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Einmal Griechenland bitte


10.02.2018 | © pt

Mit der kleinen Honda CB 500 zum Bootskauf nach Grie­chen­land. Der nebenstehende Text ist mei­nem Buch "Ich komm hier um vor Angst" ent­nom­men und wurde von mir mit einigen Fo­tos auf­be­rei­tet. Ich fand sie nach langer Suche in ei­nem ver­staub­ten Al­bum und kleb­te sie ger­ne hier ein. Bitte­schön!

Ach übrigens, nur mal so gesagt: Das gan­ze Buch kann man für nicht zuviel Geld erwerben. In jeder be­lie­bi­gen Buch­hand­lung. Notfalls auch in diesem In­ter­net. Und ich hätte auch noch was davon.






Nur eine Herbsttour mit der CB 500

Im September stand unser Motorrad gepackt vor dem Schuppen. Eine 500er, die kleine Schwester der legendären 750er Honda. Ein schönes robustes Maschinchen. Nicht zu groß. Zuverlässig und gut. Wohl schon etwas älter, Baujahr 1976. Stolz beladen stand es da mit Tank­ruck­sack, zwei Seitenkoffern, einem Seesack auf dem Gepäckträger und oben drauf noch so einiges an Kleinigkeiten in blauen Plastiktüten. Als letztes ganz oben drauf sauber verzurrt ein Igluzelt.

Honda CB 500 Tachostand
auf dem Tacho stehen am Tage unserer Abreise 48.715 Kilometer - beachtlich, oder? Das Ding ist unverwüstlich.

Honda CB 500 reisefertig gepackt
Fertig gepackt der Bock

Ich hatte die Honda gut durch­ge­se­hen und eine Wind­schutz­scheibe mon­tiert. Nicht schön, aber gut gegen den Fahrtwind und vielleicht würde es ja mal regnen. Gerade heute war das Wetter nicht so dolle.

Kurz vor dem Start nach Griechenland
Die letzten Minuten...

Los geht's nach Corfu auf der Honda
...vor dem Start. Auf geht's

Also, die Maschine war startklar. Wir freuten uns auf den Urlaub. Riesig! So lange waren wir noch nie zusammen weggewesen, nur wir zwei. Die Stel­lung in der Firma hielt meine Mutter. Für ganze drei Wochen. Sie war eine Pfundsfrau. Danke!

Wir schrieben genau den 10. Sep­tem­ber 1983 und es regnete – nicht sofort, aber ab kurz vor Paderborn. Mit wenigen Un­ter­brech­ungen bis München.

...die ersten Kilometer
Die ersten Kilometer - noch mit Begleitfahrzeug und Photograph

Kurzer Stopp im Nieselregen
Nein, kein Regen - nieselt nur

In Kassel machten wir die erste Rast. Meine Handschuhe waren völlig durch. Die Stiefel schon recht schwer. Der Rest ging. Dank Wind­schutz­schei­be.

››Willst du abbrechen?‹‹, fragte ich Conny.

››Nein, geht schon. Mal Regensachen an und weiter. Kann ja nicht die ganze Zeit schütten.‹‹ Sie saß hinten vergleichsweise trocken und wollte die Sache jetzt durchziehen. Für den Abend waren wir in München bei Dorle und zugehörigem Mann angemeldet.

Für unsere Stiefel erbettelte ich in der Kasseler Raststätte vier Plastiktüten. Plastiktüten waren eindeutig das Beste gegen nasse Stiefel. Man stülpte sie einfach über das Schuhwerk. Zum Dichten oben nutzte man Weckglasgummibänder. Die hatten wir selbst. Blöd nur: Meine Stiefel waren schon komplett durch. Weit nach Einbruch der Dunkelheit kamen wir an. Nicht in München selbst, sondern in einem kleinen Ort an der Peripherie. So eine knappe halbe Stunde über München hinaus. Dort lebte Dorle.

