Nach dem Besuch verschiedener Einkaufsläden ist unser Kofferraum gut gefüllt mit allerlei Notwendigem und wohl auch einigen Spontankäufen. Croissants für Jörg fanden wir erst im vierten der angefahrenen Geschäfte, das von Frau Cornelia präferierte Pflaumenmus war trotz intensiven Suchens nicht beizubringen. Später beim Stauen der Vorräte findet sie noch zwei jungfräuliche Blechbehälter mit dem von ihr so geliebten Mus. Sie müssen sich aktiv vor ihr versteckt haben.

Mein Versuch, das Liegegeld für heute zu bezahlen, scheitert am Hafenmeister. Er will es nicht, auf keinen Fall. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich ihn vorgestern mit zwei Stücken von Frau Cornelias Herrenkuchen bestochen habe. Oder damit, dass ich ihm heute eine Flasche Bourbon zusteckte. Die sollte allerdings nur ein kleines Dankeschön dafür sein, dass er uns netterweise für die nächste Woche einen Parkplatz für meinen alten Audi zur Verfügung stellt.

05.08.2017, Samstag

Um kurz vor zwölf wollen wir vor der Klappbrücke in Wieck liegen. Ich geh mich noch eben verabschieden. Das ist schon deshalb eine besonders gute Idee, weil ich quasi beiläufig erfahre, wieder mal zu den schlecht unterrichteten Kreisen zu gehören. Die Brücke hat um zwölf immer Mittag, auch heute. Also haben wir noch eine Stunde.

Klappbrücke in Wieck
Klappbrücke in Wieck

Unser heutiges Ziel ist Peenemünde, gern möchten Jörg und ich dort das Museum der ehemaligen Heeresversuchsanstalt besuchen, Frau Cornelia ist davon nicht restlos begeistert. Museum und zugehörige Freiflächen berichten über die Raketenforschung im Dritten Reich, über die damit im Zusammenhang stehenden verbrecherischen Taten und über den Stand der Raketenforschung in jüngerer Vergangenheit. Tatsächlich ist das kein echtes Mädchenthema.

Die nicht zu große Distanz bis in den Peenestrom legen wir segelnd zurück, das Wetter ist mit gestern nicht vergleichbar. Unterwegs zickt der „Power Block“.

Seit etlichen Tagen zum ersten Mal. Er springt unterwegs an, um ein wenig Saft in die Batterien zu pumpen, wie es seine Aufgabe ist, hört aber gar nicht wieder auf zu laufen. Als mir das komisch wird, geh ich runter um zu schauen, was denn wohl los ist. Er läuft prima, macht aber keinen Strom. Wir werden nachher im Hafen wohl nachsehen müssen. Vielleicht der zweite Zahnriemen?

Peenemünde verfügt über drei Häfen. Der Nordhafen kommt für uns nicht in Frage. Er ist zu weit vom Museumsgelände entfernt. Dann gibt es den Südhafen und einen kleinen Yachthafen, beide liegen in unmittelbarer Nähe zum Museum.

Aus dieser Perspektive macht der Südhafen von Peenemünde einen sympathischen Eindruck
Aus dieser Perspektive macht der Südhafen von Peenemünde einen sympathischen Eindruck

Wir entscheiden uns für den Südhafen. Wir mögen es gern etwas schmuddelig. Und hier, das wird sofort überdeutlich, haben wir ins Schwarze getroffen. Rostzerfressene windschiefe Spundwände, einige aneinandergekettete Schnellboote, sie sehen aus als wären sie seit Jahrzehnten nicht mehr betreten worden und würden nur durch ihre Landleinen über Wasser gehalten. Darüber hinaus wachsen aus einem übergroß mit „Restaurant“ beschriftetem Holzschiff etliche Birken, Deck und Reling sind grasbewachsen. Dahinter ein Objekt, das sich „Hafenbar“ nennt, aus uns nicht erklärlichen Gründen schwimmt es trotz großer klaffender Löcher im Rumpf.

Neben dieser Hafenbar eine Steganlage für Sportboote, der Zustand ist nicht der Beste. Wir wählen den Steg, vorher hatten wir kurz an einer der eben beschriebenen Spundwände festgemacht. Dort mangelte es leider an einem Wasseranschluss. Und Wasser benötigen wir dringend, der letzte Tank ist im Anbruch und wir planen zwei Tage Aufenthalt.

Nach dem Anlegekaffee inspizieren Jörg und ich den Steg und wollen gleich weiter zum Hafenmeister, das Liegegeld bringen. Es gibt Strom am Steg, nur nicht für uns. Die wenigen Steckdosen sind belegt. Das ist nicht schlimm. Wir können ohne. Brauchen nur eben „Power Block“ zu reparieren. Aus dem auch vorhandenen Wasserhahn tröpfelt es nicht mal, wir wissen bald warum. Die zum Steg führende Wasserleitung ist einfach kurz vor dem Steg aufgetrennt. Darum kein Wasser. Nun, wir werden das mit dem Hafenmeister klären. Ein Hinweisschild weist den Weg:

„Hafenmeister in der Hafenbar“

Wir fassen es nicht. In diesem verluderten Kahn, der von Nahem noch viel weniger vertrauenerweckend erscheint, als von der Wasserseite aus.

