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Wo das Geld noch auf der Straße liegt


30.03.2020 | © pt

Garniert ist diese kleine Geschichte mit einigen Bilder aus Zingst und Umgebung



Eine wahre Geschichte wie sie nicht allzu häufig passieren sollte


Wir waren nach Zingst motort von Stralsund aus kommend. Eigentlich wollten wir nach Westen, der Urlaub näherte sich dem Ende. Aber, wie es mitunter vorkommt, das Wetter war gegen uns und bescherte eine vermeintlich länger anhaltende Westwindphase mit Windstärken, denen wir uns nicht aussetzen wollten. Mit der uns eigenen Flexibilität sagten wir uns:

Ein paar Tage Zingst könnten wir noch zwischenschieben. Niemand wartet wirklich dringend auf uns in der Heimat.

Zingst

Eines der Privilegien des Alters ist, wenn niemand dringend wartet – nicht einmal der Sensenmann. Wir nutzen sie so gut es geht – die Privilegien.

Gemütlich langsam schoben wir uns durch den Zingster Strom, kamen zum Wasser­wan­der­rast­platz, an dem wir im vergangenen Jahr schon gelegen hatten und fragten uns, ob es noch andere Liegeplätze gäbe, am Ort.

„Lass uns einfach schauen, hierhin zurück können wir noch immer“, sprach Frau Cornelia und hatte natürlich recht.

Wir tuckerten durch und fanden am Ortsende einen Steg, von dem aus man uns zuwinkte. Hier könnten wir liegen, natürlich gern. Bitteschön, gleich hier vorn wär’ es auch tief genug für uns. Ein paar Tage zu bleiben sei kein Problem, der Eigner des Platzes sei noch für einige Zeit in Urlaub.

Zingst und Umgebung

Der Steg gehört zu einem kleinen Was­ser­sport­ver­ein und bietet vielleicht zwanzig Booten Platz. Wir machten unsere Leinen fest, freuten uns über ein kleines Clubhaus in dem Duschen bevorratet werden, über eine Steckdose für Strom und freundliche Vereinmitglieder. Alles mehr als bestens. Wieder eine Liegemöglichkeit abseits der großen Marinas gefunden – super.

Wie versprochen kam am späteren Nachmittag der Hafenmeister längs, wir buchten für drei Tage, bekamen den Schlüssel für das Eingangstor übergeben, hielten einen Schnack mit dem freundlichen Mann und waren zufrieden mit allen Umständen, insbesondere mit dem Pa­no­ra­ma­blick auf die „Große Kirr“, der Zingst vorgelagerten flachen Insel.

Drei Tage plätscherten dahin, ein wenig Rad fahren, ein wenig wandeln in der Stadt, Besuche am Strand bei deftigem Wind auf die Nase. Was man halt so macht, wenn man auf’s Wetter wartet.

Zingst und Umgebung

Der letzte Abend kam, nachbuchen wollten wir nicht. Gesehen hatten wir vermeintlich alles, was es zu sehen gab, zum Teil mehrfach. Entweder wir gingen nach Barhöft oder nach Barth, Barth wäre neu für uns, oder nach Vitte. Man merkt, das Wetter war noch immer nicht nach unserem Geschmack, insofern war Warnemünde noch keine Option. Wie wir es machten würden wir morgen beim Frühstück entscheiden, jetzt gingen wir essen.

Im ersten Lokal hatten wir kein Glück, im „Boddenhus“ waren alle Terrassentische besetzt. In die Pizzeria am Hafen wollten wir nicht, wir kannten sie aus dem vergangenen Jahr und waren nicht so glücklich gewesen dort. Einen netten Platz fanden wir im „Metaxa“ an der Hafenstraße, dort waren wir schon vorher mal gewesen, es war okay. Und okay reicht ja, es muss nicht immer Super sein.

Sitzend unter der Pergola bestellten wir beim freundlichen aber eiligen Kellner, genossen eine kleine Vorspeise mit knoblauchbestrichenem gerösteten Brot, aßen ein gemütliches nicht zu opulentes Hauptgericht und tranken noch einen Espresso. Trotz Zingst fiel die Rechnung gnädig aus – wir waren zufrieden. Es zog uns zurück in unser schwimmendes Zuhause. Kein weiter Weg, doch aber ein paar hundert Meter. Die Hafenstraße in südliche Richtung und weiter auf dem Deich.

Zingst und Umgebung

Die Sonne leuchtete noch schwach, den langen Linksschwenk des Deichs hatten wir eben hinter uns, ab jetzt verläuft die Mühlenstraße parallel. Nur wenige Andere flanierten in gleicher Richtung, entgegen kam uns eher niemand. Mein Blick ging kaum in die Ferne, was wir sprachen, kann ich nicht erinnern – vermutlich wenig, denn es war alles in Ordnung.

Vor mir ein Hindernis, ein kleines nur, ein Kiesel, ein Stein, ein größerer Käfer? Nur im Augenwinkel bemerkt, ich würde es treffen mit dem Schuh, das Hindernis. Der Blick wandert nach unten, fixiert genauer was dort liegt.

Das ist kein Stein, nein, das ist – gefaltetes Papier, bräunlichgrau. Keine Gefahr. Kein Käfer den ich zerquetsche, kein Stein, der mir einen schweren Bruch oder mindestens eine fulminante Verstauchung zufügt. Nur Papier und braun.

Noch im Gehen bücke ich mich und bevor ich es in der Hand habe weiß ich: Geld! Fünfzig Euro. Ich hebe ihn auf, den kleinen Fächer, falte ihn auseinander. Nicht fünfzig Euro – vier Mal fünfzig liegen herrenlos auf diesem Weg. Sind jetzt in meinen Händen. Ich komme wieder hoch.