Alles an uns war durch. Wir trieften. Unter uns bildeten sich ansehnliche Pfützen. Im Haus, wir landeten nahezu nackt in einem großen sympathischen Wohnraum, verstrahlte ein riesiger verputzter Kachelofen wohlige Wärme. Ach wie schön nach sieben Stunden Regen. Natürlich war auch das gesamte Gepäck durchnässt. Nach nur wenigen Minuten glich das Wohnzimmer einer unaufgeräumten Kleiderkammer. Dorle und Mann drapierten alles, wirklich alles, was wir dabei hatten, um den Kachelofen herum auf Wäscheständern und Stühlen. Ein echter Hingucker war das von einem wenig sympathischen Orthopäden verschriebene fleisch­farbene Korsett. Es regte zu deftigen Kommentaren an, während wir herrlich warmen Tee schlürften.

Bald gab es Abendbrot und später ein wohlig warmes Bett. Ganze zwei Tage blieben wir und genossen die herzliche Gastfreundschaft der beiden. Dann endlich hatte sich das Wetter erholt. Also los in Richtung Alpen. Auf der alten Bren­ner­pas­strasse erwischte uns dichtes Schneegestöber bei knappen Minustemperaturen. Mit dem Tempo mussten wir dramatisch runter. Und das gefiel der Honda nicht. Der Motor verlor an Temperatur. Die Elektrik wurde feucht. Die Maschine begann zu stottern, lief immer unrunder und irgendwann sagte sie sich wohl: Das war es jetzt! Der Kerl fährt so langsam, da kann ich auch ganz stehenbleiben. Wir hingen fest im dicksten Schneematsch. Die Straße inzwischen schmutzigweiß, die Sicht schlecht. Die Karre sprang ums Verrecken nicht wieder an, egal, wie ich mich anstrengte. Rechts von uns erahnten wir ein Gebäude, ein wenig unterhalb der Straße. Schien ein Gasthof zu sein. Ganz sicher waren wir nicht. Ein schmaler Weg führte zu dem Haus. Dahin rollten wir, ganz langsam und vorsichtig.

Gott sei Dank – es war ein Gasthaus, geöffnet war es auch. Und drinnen eine freundliche, wirklich hilfsbereite Bedienung. Unser Moped durften wir unter einem Vordach abstellen. Da war es trocken. Im Gastraum ein riesiger Kachelofen. Auch er in Betrieb, so wie bei Dorle in München. Mit Ofenbank, wie man sie hat in Österreich. Die belegten wir. Und bekamen wunderschön warmen Kakao und Apfelkuchen mit Rosinen serviert. Weder Zimt noch Sahne fehlten. Ein Hochgenuß!

Ja, solche plötzlichen Wet­ter­um­schwünge hätten sie hier häufiger um diese Jahreszeit. Es würde sich aber wahrscheinlich schnell umkehren. Vermutlich eine Stunde oder zwei maximal, dann könnten wir weiter, machte die Wirtin Mut. Sie schenkte uns ihre Zeit, saß bei uns am Ofen und wir unterhielten uns über unsere Pläne. Außer uns Zweien gab es keine Gäste im Lokal.

››Wenn wir die Kiste da draußen wieder zum Laufen bringen, ja, dann schaffen wir es vielleicht noch bis zum geplanten Ziel heut Abend‹‹, war mein nicht völlig überzeugter Kommentar. Nach einer guten Stunde war der Spuk tatsächlich vorbei. Der Himmel brach auf und wurde vereinzelt blau. Und die Honda tat uns den Gefallen, sie sprang an. Zögerlich zwar, aber sie lief. Nicht rund, sie stotterte, fing sich aber immer wieder. Und es wurde besser. Die Restwärme des Motors hatte wohl gereicht die total nassen Kerzenstecker weitgehend zu trock­nen. Es ging weiter. Am frühen Abend erreichten wir Ljubljana, über­setzt Lai­bach im damaligen Ju­gos­la­wien.

Pause in Jugoslawien
Pausen sind wichtig...