Durch einiges Gerümpel bahnen wir uns den Weg zu der an das Wrack genagelten Gangway, überlegen dann lange, ob wir das nach unserer Einschätzung erheblich sinkgefährdete Schiff betreten sollen. Wir wagen es, nachdem wir feststellen, dass sich tatsächlich Menschen an Bord befinden und augenscheinlich auch lebendig sind. Ein mit „Hafenmeister“ beschrifteter Pfeil weist uns in den Bauch des Schiffes. Unten angekommen ein im Stil der späten Sechziger barähnlich eingerichteter Laderaum mit einer Theke aus rohen Brettern. Dort zwei kräftige Jungs:

„Ihr seit mittem Auto da? Da eintragen!“

Wir grüßen und erklären, nicht einem Auto dazusein, wohl aber mit einem Boot.

„Auch da eintragen!“

Ok, das wissen wir schon mal. Ich beginne zu schreiben und frage zwischendrinn, wie es denn mit Wasser aussähe.

„Kein Problem“, heißt es, „wie seit ihr denn gekommen?“

Wir schauen uns ratlos an.

„Ja, doch wohl durchs Wasser, oda watt?“

Ein guter Scherz. Dafür gibt es ein gequältes Lächeln von uns. Wir erklären unsere Wassernot noch einmal neu, auch unter Hinweis darauf, dass wir wohl zwei Tage bleiben wollten.

Ja, heißt es, oben bei den Wohnmobilen hätten sie einen Schlauch, der würde aber wohl nicht reichen bis zum Steg. Ob wir denn Eimer an Bord hätten?

Natürlich freut uns der zum zweiten Mal bewiesene feine Humor der Jungs.

Darüber hinaus fehlt ihnen jedwedes Interesse daran, irgendwie in unserem Sinne tätig zu werden. Die mangelnde Dienstbeflissenheit der beiden kommt bei uns nicht ausschließlich gut an, ich streiche die schon in der Liste gemachten Angaben akribisch durch und wir verabschieden uns freundlich, wir wollen uns doch lieber beim Wettbewerb einen Platz buchen.

Danke und Tschüß. Die Jungs tangiert das wenig.

Wir werfen das Schiff los und vermerken in unserem Erinnerungsschatz: Nicht jeder Schmuddelhafen ist auch ein netter Hafen. Da letzte Alternative, verholen wir in den wenige hundert Meter entfernten Yachthafen. Auch er liegt fußläufig entfernt zum Marinemuseum und macht keinen schlechten Eindruck, klein und recht ordentlich, wohl schlecht geschützt gegen Schwell.

Wir liegen zwischen Heckpfählen mit dem Bug zum Wind, also gar nicht verkehrt, Jörg und ich machen uns sofort auf, um den Hafenmeister und einen Wasserhahn zu suchen. Den Wasserhahn finden wir am Stegende, runde fünfzig Meter Distanz sind es zu unserer Kohinoor, er tropft, lässt sich aber nicht öffnen. Selbst wenn er sich öffnen ließe, es würde uns nicht helfen, unser Schlauch ist bestenfalls fünfzehn Meter lang. Wir werden sehen.

Der kleine Yachthafen in Peenemünde
Der kleine Yachthafen in Peenemünde

Als nächstes entdecken wir eine weiße Tafel mit umfangreichem Text bedruckt. Auf ihr werden wir zunächst freundlich als Gäste des Vereinshafens begrüßt. Dann wird es förmlich:

Mit dem Festmachen im Hafen unterwerfen wir uns der Hafenordnung, heißt es. Und wir hätten in jedem Falle den Anordnungen der Vereinsmitglieder Folge zu leisten. Zusätzlich steht geschrieben, dass Reparaturen an Motoren und anderen Aggregaten in jedem Falle der Zustimmung des Vorstandes bedürfen.

Das kommt mir entgegen. Heute werde ich nach „Power Block“ nicht zu sehen brauchen. So schnell wird der Vorstand keine Entscheidung herbeiführen können.

Den Hafenmeister finden wir in einer aufgeräumten Bootshalle. Wie sich schnell zeigt, ist es nicht nur ein Hafenmeister. Sondern einer, wohl der Haupthafenmeister, der einen zweiten ausbildet. Beide freundliche Kerle, wir frotzeln so vor uns hin. Unsere Frage nach Wasser stellt der Hafenmeister in Ausbildung zurück.

Auf eine Art allerdings, die deutlich macht, dass eine Lösung zu erwarten ist. Wir erledigen umfangreiche Formalitäten, Bootsname, Heimathafen, wohin, woher, wieviele Menschen an Bord, Haustiere, sind Duschmarken gewünscht, uns werden zu diesem Thema briefmarkenähnliche Coupons mit unterschiedlichen Codes für Männlein und Weiblein übergeben. Das hatten wir noch nie. Aber bitte, alles muss seine Ordnung haben.

All unsere Angaben werden in eine, einem amerikanischen Journal ähnelnden Kladde eingetragen. Dann kommen wir wieder auf das benötigte Wasser zu sprechen.

Ja selbstverständlich, wieviel wir den bräuchten? So um 300 Liter, ja das sei möglich, aber wir müssten wissen, die Satzung sähe vor, dass das Wasser zu berechnen sei. Früher sei es gratis gewesen, aber leider, heute ginge das nicht mehr. Wir müssten bitte Verständnis haben.

Wieviel es denn kosten würde?

Ja, Moment. Ein Blick auf eine umfangreiche Tabelle. Dreihundert Liter würden mit drei Euro zu Buche schlagen, die müssten sie zusätzlich zum Hafengeld erheben, das machte dann insgesamt, ja insgesamt genau neunzehn Euro.

