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Elektrischer Kicker / Baumniederholer

09-01-2019 | © pt

Wichtige Dinge stehen an für die Saison 2019. Doch davon später mehr. Zuerst geht es um ein Detail, ein neues Ac­ces­soire zur Er­leich­terung der Segel­hand­ha­bung - näm­lich um einen elek­trisch be­trie­be­nen Kicker. Im Netz war für mich kei­ner zu fin­den. Darum hab ich mich selbst an Dreh­bank und Fräse ge­stellt.

Kicker, Niederholer montiert
so sieht er auf dem Schiff dann aus, der Kicker


Einige Sätze zum neuen Kicker

Wir haben dieses alte Schiff aus 1976 und wir sind alte Leute. Nicht mehr so be­weg­lich eben. Und Frau Cornelia schimpft imm­er mit mir, im­mer wenn ich auf See auf dem Vor­schiff rumturne, Segel setze oder sonst was tue. Na­tür­lich meist ohne Weste und ohne mich ein­zu­picken - ich weiß, das ist falsch.

"Lass das Groß doch unten, die Fock genügt - mit der Ma­schi­ne geht es auch", lässt sie sich dann gerne ein. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­ten wir wegen einer meiner Ak­ti­onen bei nicht völ­lig ruh­iger See sogar ganze zwei Tage Funk­stille an Bord. Eine ruhige Zeit - aber sie zehrte an mei­nen Nerven.

elektrischer Kicker, elektrischer Baumniederholer
der fertig montierte eloxierte elektrische Kicker

Es gab sogar schon Überlegungen, die Sege­lei auf­zu­ge­ben - auf ein Mo­tor­boot um­zu­stei­gen. Mit bei­nahe siebzig Jahren sicher­lich kein völlig ab­we­gi­ger Ge­danke. Irgend­wie aber passte mir das nicht. Einige Jahre immerhin, müssten wir doch noch auf unserer "Kohinoor" fahren kön­nen.

Und so überlegte ich lan­ge: Roll­se­gel, im Mast, im Baum oder wie? Ließ mir An­ge­bote kommen - führte viele Ge­sprä­che. Mir gefiel das alles nicht wirk­lich. Ins­be­son­dere von den Kosten her. Und aus anderen Gründen. Zu weit will ich das jetzt nicht ausführen.

Letztlich entschieden wir uns für ein Roll­se­gel im Mast. Wird ja häu­fig genommen - trotz einiger Nachteile und ho­her Kosten - unter anderem für einen neuen Mast. Ich wollte alles gern auto­matisch haben, auch wenn es dadurch noch teuerer würde. Egal, ich wollte keine Leinen in der Plicht, die ohnehin nicht allzu zu groß ist und meist mit verschiedenstem Krempel von Frau Cor­ne­lia belegt wird. Ganz ohne Leinen ginge es aber nicht, wurde ich belehrt. Mindestens eine Leine für das Groß sei erforderlich und eine zweite auf jeden Fall für den Kicker.

konventioneller Kicker
der alte Niederholer, urstabil aber unkomfortabel

Als mir dann kurz vor der Bestellung über­raschend eröffnet wurde, dass beim vom Lieferanten gewählten Mastprofil ein automatisierter Betrieb nicht möglich sei, war das Projekt für mich gestorben. Da hatte ich die Faxen dicke - und überlegte völlig neu. Nach weitern alternativen Lieferanten zu suchen, war mir die Lust vergangen. Es mußte doch auch anders gehen. Mit letztlich sogar besseren Segeleigenschaften als mit einem Roll­groß.

Wie wäre es, fragte ich mich, wenn man ein hochwertiges durch­ge­lattetes Groß ein­set­zen würde, mit reichlich ku­gel­ge­la­ger­ten Rut­schern und gutem Schnitt? Das müsste man doch elektrisch setzen können - mit einer selbst konstruierten Winde und auch elektrisch wie­der wegnehmen. Wenn es dann sauber auf den Mast fallen würde. Vielleicht in ein Lazy-Bag-System? So müsste sich das Segelleben zu ver­tret­baren Kosten doch noch ein wenig ausdehnen lassen können. Frau Cor­nelia, der ich das Projekt natürlich detailiert erläuterte, war zufrieden:

"Wenn's ma funktioniert. Dann ist es okay. Mach man."

Ich besprach das ganze zusätzlich mit meinen Freund Jörg, der von der Segelei viel mehr versteht als ich es jemals werde. Und danach mit einem holländischen Se­gel­mach­er, bei dem ich schon einiges habe arbeiten lassen. Beide waren der Meinung, dass mein Plan umsetzbar sei. Ich hoffe nicht nur, um mir zu Gefallen zu sein, oder nur, um einen schönen Auftrag ein­zu­heim­sen. Wir werden sehen! Denn das Projekt wartet auf Durchführung im Frühjahr diesen Jahres. Ich werde be­rich­ten.

Übrigens: die Kosten für das Großsegel und das zugehörige Main-Drop-System sind im Vergleich zur Rollsegelausführung so lächerlich, dass auch noch eine schicke neue Genua drin sein wird. Nicht schlecht, denn wir fahren sie schon seit guten zwanzig Jahren.

Nach dem eben geschlderten Ent­schei­dungs­pro­zess kam auf mich einiges an kon­struk­ti­ver Ar­beit zu. Kein echtes Problem - denn ich bin wie bekannt Ruhe­ständ­ler mit rudi­men­tären hand­werk­lichen Fähig­keiten.