Kartenstudium
...und das Kartenstudium natürlich auch.

vor der Pension in Zadar
Sonnenbad vor der Pension in Zadar

Rast am Wegesrand
Und manchmal schmerzt der Po

Während der nächsten Tage machten wir die jugoslawische Küstenstraße, fuhren nie zu lange und kehrten abends in kleinen Hotels oder Pensionen ein. Freundliche Wirtsleute betüdelten uns, luden nicht selten auf einen Schnaps ein. Wir verständigten uns mit Händen und Füßen. Manchmal, wenn wir richtig Glück hatten, auch in unserer Hei­mat­spra­che. Wir saßen am Meer, schauten aufs ruhig daliegende Wasser, ich träumte von Booten, eigentlich überwiegend von einem. Ruhige, beschauliche Tage im damaligen Jugoslawien. Seit wir den Alpenkamm überquert hatten spielte das Wetter uns in die Hände: Sonnig war es, nicht zu heiß.

Seeblick im jugoslawischen Binnenland
Im Binnenland

Küstenstrasse zwischen Zadar und Dubrovnik
Küstenstrasse zwischen Zadar und Dubrovnik

Frisches Wasser gibt's am Wegesrand
Frisches Wasser gibt's am Wegesrand

Durch Dubrovnik kamen wir und manch anderen Ort. Unseren Durst löschten wir tagsüber aus am Straßenrand sprudelnden Quellen. Irgendwann mussten wir links ab, streng nach Norden, Richtung Titograd. Wir befanden uns, jedem ist es natürlich klar, in Montenegro. Und Albanien musste umfahren werden. Niemand durfte dort hinein damals, kein Mensch. Bis auf ganz wenige vielleicht. Wir gehörten nicht dazu. Albanien war Steinzeitkommunismus in jener Zeit. Im Vergleich war Ju­gos­la­wi­en das liberalste Land auf Erden und innerhalb des so­ge­nann­ten Ost­blocks war es das wohl tatsächlich. Nach Titograd wurden die Straßen schmaler, kurvenreich waren sie an der gesamten Küste gewesen. Das Fahren machte gigantische Freude: Rein in die Kurve mit ordentlich Schräglage und im Kurvenscheitel das Gas wieder auf. Herrlich! Die Honda lief wie eine Eins, trotz Gepäck und unser beider Last. Ich war schon damals kein Hungerhaken. Conny hielt sich toll. War sie anfangs hin und wieder unsicher gewesen – nichts mehr davon. Kurvenlage und Tempo spielten keine Rolle. So manches Mal nickte sie sogar ein, da hinten auf ihrer kurzen Bankhälfte.

Das ginge prima, sagte sie, sie könne sich wunderbar an das Gepäck lehnen und schlummern.

Landkartenausschnitt Jugoslawien
Die Navigation Oldschool - wie es halt so war. Albanien musste umfahren werden.

Bergland im Kosovo
Hier ging nichts mehr. Hier war einfach Pistenende!

Die Straßen schmaler, ich sagte es, der Straßenzustand wur­de zu­neh­mend grau­sam, die Landschaft bergig zerklüftet. Manch kleiner Pass war zu überqueren und dann war plötzlich Ende. Seit geraumer Zeit waren wir schon auf einer Schotterpiste unterwegs und nun endete sie im Nirwana. Unsere Land­kar­te hatte das nicht hergegeben. Nichts ging mehr! Intensives Kartenstudium und langsam zurück. Wir schafften es nach Pec, wohl nicht in der vorgesehenen Zeit und hatten damit den Kosovo erreicht. Schon während des ganzen Tages fuhren wir durch beeindruckende Landschaft, die Orte waren kleiner geworden und ärmlicher; Lehmhütten, Vieh auf den Straßen. Jungen und Mädchen in lumpiger Kleidung hüteten die Tiere . Die Stadt war ein Alptraum of­fen­sicht­licher Ar­mut, un­be­schreib­lich. Sie liegt auf 550 Metern Höhe und hatte etwa 50.000 Einwohner. Zwei Hotels gab es im Ort. Eines davon sollte unseres werden für die Nacht. Beide Häuser lagen zentral an einem staubig steinigem Platz. Sie machten nicht den Eindruck, als hätten sie sich jemals um auch nur um einen Stern bei einer der bekannten Klas­si­fi­ka­ti­ons­ge­sell­schaf­ten be­wor­ben. Wir wählten das Hotel mit einem rund dreißig Meter langen überdachten Zugang. Der schloss sich an rund zehn steile Trep­pen­stu­fen an. Es dämmerte langsam, unsere Lederkombis waren staubig stumpf. So aussehend marschierten wir in das erste oder zweite Haus am Platz. Welchen Rang es einnahm, war nicht deutlich. Drinnen trafen wir auf einen völlig aufgebrachten Re­zep­ti­o­nis­ten, der uns mit den Armen fuchtelnd bedeutete, dass wir sofort das Haus verlassen müssten. So­fort, un­mit­tel­bar!