Ich wundere mich: „Für zwei Tage nur sechzehn Euro?“

Wie, zwei Tage wollten wir bleiben? Nein, er hätte nun nur einen abgerechnet. Ein flehend bittender Blick in Richtung des Haupthafenmeisters. Was er denn nun machen solle, fragt der Lehrling von geschätzten fünfundfünfzig Lebensjahren. Die Eintragungen seien doch schon gemacht.

Die beiden lösen das buchhalterische Problem gemeinsam durch geschickte Streichungen und Neueintragungen im Hafenjournal. Die neue und für uns gültige Zahlsumme lautet 35 Euro inklusive Wasser und Strom. Wobei der Strom pauschal im Preis enthalten ist. Unverständlich bei dem Aufwand um das Wasser.

Für uns waren das kurzweilige Minuten. Die beiden Männer haben eine liebenswerte Art und insbesondere der Hafenmeister in Ausbildung ist nicht völlig frei von Selbstironie.

Wir sind also soweit. Alle Formalitäten sind komplett erledigt.

Wo bitte wir denn nun das Wasser bunkern sollten?

„Moment“, heißt es, "ihr braucht euch um nichts zu kümmern.“

Und schon setzt sich der Haupthafenmeister in Bewegung und zieht einen überdimensionalen Schlauchwagen hinter sich her. Damit geht es zum von uns schon auf dem Hinweg gefundenen Wasserhahn. Fünfzig Meter Schlauch werden hurtig ausgerollt, der Schlauchwagen wird mit dem Wasserhahn verbunden, natürlich wird nicht vergessen, den Zählerstand des am Wasserhahn montierten Zählers zu notieren  und schon kann gebunkert werden, alles eine Sache von höchstens zehn Minuten.

Hinzu kommen noch einmal rund fünfzehn Minuten Tankzeit und das Aufrollen der fünfzig Meter Schlauch. Helfen dürfen wir nicht. Auch nicht beim Rückbau der Tankapparatur.

Nein, da habe er sein eigenes System, sagt der Hafenmeister.

Insgesamt sprechen wir über eine Aktion von einer guten halben Stunde. Für drei Euro. Ich finde das nicht überteuert und bekomme zusätzlich die Information, dass meine Tanks genau 256 Liter gefasst haben.

Leider, erstatten könne man nichts, der Preis von drei Euro sei gültig für Abnahmemengen zwischen einhundert und sechshundert Litern. Pauschal.

Mir ist wichtig anzuführen: Ich habe nicht nach einer Erstattung gefragt.

06.08.2017, Sonntag (Hafentag)

Jörg und ich verbringen den Tag mit den geplanten Besichtigungen, Frau Cornelia klinkt sich aus und besucht zwei andere Museen.

Es sei erwähnt: Peenemünde verfügt über ähnlich viele Museen wie Einwohner. Gemeinsam besuchen wir nach einer Kaffeepause noch ein russisches U-Boot in dem Hafenbecken, aus dem wir gestern flüchteten, das U-461, 1964 in Dienst gestellt.

Jedem, der noch einigermaßen bewegungsfähig ist, sei der Besuch dieses Unterwasserbootes angeraten. Egal, wie er es getroffen hat im Leben, er weiß nach der Besichtigung, wie unvergleichlich gut es ihm geht.

U-461 bei Nacht
U-461 bei Nacht

Am Abend essen wir ausgesprochen schlechte Pizza bei jemandem, der von sich glaubt, er betriebe ein italienisches Restaurant der Extraklasse. Jörg führt zur Ehrenrettung des Gasthauses an, das Bier sei nicht schlecht gewesen.

Auch heute nicht nach „Power Block“ geschaut – wir haben ja Strom vom Hafen. Pauschal im Preis enthalten.

07.08.2017, Montag

Es geht weiter durch den Peenestrom, heute haben wir uns als Tagesziel den kleinen Hafen Stagnieß nahe bei Ückeritz ausgesucht. Er liegt im Achterwasser, dort, wo Usedom nur wenige hundert Meter breit ist.

Pferdeweiden am Peenestrom
Pferdeweiden am Peenestrom

Wir laufen unter Maschine, erreichen rechtzeitig die Klappbrücke in Wollgast, sie öffnet mittags um 12:45 Uhr und ziehen weiter durch den Peenestrom, bis wir das Achterwasser an Backbord liegen haben.

Eine ruhige, schöne, teils bewaldete Landschaft, hin und wieder Steilküsten. Manchmal gibt es Hindernisse im Wasser, sehr flache, steinige Stellen sind zu beachten.

Am frühen Nachmittag laufen wir in einen kleinen, sehr ruhigen, idyllisch im Wald gelegenen Hafen mit gut zwei Metern Wassertiefe ein. Es gibt reichlich freie Plätze, wir fühlen uns wohl.

Die Hafenmeisterin, nett, gesprächig, erläutert um fünf Uhr die Vorzüge ihres Hafens, erklärt die Toiletten- und Duschanlagen, die Behindertentoilette ist kostenfrei.

Zum Händewaschen gehe man dann aber besser in die ansonsten kostenpflichtige Herren- oder Damentoilette. Die Duschen böten reichlich warmes Wasser, fünf Minuten für 50 Cent, zehn Minuten für einen Euro. Es gebe eine Waschmaschine und selbstverständlich einen Trockner, Benutzung bitte nur während ihrer Anwesenheit.

Zum guten Schluss rechnet sie sehr moderat ab, ich zahle für zwei Tage. Die Kurtaxe, die einen Shuttlebus nach Ückeritz und zum nahen feinsandigen Ostseestrand beinhaltet, berechnet sie nur für einen Tag. Der Bus fährt halbstündlich - auch zum nahen Kletterwald. Ein super Service. Die Kosten für unseren Aufenthalt betragen für zwei Tage Liegezeit und die Kurtaxe exakte dreißig Euro.