Als erstes, so mein Plan, sollte ein neuer Kicker gebaut werden. Den Alten musste ich immer auf dem Deck knie­end be­die­nen - zum schon ge­schil­der­ten Ver­druss von Frau Cornelia. Der Neue würde auf Knopf­druck arbeiten. Meiner Faul­heit, ich habe sie bis jetzt noch nicht er­wähnt, käme das ent­gegen. Also los - jetzt sind wir beim Thema:

Kickerkonstruktion und -bau

Ein paar Skizzen, einige Be­rech­nun­gen, dann an den Rechner und eine saubere Konstruktion machen - nach meinen Möglichkeiten. Über meine Zeichnungen schütteln andere immer wieder mal den Kopf, ich kann sie gut lesen. Wohl weil ich weiß, was ich weit ab von jeder Norm auf's Papier gebracht habe.

Kicker, Niederholer Skizze
erste Skizzen und Berechnungen
Kicker, Niederholer Konstruktion
das und einiges Mehr kam am Ende aus dem Drucker

Jedenfalls hab' ich schnell festgestellt, dass das, was ich vorhatte, kein großes Hexenwerk sein würde, das zu bauende Ding setzte sich aus nur wenigen Dreh- und Frästeilen zusammen.

Zugekauft werden mussten nur einige Alurohre, eine Ge­winde­spindel und ein passender Motor, kräftig und genügend klein. Zugegeben, der war nicht gerade preiswert zu haben. Soll ja aber halten und ordentlich Kraft aufbringen, das Ding.

Insgesamt sollte die Konstruktion den har­ten Bedingungen auf See problemlos stand­halten können, mindestens so gut wie der alte Niederholer. Ich wählte ein acht­zi­ger Hauptrohr mit einer Wandung von fünf Millimetern und für die Schubstange fünfzig Millimeter Durchmesser mit der gleichen Wandstärke. Die beiden not­wen­di­gen Gleit­la­ge­run­gen habe ich aus PTFE-Material gebaut - einfach her­zu­stel­len, aus­ge­spro­chen langlebig und sehr reibungsarm gleitend.

Kicker, Niederholer Fussteil
gedrehtes Fußteil, noch ohne Eloxal
Kicker, Niederholer Halterung
M 20-Gewinde auf der Drehbank gefertigt

Die Kraftübertragung auf die Schub­stange erfolgt über eine Gewindespindel auf eine Bron­ze­mutter. Das Material dafür ist auch kein Geschenk, für Geld aber zu haben.

Der Motor gibt seine Kraft über eine Kup­plung, die kleine Fluch­tungs­un­ge­nau­ig­kei­ten verzeiht, an die Ge­winde­spindel ab. Alle Teile sind leicht de­mon­tier­bar, der Motor kann mit wenigen Hand­grif­fen aus dem Tragrohr gezogen werden. Im Notfall ist der Kicker auch von Hand bedienbar.

Okay, dazu müsste ich dann aus der Plicht raus und rauf auf's Deck. Wollen hoffen, dass das nicht passiert. Aber vorsehen wollte ich einen manuellen Betrieb schon. Allein wegen der Sicherheit.

Die Endstücke des Niederholers sind aus VA-Material gefertigt und passen zu den am Schiff vorhandenen Aufnahmen. Beim Schneiden der Gewinde auf den End­stücken hab ich mir beinahe die Ohren gebrochen. Das war ein ordentliches Stück Arbeit, die M20-Gewinde auf der Drehbank zu fertigen. Die anderen Dreh­teile waren fix gemacht.

Kicker, Niederholer Schubstangengleitlager
Schubstangenlager und Bronzemutter
Kicker, Niederholer, elektrischer Antrieb
Motor mit Gehäuse und Kupplung

Geschaltet wird das Ding über einen Knopf in der Plicht. Wie von Gei­ster­hand bewegt, wird es dann auf und ab gehen. Das aber kriegen wir erst im Frühjahr, wenn der Mast wieder gestellt ist. Im Augenblick ist für "Kohinoor" Winterschlaf in der Halle angesagt. Im Frühjahr folgt auch ein Foto vom montierten Kicker. Die bislang noch gefahrene Dirk werd' ich dann wegwerfen. Das kommt dem Schnitt des neuen Großsegels zugute und spart wieder eine Leine.

Übrigens, das Ding drückt und zieht rechnerisch gut vierhundert Kilo, in der Praxis sind es sicher noch einige mehr. Der mögliche Hub ist mit dreihundertfünfzig Millimetern mehr als ausreichend. Alle eventuell see­wasser­belasteten Teile wur­den elox­iert und sollten meinem neuen Niederholer ein langes Leben beschehren. Frau Cornelia wird zufrieden sein.

"Sieht ganz gut aus", sagte sie doch zu meiner großen Freude, als ich das fertige Teil an Heiligabend unter unseren wunderschönen Tan­nen­baum legte und mir selbst zum Geschenk machte.

Was ich nicht verstehe, ist, dass es sowas augenscheinlich nicht zu kaufen gibt. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Markt vorhanden ist. Nicht jeder, der über Automatisierung nachdenkt, möchte sich eine Hydraulikanlage ins Schiff schrauben und einen sündhaft teuren Hydraulikkicker an­schaf­fen.

Aber gut, vielleicht hab' ich nicht genügend gründlich gesucht.

Ich jedenfalls bin urgespannt, wie es wei­tergeht mit unserer Segel­umrüstung und ob meine Vor­stel­lungen sich vernünftig wer­den realisieren lassen. Es ist noch reichlich zu tun! Die ersten Schritte aber sind getan. Der Kicker ist fertig!

Und nun nach einer Saison ordentlicher Nutzung kann ich sagen:

Er funzt! Ohne Fehl und Tadel.

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