Wir konnten es nicht fassen. Jede Diskussion erschien aussichtslos. Der Mann hielt schon die Tür auf und deutete nach draußen. Was blieb uns übrig – wir setzten uns in Bewegung, marschierten an ihm vorbei, schauten uns erschüttert an und empfanden den Empfang nicht als Ausgeburt von Gastfreundschaft. Der Mann folgte uns. Wir blieben stehen, schauten uns um nach ihm. Vielleicht erwarteten wir ein Messer in seiner Hand, vielleicht einen durchgeladenen Revolver? Schnell schritt er an uns vorbei. Zeichen machend, dass wir folgen sollten, bitte schnell. An der Honda blieb er stehen. Deutete auf die Maschine und schüttelte energisch den Kopf. Seine Arme machten schaufelnde Bewegungen in Richtung Treppe.

Was wollte der Mann? Wir verstanden es nicht. Solange, bis er auf das Gepäck wies und Richtung Ho­tel­ein­gang zeigte. Energisch und unmissverständlich. Dann auf die Honda. Seine Finger richteten sich wieder auf das Hotel.

Jetzt erst begannen wir wirklich zu begreifen. Er traute sei­nen Lands­leu­ten offensichtlich nicht recht über den Weg – war nicht sicher, ob wir in fünf Minuten noch Gepäck hätten in sein Haus tragen können. Wir lächelten und verneigten uns dankbar. Zwei weitere Männer kamen herbei. Wir luden unsere Sachen ab und wollten damit Richtung Tür.

Nein, wurde uns bedeutet, nein, wir brauchten nichts zu tragen, dafür seien die Kollegen da. Koffer, Taschen, Plastiksäcke und Zelt wurden ins Haus getragen und zum guten Schluss die Honda zehn Stufen hochgehievt und ins Foyer gerollt. Dort musste ich sie aufbocken, da wollten die Männer nicht ran. Das war Facharbeit, die war unbedingt vom Besitzer des Fahrzeugs zu verrichten. So machten es die Männer deutlich.

Wir standen an der Rezeption, hinter ihr nun wieder der Retter unseres Gepäcks in dunklem, nicht ganz taufrischem Anzug und schräg an der verputzten Wand unser staubiges Motorrad.

Ein Zimmer? Das sei kein Problem. Für zwei Personen, auch kein Problem. Hier bitte sei der Schlüssel. Essen könnten wir gern unten im Restaurant. Dort drüben sei es.

Diese Unterhaltung fand nicht ganz so flüssig statt wie hier beschrieben, aber, und das ist wichtig, wir kamen miteinander zurecht und waren gegenseitig ausgesprochen höflich. Das Gepäck wurde uns vor­an­ge­tra­gen und vor der Zimmertür abgestellt. Die beiden Trä­ger ver­schwan­den wort­los nickend.