Dem Hafen angegliedert ist ein wirklich schöner Campingplatz, romantisch im Wald gelegen und nicht überlaufen.

Frau Cornelia als alte Camperin begutachtet ihn gründlich und vollständig begeistert. Ihre Augen leuchten als sie sagt:

„Wie schön, wie ruhig.“

Zwischen Campingplatz und Hafen gelegen ein Holzbudenrestaurant mit mehreren unterschiedlich farbigen Zeltvorbauten und etlichen Freiplätzen. Dort werden wir uns heute Abend verköstigen. Die eingekauften Pfannkuchenzutaten können warten.

Das Restaurant, deutlich merkbar legt es auf eine Kleiderordnung keinen Wert, ist gut besucht. Es ist Selbstbedienung angesagt. Man reiht sich in eine zu einer kleinen Durchreiche führenden Schlange ein, kann während der Wartezeit aus den mit Kreide auf Wandtafeln notierten Gerichten wählen, Currywurst, Hamburger Schnitzel, Fischplatte, Dorschfilet, Fischsuppe, alles mit Pommes Frites oder wahlweise Bratkartoffeln, werden angepriesen.

An der Durchreiche angekommen, wird man von einem eher übellaunigen, rund fünfzig Jahre alten Mann mit kleinen Knopfaugen empfangen, er verwaltet das gesamte Bestellwesen und bereitet auch Getränke zu. Seine Arbeit wickelt er routiniert ab, kein Wort wird zuviel gewechselt. Aber es funktioniert: Bestellung aufgeben, Getränke abwarten und dann zahlen.

„Essen wird gebracht, Besteck ist da“, er weißt auf einen kleinen Tisch mit Besteckkästen und Papierservietten.

Ich fühle mich heftig erinnert an DDR-Zeiten. Von einigen Besuchen vor 1989 kenne ich noch den Service und die häufig verbindliche Unfreundlichkeit in der HO-Gastronomie.

In der kleinen Küche rumort ein kleines quadratisches Wesen, vermutlich tamilischer Herkunft, von Jörg sofort als ehemaliger Schiffskoch identifiziert und versieht effizient seine Kochtätigkeit.

Wir tragen unsere Getränke nach draußen, haben natürlich der Aufforderung Folge geleistet, uns Besteck zu nehmen und finden einen freien Glastisch, der nach unserer Einschätzung zum letzten Mal bei Saisonbeginn feucht abgewischt wurde. Wir haben einen schönen Blick auf den ruhig daliegenden Hafen und bekommen nach kurzer Zeit unsere Speisen gebracht.

Jörg fragt den Tamilen, der auch als Servierkraft fungiert, freundlich nach Mayonnaise für seine Pommes.

„Holst du selbst, iss drinnen“, bekommt er zur Antwort.

Hier eben, wird nur das Wichtigste gesprochen. Das Essen ist ordentlich, insgesamt sind wir nicht unzufrieden.

Yachthafen Stagnieß mitten im Wald
Yachthafen Stagnieß mitten im Wald

Der kleine Ausflugsdampfer im Hafen
Der kleine Ausflugsdampfer im Hafen

Zurück am Boot beschließen wir, jetzt noch eben nach „Power Block“ zu sehen, durch unser Abendessen sind wir ausreichend gestärkt und motiviert. Außerdem ist die Stromversorgungslage kritisch. Die Stromsäulen müssen regelmäßig mit Geld gefüttert werden, tut man das nicht rechtzeitig, stürzt mit Pech der Rechner ab. Die Folgen, wie zum Beispiel Datenverlust, wurden schon früher ausreichend beschrieben.

In solchen Fällen lasse ich den Wechselrichter eigentlich immer durchlaufen und lade die Batterien permanent mit einem kleinen Ladegerät. Bei großem Stromverbrauch schaltet dann der „Power Block“ automatisch zu.

Ich knie in der Tamilenkammer, Jörg fungiert als bester Werkzeuganreicher weltweit. Das funktioniert so gut, weil er im Grunde der bessere Schrauber von uns ist.

Der Fehler ist sofort gefunden. Der den Generator antreibende Zahnriemen hat Karies, alle Zähne sind verschwunden, sie finden sich meist einzeln liegend in der Bodenwanne der Maschine. Hier liegt wohl ein Spannproblem vor, ich habe, muss ich gestehen, den Riemen nie nachgespannt. Sicherlich wäre es vernünftig, eine automatische Spannvorrichtung nachzurüsten.

Der Riemen ist schnell gewechselt, der von mir vor Wochen auf links gedrehte Zahnriemen für den Ventilatorantrieb ist in gutem Zustand, ergibt die Sichtkontrolle. Sicher ist sicher: Ich spanne diesen Riemen auch gleich nach. Nach einer halben Stunde ist alles wieder montiert und „Power Block“ läuft, als sei nichts gewesen.

08.08.2017, Dienstag (Hafentag)

Frau Cornelia hat einen Ausflug angeordnet. Es soll mit Bus und Zug nach Ahlbeck zur dortigen Seebrücke gehen. Genau an jenem Ort spielten einige Schlüsselszenen des berühmten und noch heute zu Recht hin und wieder gezeigten Films „Papa ante Portas“ von Loriot.