„Was ist? Warum hast du dich gebückt?“

„Guckst du!“, sagte ich und hielt Frau Cornelia die Scheine rüber. „Hattest du nichts gesehen? Zweihundert Euro! Liegen hier einfach so rum.“

Kein Mensch in der Nähe. Niemand in Rufweite. Was tun?

Wir gingen langsam weiter – überlegten.

Da gehen Gedanken durch den Kopf: Die arme Sau, die das verloren hat. Wahrscheinlich gerade aus dem Automaten gezogen. Aber auch: Wer so blöd ist und sein Geld nicht richtig wegsteckt... Oder: Du kannst doch keinen fragen ob er zufällig gerade zweihundert Euro verloren hat. Und wenn du fragtest, was bekämst du für Antworten?

Zingst und Umgebung

Ich steckte die Scheine in meine Brusttasche. Sauber gefaltet, so wie ich sie fand. Wir ent­schie­den erst einmal zum Schiff zurück­zu­ge­hen. Dann sähen wir weiter.

Außer uns kein Mensch mehr auf der kleinen Anlage, wir stiegen in unser Kellerloch. Das faltige Bündel zog ich aus der Brusttasche, legte es auf den Navitisch und brummte vor mich hin:

„Mann, Mann, Mann.“

„Willst du es behalten?“, fragte Frau Cornelia.

„Nee.“

„Das ist gut, hätt’ ich auch nicht gut gefunden. Aber was tun?“

Wir überlegten hin und her wie zu verfahren sei. Morgen früh wollten wir weg, noch lange durch die Stadt laufen um ein Fundbüro zu suchen? Vielleicht noch einen ganzen Tag bleiben? Nee, das wollten wir nicht. So flexibel sind wir dann auch nicht. Wie den Verlierer finden? Unmöglich wäre das. Also?

„Ich ruf die Polizei an“, sagte ich, „wird ja wohl ne Wache geben hier.“

Für die 110 war unser Fall aus meiner Sicht nicht spektakulär genug, darum Tablet raus, suchen. Es gab keine Wache, ergab meine Recherche, wohl aber eine in Prerow, ein bisschen westlich liegend. Die Nummer wählte ich, es klingelte mehrfach, dann, nach langer Zeit wurde abgenommen.

Ich sei verbunden mit der Wache in Barth, was man für mich tun könnte fragte eine warme freund­liche Stimme.

Ich hätte Prerow angewählt, was bitte ich falsch gemacht hätte?

Nichts, gar nichts, hieß es, Prerow sei nachts nicht besetzt. Darum sei der Anruf durch­ge­schal­tet worden zu ihm nach Barth. Seine Wache sei zuständig für die gesamte Region, zumindest nachts.

Okay, sagte ich in den Hörer, dann würde mich interessieren, ob vielleicht der Verlust von Bargelds gemeldet worden sei, konkret in Zingst in Höhe von exakt zweihundertfünfzig Euro?

Nein, kam es von der anderen Seite, davon sei ihm nichts bekannt. Und er müsse es wissen, er mache den Frontdienst am Telefon schon seit einigen Stunden. Was konkret denn mein Problem sei?

Zingst und Umgebung

In möglichst kurzen Worten schilderte ich unsere Geschichte vom Geldfund auf dem Deich.

„Hm, ungewöhnlich, dass Sie das melden. Aber gut, eigentlich zuständig ist das Fundbüro“,  ließ mein Telefonpartner sich ein.

Ich erklärte, dass wir nur noch heute vor Ort sein würden, morgen weiterreisen wollten und nicht so recht wüssten, wie wir uns unter diesen Umständen verhalten sollten.

„Wissen Sie was?“, kam von der anderen Seite, „Ich schick’ Ihnen einen Wagen vorbei, die Kollegen sollen das aufnehmen und denen können Sie das Geld dann aushändigen. Kann aber eine Weile dauern.“

Ich beschrieb so exakt möglich unseren Liegeplatz, wir wünschten uns noch eine gute Nacht und beendeten das Gespräch.

Gut eine Stunde später bekamen wir tatsächlich Besuch von einem jungen Beamten, so Mitte bis Ende Zwanzig. Ungewöhnlich sympathisch und freundlich. Er füllte einige Papiere aus, ließ sich meinen Perso zeigen und notierte akribisch alle darauf befindlichen Daten. Zum guten Schluss lagerte er den Geldfächer in einer mitgebrachten Plastiktüte und wir unterhielten uns noch eine Weile über sein Leben, seine Arbeitsbedingungen und die Menschen an sich, im Allgemeinen und Speziellen.

Zingst und Umgebung

Nach einer knappen Stunde verabschiedeten wir uns gegenseitig, wünschten uns das Beste für die Zukunft. Wir waren, das soll erwähnt sein, nach dem in Teilen spannenden und ansonsten in­for­ma­ti­ven Gespräch um einige Vorurteile ärmer.

In der kommenden Saison werden wir uns erkundigen, was geworden ist aus unserem sehr kurzfristigen Reichtum. Ich täte mir wünschen, dass das Geld zurückgekommen ist in die richtigen Hände, glauben tue ich es nicht. Wir werden es erfahren.



Und watt lernen wir von die Geschichte? Das es in hohem Maße sinnvoll ist, verantwortlich mit den Dingen umzugehen: Geld, zum Beispiel, gehört nicht einfach gemeinsam mit dem Handy in die Gesäßtasche oder wohin auch immer gestopft!

Mann, Mann, Mann!




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