Wir drängten eilig ins Zimmer. Erstmal duschen! Der ganze Staub musste runter. So schnell wie möglich. Ich war vorausgegangen. Es war halbdunkel. Reflexartig zog ich die Nasenflügel hoch, atmete mehrfach ruckartig ein – hier stimmte etwas nicht. Wo ist Licht? Da, der Schalter. Es roch. Nicht gut. Kloakenartig - muffig. Das Licht sprang an, wir standen in einem üblich kurzen Hotelzimmerflur. Links das Bad, die Tür war halboffen, vorne das Schlafzimmer. Völlige Sprachlosigkeit. Conny zur Salzsäule erstarrt. Unter uns Teppichboden, ehemals sicherlich bunt geblümt. Jetzt starrend vor Dreck. Er klebte an unseren Stiefeln. Drei vorsichtige Schritte ins Schlafzimmer, die Gardinen hingen in Fetzten vor den Fenstern, die Tapeten weitgehend nicht vorhanden. Das, was noch als Tapete erkennbar war, war schmierig dunkelocker verfärbt. Feuchtigkeit? Oder schlimmer? Wir wollten das nicht ergründen. Das Bett – zerwühlt und voller Flecken, seit Wochen nicht bezogen. Oder seit Monaten? Insgesamt bot das Zimmer wenig Repräsentatives, es lud nicht zum Verweilen ein. Wir gaben noch nicht auf, wendeten uns zum Badezimmer. Vorsichtig die Tür auf. Licht an. Es war tatsächlich gefliest. Vom Spiegel existierte nur der Rahmen, ehemals war er verchromt, jetzt blätterte in weiten Bereichen das da­run­ter­lie­gen­de Kup­fer ab, warf Blasen. Die Fliesenfugen gräu­lich­schwarz vor Schimmel, die Toilettenschüssel war üblich europäisch aus Porzellan gefertigt, gereinigt allerdings hatte man die Keramik nie. Nicht ein einziges Mal seit der Installation. Das zeigten deutlich die verschiedenen, sowohl innen als auch außen befindlichen unterschiedlich braunen Ab­la­ge­run­gen und Streifen. Die Badewanne war in vergleichbar gutem Zustand, wohl völlig stumpf von Kalk und Seifenresten. Gemessen an den übrigen Umständen ein Lichtblick.

Hotelbad in Pec
Blicke in den Spiegel bleiben verwehrt

Toilette im Hotelbad in Pec
Der Rest des Bades auch nur: Geht so

Conny: ››Hier bleib ich keine Minute länger.‹‹ Die gesamte Besichtigung hatte runde zwei Minuten gekostet. Für die Gegebenheiten eine lange Zeit.

Ich konnte sie verstehen, war da völlig bei ihr.

››Die müssen uns ein anders Zimmer geben, sofort‹‹, sagte meine liebe Frau mit ekelerregter Stimme.

Also zurück zur Rezeption.

Ob etwas nicht in Ordnung sei? Ob wir vielleicht nicht völlig zufrieden wären?

Wir erklärten die Lage, fühlten uns allerdings nicht ganz verstanden. Kein Wunder bei un­se­ren so un­ter­schied­lich­en Mutter­sprachen. Wir ge­sti­ku­lier­ten, der Herr Re­zep­ti­o­nist möge uns bitte folgen. Das verstand er, so wie wir vorhin ihn verstanden hatten.

Im Zimmer zeigten wir auf die Dinge, die wir für nicht vollig in Ordnung hielten. Der Mann war deutlich erstaunt. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, dass man mit seinen Unterkünften nicht zufrieden war. Aber, und das musste man ihm hoch anrechnen, er blieb ausgesprochen höflich und erklärte wortreich, dass dies sein bei weitem bestes Zimmer sei. Zumindest interpretierten wir seine Gesten so.

Um seine Behauptung zu belegen schloss er den nächsten Raum auf und den übernächsten auch und noch einige weitere. Der Mann hatte Recht. Gemessen an dem, was wir sahen, hatten wir es regelrecht feudal getroffen. Zugegeben, nach unseren Maßstäben war es nicht dolle, die aber müssen ja nicht überall auf der Welt Gültigkeit haben. Hier in Pec hatten sie definitiv keine Gültigkeit.

Und genau jetzt übersprang meine liebe Frau ihren eigenen Schatten. Mehrfach sogar und zu meiner völligen Verblüffung.

››Wir bleiben‹‹, äußerte sie, ››Lass uns einfach ein paar Handtücher unterlegen, die haben wir ja mit. Irgendwie muss es gehen.‹‹ Vielleicht war diese überaus mutige Ent­schei­dung ein kleines wenig ihrer Müdigkeit geschuldet.