Jörg klinkt sich aus. Er möchte die nähere Umgebung erkunden, unter anderem Ückeritz erwandern und den mit 0,6 Metern nicht zu tiefen Hafen des Dorfes besuchen. Wir geben ihm einige kleine Aufgaben mit auf den Weg, unter anderem den Einkauf von Weintrauben und ein wenig Kaffee für die Senseo, aber bitte nur „Senseo Strong“, auf keine Fall ein No-Name-Produkt und marschieren zur nahen Bushaltestelle, um dort festzustellen, dass der von Frau Cornelia herausgesuchte Bus um 12:03 wegen der Mittagszeit nicht fahren wird.

Der nächste geht erst um halb eins. Die Wartezeit können wir auch auf dem Schiff verbringen, Jörg ist noch da. Also die paar Meter zurück.

Ich steige über den Bugkorb ein, dicht gefolgt von Frau Cornelia und bewege mich in Richtung Plicht. Hinter mir klackert der Anker. Man tritt gerne eben drauf, um bequem einsteigen zu können.

Es folgt ein laut kreischendes:

„Scheiße“ und dann nichts mehr.

Auf halbem Weg zur Plicht dreh ich mich um. Frau Cornelia steht an der Kaiung, sie gleicht einer Salzsäule. Völlig erstarrt.

Auf mein:

„Was ist los?“ kommt keine Antwort. Es ist keine Bewegung in der Frau.

Ich gehe auf sie zu. Langsam entkrampft sich ihr Gesicht, die Lippen formen fast tonlos:

„Handy, das Handy iss weg.“

„Wie weg?“

„Weg. Im Wasser. Raus aus der Tasche und im Bogen ins Wasser.“

„Kann doch nicht, war doch zu, oder, die Tasche?“

„Nee, nich zu. Ich hatte das Handy extra hier in die Seite gesteckt, hier innen. Siehst Du? Und dann steig ich aufs Schiff und das Ding fliegt im hohen Bogen raus. Da hin. Genau da.“

Frau Cornelia deutet auf eine Stelle einen Meter vom Bug und einen von der Kaiung entfernt.

Nun kommt auch Jörg von unten hoch. Er hörte Geräusche und wunderte sich. Gemeinsam versuchen wir die Situation zu klären.

Das „wie konnte das passieren“ ist nicht völlig herausarbeitbar. Vermutlich hat sich die um die Schulter gelegte Tasche am Bugkorb verhakt und sich dann plötzlich gelöst. Dabei muss das Telefon rasant beschleunigt worden sein. So oder ähnlich.

Auf jeden Fall ein großes Pech für Frau Cornelia. Sie ist am Boden zerstört. Das schöne Telefon. Von der Firma mit dem angenagten Apfel.

Die vielen Daten, Fotos, Adressen, WhatsApps usw. Unwiederbringlich.

„Aber Spatz“, ich versuche zu trösten, „du hast das doch alles in der Cloud, du bist da doch viel schlauer als ich.“

„Ja, aber ich kann jetzt nicht mehr telefonieren, kann nicht mit den Kindern sprechen und nichts.“

„Wir versuchen mal, ob wir das Ding nicht wieder angeln können. Das Handy ist hin, soviel ist sicher. Aber vielleicht die Simkarte. Vielleicht ist die zu retten. Und ich hab da noch das schöne alte Samsung, wie heißt es noch? G, sowieso.“

Frau Cornelia ist nicht amüsiert. Ihre Stimmung verbessert sich durch meinen ausschließlich gut gemeinten Vorschlag nicht merklich. Eher ist das Gegenteil der Fall. Das von mir angebotene Handy hat gute zehn Jahre auf dem Buckel, vielleicht auch zwölf, es telefoniert prima, ich benutze den gleichen Typ seit vielen Jahren und habe als Ersatz die Telefone der Kinder übernommen, als sie auf Smartphones wechselten. Darum habe ich noch Vorrat.

Jörg und ich überlegen, mit welchem Gerät wir eine Chance haben, das Telefon vom Grund des Hafens heraufzuholen. An Bord ist nichts Geeignetes, kein Käscher und auch nichts anderes. Jörg geht los und lässt die Augen schweifen. Zurück kehrt er mit einem Rettungsmittel für Ertrinkende, einer fünf Meter langen Stange mit einem großen Aluring am einen Ende.

Um diesen Ring nähen wir eins unserer Mückennetze für die Luken und haben so einen übergroßen Käscher produziert.

Um es nicht allzu sehr auszumalen: Unsere Aktion misslingt, wir können trotz großer Mühen und erheblichem Zeitaufwand das Handy nicht beibringen und somit auch die Simkarte nicht. Aber wir haben es versucht und dabei runde zehn Quadratmeter schlickigen Bodens umgegraben. Zu Tage gefördert haben wir nichts, rein gar nichts, nicht mal eine rostige Kuchengabel.

Unser Bus ist längst durch, drei weitere auch. An den Besuch Loriots schöner weißer Seebrücke ist realistisch nicht mehr zu denken.

Egal, auf unserer Agenda steht jetzt die Frage: Was tun? Wie machen wir Frau Cornelia wieder für die Welt erreichbar? Mein erster spontaner Vorschlag war ja durchgefallen, die Idee mit dem robusten Samsunggerät wurde verworfen.

Wir beschließen den Fernkauf eines neuen Telefons und Frau Cornelia will versuchen, sich eine neue Simkarte mit ihrer alten Rufnummer zu einem der nächsten Häfen schicken zu lassen. Unsere Wahl für den Lieferort fällt auf Greifswald. Dorthin müssen wir ohnehin am kommenden Freitag, um Jörg abzuliefern. Er fährt von dort wieder nach Hause.