Hotelzimmer in Pec
Das Licht der Neonröhre genügt völlig zum Lesen

Wir aßen mit spitzen Zähnen im Hotelrestaurant nach meiner Er­in­ne­rung wenig schmackhaft und undefinierbar. Die dazu gereichten Getränke waren hingegen superb. In einem Saal, direkt neben dem Restaurant, wurde Hochzeit gefeiert. Für unsere Ohren war das eine schmerzhafte Veranstaltung.

Blick aus Hotel in Pec
Die Aussicht aus unserer Suite am frühen Morgen

Beim Auschecken am nächsten Morgen waren wir gehörig verblüfft. Der verlangte Preis für die Über­nach­tung erschien nicht über­zo­gen. Trotz der wenig komfortabel verbrachten Nacht. Nur ganz wenig der Lan­des­wäh­rung mussten wir ab­ge­ben. Auf Früh­stück im Hause verzichteten wir. Unser Motorrad schwebte wieder von drei Männern getragen die Treppenstufen hinunter. Langsam fuhren wir durch die Stadt, auf der Suche nach einem Café oder ähnlichem. Wir suchten vergeblich, so etwas hatte es nicht in dieser Stadt, zumindest nicht für uns findbar. Was wir fanden, waren aus rohen Brettern zusammengenagelte Stände entlang der Straße. An denen wurden Fladenbrot, Würste und Käse gehandelt. Davon kauften wir uns reichlich für ganz wenig Geld, fuhren aus der Stadt und fanden ein wunderschönes Plätzchen in den Bergen vor Tetovo. Eine idyllische kleine Lichtung, die von einen leise murmelnden Bach geteilt wurde. Das Frühstück war ausgiebiger Höhepunkt unserer bisherigen Reise. Der Bach spendete glasklares Wasser für eine ordentliche Morgenwäsche und für den Kaffee, den wir uns in unserm Kochgeschirr auf einem winzigen Spiritusbrenner zauberten.

Frühstück auf einer Lichtung im Kosovo
Wir verzichten auf das sicher reichhaltige Frühstück im Hotel, lieber laben wir uns gemütlich am Wegesrand in den Bergen vor Tetovo.

Kosovo Landschaft
Überall Landschaft - Menschen sahen wir selten.

Strasse im Kosovo
In Teilen sind die Straßen gar nitt schlecht

Unterwegs zum Ohrid-See
Unterwegs zum Ohrid-See

Pause und Kartenstudium
Wo bitte geht's hier weiter?

Am Ohrid. Groß und mächtig liegt er im Dunst.
Am Ohrid. Groß und mächtig liegt er im Dunst.

Durch wildes, gebirgig zerklüftetes Gelände führte unsere Reise weiter zum Ohrid See. Die Straßen wurden wieder befahrbarer und luden ein, ein wenig mehr Gas zu geben. Kurz vor dem See überquerten wir mit schon wieder ordentlichem Tempo eine Hügelkuppe: Dahinter, für mich erst unmittelbar vor dem Kamm mit sofort schreckgeweiteten Augen zu sehen: Eine in wenigen Metern Entfernung stehende, durchaus ansehnliche Kuhherde. So um die 25 schwarz­bunte Tiere mögen es gewesen sein. Verteilt auf der ganzen Straße. Und dem Randstreifen. Eng bei­ein­an­der­ste­hend. Wie unsere de­fi­ni­tiv mitreisenden Schutzengel es schafften, die Maschine entgegen aller physikalischen Gesetze unmittelbar vor den mit gesenktem Köpfen in unsere Richtung stierenden Tieren zu stoppen, haben wir nie erfahren. Einige quittierten unser plötzliches Erscheinen mit einem gelangweilt klingenden ›Böh‹. Unendlich dankbar waren wir den Engeln und überquerten Hügelkämme aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen ab sofort mit deutlich reduzierter Geschwindigkeit.