Ich telefoniere mit Artur (Name geändert), dem Greifswalder Hafenmeister.

„Sag mal, alter Schwede“, frage ich ihn, „kann ich zu dir etwas schicken lassen? Und wie muss ich die Sendung adressieren lassen?“

Gar kein Problem, ich solle unbedingt neben unserem auch seinen Namen auf den Brief setzen lassen, damit er wisse, für wen die Sendung sei.

„Ok, prima, so machen wir das, bis denne und tschüss“, danke ich.

Frau Cornelia ruft Ihren Provider an. Sie solle sich gar keine Sorgen machen, eine neue Karte ginge sofort raus, erklärt eine freundliche Dame mit deutlich russischem Akzent. Ob denn die Adresse Melle und so weiter richtig sei?

Wenn Frau Cornelia es nicht schon erklärt hätte, wäre ihre Stimme jetzt sicher nicht deutlich höher geworden:

Nein, die Adresse sei Greifswald, sie hätte es doch schon gesagt, der Museumshafen, sie würde jetzt alles noch einmal wiederholen.

Irgendwann ist alles zur Zufriedenheit von Frau Cornelia notiert und die Zusicherung, dass alles gut würde, mehrfach wiederholt. Jetzt geht es an den fernmündlichen Telefoneinkauf. Ob ich das übernehmen könne? Es gäbe in Greifswald drei Shops, die Telefone liefern könnten.

Die erste Nummer: Ja das Modell sei lieferbar, gar kein Problem.

Der Preis scheint im Rahmen.

Gut, sage ich, das solle es dann sein. Wir würden das Gerät dann am Freitag abholen kommen.

Nein, heißt es von der anderen Seite. So ginge das auf keinen Fall. Sicher, wir könnten gern am Freitag hereinschauen, dann würden alle Daten geprüft und dann, aber erst dann würde das Telefon für uns bestellt. Sonst könne ja jeder kommen.

Ich mache deutlich, dass so kaum ein Geschäft mit mir zu machen sei und räume natürlich genügend Zeit ein, um dem Verkäufer Gelegenheit zu geben, das von ihm Gesagte zu revidieren. Er nutzt die Zeit nicht, darum danke ich verbindlich für die nicht gelebte Servicefreundlichkeit und lege auf.

Der zweite Anruf geht an Frau Lemke, wie ich erfahre. Frau Lemke ist freundlich und wesentlich weniger modern als mein erster Kontakt. Sie müsse sich eben erkundigen und riefe dann zurück.

Was sie nach kurzer Zeit tut. Modell lieferbar, gewünschte Farbe leider nicht. Der Preis: marginal günstiger als bei Händler eins. Kurze Rückfrage meinerseits bei Frau Cornelia.

„In Gottes Namen ja, „Spacegrau“ ist auch in Ordnung“, seufzt sie.

Ich gebe das weiter an Frau Lemke, der Handel ist perfekt, einzige Bedingung ihrerseits: Wir müssen das Handy am Freitag vor achtzehn Uhr abholen.

Super, damit ist dann alles voreinander und wir reduzieren das ursprünglich geplante Besichtigungsprogramm auf den Ostseetrand von Ückeritz.

Der nächste am Hafen einlaufende Bus bringt uns ins Dorf. Von da gehen wir zu Fuß. Es ist angenehm in Ückeritz auf Usedom. Hügelig mit Mischwald und ein wunderschöner breiter Sandstrand. Wir genießen den weiten Blick über die Ostsee und längs der Küste von einem, auf einem Hügel liegenden, Café.

09.08.2017, Mittwoch

Kreuzend laufen wir nach Krummin im Norden der Krumminer Wieck. Ein nicht zu großer Naturhafen, dessen Stege und Heckpfähle deutlich aus DDR-Zeiten stammen. Ein ruhiger kleiner Ort mit wunderschönem Gartencafé.

Ein reizendes Gartencafé in Krummin
Ein reizendes Gartencafé in Krummin

Frau Cornelia entdeckt es, während ich einen Mittagsschlaf halte. Wir besuchen es am späten Nachmittag zu zweit, Jörg ist lädiert, er hat sich dank neuer Schuhe gestern eine offene Ferse gelaufen und muss sich schonen. Die angebotenen Kuchen und Torten sind von ausgezeichneter Qualität und unbedingt essenswert.

Abends reihen wir uns ein in die Schlange derjenigen, die in der Hafengastronomie Spareribs zu sich nehmen wollen. Wir essen preislich akzeptablen Durchschnitt mit Krautsalat, Graubrot und Tunke für die Spareribs.

Das Liegen ist in Krummin  mit Duschen und Strom für 25,50 Euro pro Nacht zu haben.

10.08.2017, Donnerstag

Bei ganz wenig Wind gleiten wir nahezu lautlos nach Lubmin. Zu berichten ist wenig, eigentlich nichts.

Außer, dass auf halbem Weg mein Telefon klingelt. Ich greife meinen Retro-Hörer, melde mich. Auf der anderen Seite Frau Lemke.

Es sei kein erfreulicher Anruf, sagt sie. Das Handy sei eingetroffen, ja. Aber leider nicht das Richtige. Sie verstünde das überhaupt nicht. Und sie habe auch sofort telefoniert mit dem Lieferanten. Aber vergeblich. Es sei nichts zu machen. Es täte ihr schrecklich leid. Sie wollte uns auf jeden Fall rechtzeitig informiert haben. Deshalb ihr Anruf. Vielleicht aber wolle Frau Cornelia ja das gelieferte Handy haben. Leider sei es sehr viel teurer. Und auch deutlich größer.