Ein kleiner "Grand Canyon"
"Grand Canyon", wenn auch nur ein kleiner

Die griechische Grenze erreichten wir an einem späteren Abend. Unwirklich lag sie da, wieder am Ende einer dunklen Schotterpiste. Die Größe der Anlage war durch nichts zu rechtfertigen, ganz sicher nicht durch den zu ihr führenden Feldweg. Taghell erleuchtet das gesamte Abfertigungsareal. Wir wurden sowohl aus Jugoslawien freundlich ver­ab­schie­det, als auch sehr herzlich in Grie­chen­land aufgenommen. Die Zöllner beider Nationen unterbrachen die Kontrolle eines einsam wartenden Lkw gern für einen kurzen Moment, um sich die beiden Exoten anzusehen, die da mit schwer beladenem Motorrad in der Dunkelheit eintrafen. Mit Durchfahren des Schlagbaums rollten wir wieder auf Asphalt. Wenige Kilometer hinter den Grenzanlagen sahen wir auf einem Hügel ein warm beleuchtetes Hotel. Einige Tage war für uns keine anständige Körperpflege möglich gewesen – schon deshalb zog es uns auf den Hügel. Ein Haus wie im Bilderbuch fanden wir vor. Alles hell, alles sauber, ein perfekt deutsch sprechender, freundlicher junger Mann hinter dem Rezeptionstresen und ein Zimmer mit gestärkter Bettwäsche und scharfen Bügelfalten. Im Badezimmer flauschige weiße Handtücher. Das WC-Becken glänzte in reinstem, hellen Porzellan. Ein Paradies. Frisch geduscht schliefen wir lange und selig.

Erster Blick auf die Meteora-Klöster in Kalambaka
Erster Blick auf die Meteora-Klöster in Kalambaka

Auch diese Kleinstkapelle gehört zur Klosteranlage Kalambaka
Auch diese Kleinstkapelle gehört zur Klosteranlage

Klosteranlage Kalambaka
Anstrengendes Leben hier in den Klöstern - so scheint es zumindest

Die Weiterreise bot auch hier in Griechenland spannendes, karg be­wach­se­nes gebirgiges Gelände. Wir machten einen Abstecher zu den Meteora-Klöstern in Kalambaka und aus purer Lebensfreude knüppelte ich irgendwo auf der Strecke abseits der Straße eine langsam immer steiler ansteigende Bergwiese hoch. Das musste sein, ich konnte nicht anders. Dort oben eine Rast – das hätte was! Die Honda nahm mir das gehörig übel. Ich hatte ihre bergsteigerischen Fähigkeiten erheblich überschätzt. Bald kam der Moment, da ging es nicht weiter. Das Ding stand stille, neigte sich langsam, aber doch schneller als ich reagieren konnte, auf die Seite und fiel um. Unter sich begrub es meine liebe Frau, die so gar keine Chance gehabt hatte, adäquat zu reagieren und sich zu retten. Ich befand mich unverletzt rittlings über Frau und Maschine, trat fix einige Schritte beiseite und konnte mich vor Lachen nicht mehr auf den Beinen halten, zu drollig war der Anblick der verschreckt drein­blick­en­den Ehefrau unter Gepäck und Motorrad. Es dauerte eine lange Weile – dann konnte sie nicht anders – sie lachte mit.

Glücklicherweise gab es keinerlei Schäden an der Frau und nur kleinste am Transportgerät. Die waren mit wenigen Handgriffen gerichtet. Dras­tisch gelitten hat allerdings mein Ansehen als versierter Zweiradfahrer, mitleidsvoller Zeitgenosse und Ehemann. Das von mir so spontan geplante Picknick fand später an­dern­orts statt.