Das ist der Moment, wo ich den Hörer weiterreiche, das ist allemal besser, als als Relaisstation zu fungieren. Die beiden Frauen einigen sich darauf, dass das falsch gelieferte Telefon nicht das Richtige für Frau Cornelia ist und deshalb an den Lieferanten zurückgegeben wird. Trotzdem lieben Dank Frau Lemke, Sie haben sich alle Mühe gegeben – Sie trifft keine Schuld.

In Frau Cornelia erwacht unbändiger Kampfgeist. Alles schien sich trotz anfänglichem Pech zum Guten gewendet zu haben. Und nun das. Sie beginnt eine intensive Internetrecherche und wird tatsächlich nach kurzer Zeit fündig. Ein republikweit tätiger, auch in Greifswald ansässiger Markt bietet just jetzt das gewünschte Telefon zum annähernd gleichen Preis wie Frau Lemke. Sie ordert es sofort via Internet und erhält wenig später eine Kaufbestätigungsmail. Das Gerät läge abholbereit im Markt.

„Vielen Dank für Ihren Einkauf.“

Frau Cornelia ist zufrieden ob des Erfolges.

Wir erreichen Lubmin am frühen Nachmittag. In Lubmin ist nichts, zum Glück nicht einmal mehr ein funktionierendes Kernkraftwerk. Dieses einzige AKW der ehemaligen DDR wird derzeit und vermutlich noch viele Jahre lang zurückgebaut. Der Hafen ist ein mittelgroßer Bootsparkplatz, der sich westlich anschließende Sandstrand ist schön. Frau Cornelia und ich wandern ein Stück an ihm entlang.

Strandgut
Strandgut...

Strandidylle in Lubmin
...und Strandidylle in Lubmin

Das Liegegeld beträgt 18 Euro. Auf Duschmarken verzichten wir, nicht weil wir Ferkel wären, sondern weil wir, wie bekannt, über eine eigene Dusche verfügen.

11.08.2017, Freitag

Noch ein kurzes Stück Strecke bis Greifswald. Wir frühstücken nicht früh. Bei nordöstlichen fünf Bft läuft Kohinoor unter der Genua mit sechs Knoten vor dem Wind nach Greifswald.

Um 14:55 Uhr liegen wir an der Kade des Museumshafens, müssen uns allerdings noch einmal verholen, weil ein gleichzeitig mit uns eingetroffener Motoryachtfahrer sein Schiff nur unter größter Lebensgefahr verlassen könnte. Die vor der Kaimauer gerammten Pfähle sind in seinem Bereich so unglücklich gesetzt, dass er nur auf etwa 1,50 Meter an den Kai herankommt.

Wir tauschen mit ihm den Platz. Unsere bauchige Form macht das Aus- und Einsteigen an diesem Platz kommoder. Er bedankt sich mit einem gar nicht so üblen Anlegeschnaps, einer Mischung aus Jägermeister und irgendwas, wie er uns verrät. Das Getränk wurde eiskalt in Zinnbechern serviert.

Frau Cornelia sieht Hafenmeister Artur vor seinem Pulverturm stehend und eilt zu ihm. Sie wünscht gut gelaunt einen schönen Tag und fragt, ob denn Post gekommen sei für sie.

Nein, heißt es von Arturs Seite, nichts sei gekommen, bis jetzt noch nichts.

Die von der Vorfreude auf die neue Simkarte und das abzuholende Handytelefon getragene gute Laune ist verflogen, abrupt. Sie kommt zurück zum Schiff und schimpft auf eine Art, die hier unmöglich zitiert werden kann. Dann bittet sie Jörg um sein Telefon. Sie benötigt eines, mit dem man auf moderne Art durch Drücken verschiedener Ziffern kommunizieren kann, das gibt mein Samsung nicht her. Beim zweiten oder dritten Versuch gelingt es ihr, Kontakt mit einem Menschen am anderen Leitungsende herzustellen.

Ihr Telefonpartner wünscht sich bestimmt sehr schnell, den Anruf nie entgegengenommen zu haben.

Wie es möglich sei, die Kollegin habe doch versprochen die Karte rauszuschicken. Sie, Frau Cornelia, habe sich fest darauf verlassen, sei nun extra hier nach Greifswald gefahren und nichts sei da. Wenn man dann bislang nicht in der Lage gewesen sei die Karte zu liefern, bis morgen habe man noch Zeit, bis morgen würde sie noch hier verweilen. Wenn dann aber die Karte nicht vor Ort sei, würde sie ihr Gegenüber durch den Hörer ziehen, darauf könne er Gift nehmen.

Der Mann sagt zu, alles erdenklich Mögliche in die Wege zu leiten, er würde sich wirklich bemühen und er habe auch schon einen Kulanzbetrag auf dem Konto von Frau Cornelia verbucht. Er bäte vielmals um Entschuldigung. Aber bitte, ob die Karte nicht vielleicht doch angekommen sei, er wolle das nur noch einmal fragen, seine elektrischen Unterlagen ließen einen Versand vermuten und zwar am Dienstag.

Da beißt er auf Granit:

„Nein, ausgeschlossen, sonst wäre sie ja da!“

Frau Cornelia wendet sich im Anschluss an das unerfreuliche Telefonat an mich:

„Dann lass uns jetzt wenigstens das Telefon abholen fahren, dann haben wir wenigstens das schon mal. Und vielleicht kommt sie ja morgen, die neue Karte. Was meinst du, ist das überhaupt möglich innerhalb von einem Tag?“

Ich bejahe, bin aber nicht völlig sicher. Aber wenn sie wirklich noch heute rausginge, sei es schon denkbar, sage ich.

Wir steigen vom Schiff. Draußen treffen wir Jörg. Er war während des Telefonats von Bord gegangen.

„Ihr glaubt es nicht“, sagt der. Er sei bei Artur, dem Hafenmeister gewesen.

Ihm, Jörg, sei das alles sehr merkwürdig vorgekommen während des Telefongesprächs. Der Mann habe doch mehrfach angedeutet, die Simkarte sei versandt worden. Und er habe Artur gefragt, ob nicht doch Post gekommen sei.

Ja, habe der gedruckst, ja, da wäre was gekommen, hätte auch sein Name drauf gestanden und oben noch ein anderer. Damit hätte er aber nichts anfangen können. Er habe den Brief  dann aufgemacht. Wär ne Telefonkarte drin gewesen. Und die hätte er ja nicht bestellt. Und darum hätte er die dann zerschnitten und weggeworfen.

Jörg sagt, das könne doch nicht sein, er mache einen Spaß und habe die Karte in der Schublade:

„Komm Artur, gib raus das Ding! Peter hat dich doch extra angerufen und gefragt, ob er Post zu dir schicken lassen kann.“

Nein, definitiv. Die Karte sei im Müll und an einen Anruf könne er sich jetzt gar nicht erinnern.

Wir fassen es nicht. Wie ist so viel Blödheit möglich? Wieso rufe ich extra an? Was bitte hätte man sonst noch tun können, um die Sache sicher zu machen? Wie kommt der Mann dazu, das Briefgeheimnis zu verletzen und fremde, eindeutig mit c/o gekennzeichnete, Post zu öffnen?

„Und wie unangenehm und peinlich. Da misch ich den ganzen Laden bei dem Provider auf. Der arme Kerl am Telefon. Wie kann ich das denn wieder gutmachen? Und das alles nur wegen diesem Vollpfosten von Hafenmeister!“ Frau Cornelia ist erschüttert. Erschüttert und kochend wütend.

Wir steigen in meinen schönen alten Audi und fahren schweigend zu dem großen deutschlandweit tätigen Handyverkaufsgeschäft am Rande der Stadt. Das bestellte Telefon liegt bereit, Frau Cornelia braucht nur noch zu zahlen, hat ein neues Handy, bislang aber keine neue Simkarte. Oh, oh.

Wir essen vom sehr schmackhaften Büfett des nahen Vietnamesen zu einem Preis, der nach unserer Einschätzung unmöglich kostendeckend sein kann. Natürlich kreist das Gespräch noch mehrfach um Artur, den Hafenmeister. Es ist gemütlich auf der Terrasse mit Blick auf den Museumshafen und erfreulich lau.

12.08.2017, Samstag (Hafentag)

Jörgs Abreise steht an. Nach dem Frühstück geh ich rüber zum Pulverturm, mal hören, ob vielleicht Post gekommen ist.

Nein, Post sei noch nicht dagewesen, sagt Artur mit recht unschuldiger Mine. Könne aber noch kommen, die Post.

Ich hatte gestern nicht mit ihm gesprochen, nur Jörg, und denke mir, dass der Moment der Richtige ist, Artur verbindlich mitzuteilen, was ich von seiner Glanztat halte.

Es täte ihm leid, er habe das nicht extra getan, aber das ich ihm eine Verletzung des Postgeheimnisses vorwürfe, fände er wirklich nicht nett von mir.

Nach allem, was ich über die Sache wisse, sage ich ihm, sei das aber mal so gewesen. Und wenn ich Post bekäme, von der ich nicht exakt wisse, für wen sie sei, würde ich sie erst beiseitelegen und warten, sie fräße doch kein Brot. Und ich fände es in keiner Weise witzig, seinetwegen noch mindestens zwei weitere Tage in Greifswald verweilen zu dürfen. Denn ich glaubte nicht, das die erwartete Post heute noch einträfe, käme aber noch mal fragen im Laufe des Tages. Tschüß.

Jörg sitzt gegen zwölf im Auto und fährt in Richtung Heimat. Es war eine schöne und wie immer harmonische Woche mit ihm. Danke und gute Fahrt.

Nicht ich gehe am Nachmittag zum Hafenmeisterbüro, Frau Cornelia erledigt das.

Natürlich keine Post, berichtet sie mir. Artur sei nach ihrer Einschätzung aber doch deutlich geknickt. Ihm sei das Ganze, so wie sie es sähe, sehr peinlich. Liegegeld hätte er nicht haben wollen. Nur das Geld fürs Waschen und für zwanzig Eier, die sie mitgebracht habe. Sie könne ihm nun auch nicht mehr richtig böse sein.

Also zwei weitere Tage Greifswald. Toll. Da müssen wir uns irgendwas Spannendes überlegen für morgen.

13.08.2017, Sonntag (Hafentag)

Wirklich Spannendes fällt uns auch bei intensivem Überlegen nicht ein. Wir nutzen den Tag für einen ausgedehnten Spaziergang und besichtigen den botanischen Garten der Stadt, der uns als solcher erst spät auffällt. Erst eine Hinweistafel, entgegengesetzt unserer Laufrichtung zeigend, macht klar, dass wir den Garten längst durchwandert haben.

Wir wähnten uns während des Spaziergangs auf dem Weg dorthin. Da hatten wir offensichtlich eine völlig falsche Wahrnehmung, wir glaubten eine Allee entlangzulaufen.

weiter mit Teil -5-

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