Wolken in 1.705 Metern Höhe auf der Paßstraße bei Katara
Eisiger Wind und dichte Wolken in 1.705 Metern Höhe auf der Paßstraße bei Katara

Ein verfallenes Gebäude lädt uns zur Rast
Ein verfallenes Gebäude lädt uns zur Rast

Kurz vor dem Regen
Danach erwischt uns nach langer Zeit wieder dicker, fetter Regen

Dicker Regen erwischte uns noch, später eisig windige Kälte auf gut 1700 Metern Höhe und dann lag der Fährort Igoumenitsa vor uns an der Küste. Korfu konnten wir von hier schon sehen. Langgestreckt hügelig lag die Insel nicht zu weit entfernt im Wasser. Wir setzten über, meine Spannung stieg minütlich. Wie würde es aussehen, das Schiff? Mein Schiff? Wie wäre der Zustand? Das einzige Foto, das ich aus dem ›Wa­ter­kam­pion‹ kannte, sagte nicht zuviel aus – der Optimist ahnte klassische Linien der fünfziger Jahre und einen dunkellackierten Rumpf.

Fähre nach Corfu
Die Fähre nach Corfu

Blick auf die Insel Corfu
Ein schon naher Blick auf die Insel

Am späten Nachmittag legte unsere Fähre an, beinahe als erste durften wir das Schiff verlassen und standen im Hafen von Korfu-Stadt. Wir hatten uns informiert – zu meinem Traumschiff ging es die Küste entlang nach Nordwesten, nur wenig weiter war es bis zu dem Campingplatz, auf dem wir übernachten wollten. Was lag näher – zuerst zu dem kleinen Hafen, Gouvia hieß er. Eine kleine viertel Stunde fahren und wir standen an einer Betonmole mit einigen Booten. Für damalige Zeiten waren es recht moderne Risse. Schön war er nicht, der Hafen. Zu sehen war niemand – doch, eine barbusige Frau saß auf einem Schiff und las. Ein Boot, das meinem Traum auch nur entfernt ähnelte, war nicht zu sehen. Also hin zu der knapp mittelalten Dame.

››Hello, how are you...‹‹ Schon nach wenigen Worten stellte sich heraus, sie war Niederländerin und sprach deutsch so gut wie wir.

Nein, sagte sie, ein älteres Boot kenne sie nicht, sie habe auch nichts gesehen. Hier würde keines liegen, da sei sie sicher. Sie und ihr Mann seien schon einige Tage da. Aber, vielleicht wisse der Vercharterer ja etwas. Er käme morgen wieder, wäre jetzt wohl mit seinen Leuten an einer anderen Station.

Wie der Mann denn hieße, fragte ich.

››Rob, ja ganz sicher Rob, den Nachnamen kenn ich nicht.‹‹

Ich hatte keine richtig gute Laune mehr. Hatte mir das anders vor­ge­stellt. Aber ein Lichtblick zu­min­dest, der Name passte. Mit einem Rob hatte Karel telefoniert und später auch ich.

Gouvia Marina
Die Laune ist im Keller

››Du, lass uns weiter. Wir müssen das Zelt noch aufbauen und Hunger hab ich auch. Komm.‹‹ Sie ist so fürs Praktische, meine liebe Frau.

Wir dankten für die Auskunft, wünschten einen schönen Abend und setzten uns auf unser Maschinchen.

››Ärger dich nicht, wir wollten doch eh nur gucken und morgen ist auch noch ein Tag‹‹, versuchte Conny zu trösten. ››Lass uns ruhig gegen Mittag noch mal hinfahren.‹‹

››Ja, okay.‹‹ Ich war einsilbig ge­wor­den.

Der Campingplatz war schön, er lag direkt am Wasser, den Platz für unser Zelt konnten wir uns aussuchen. Es war fix aufgebaut, das Igluzelt. Dafür allerdings bot es auch nicht zuviel Wohnkomfort.

Campingidylle auf Corfu
Campingidylle in angenehmer Umgebung

Frühstück genossen wir nach dieser ersten Nacht auf Korfu auf unseren Badematten sitzend, Stockbrot und ein paar andere Leckereien hatte man uns gern im zum Platz gehörenden Kiosk verkauft. Das Wetter war sonnig und lau. So schlecht ging es uns nicht.

Frühstück vor dem Igluzelt auf Corfu
Frühstück vor dem Igluzelt

Frühstück auf Corfu
Wann endlich können wir los zum Hafen?

››Wann wollen wir denn los zum Hafen?‹‹, drängelte ich.

Ach, das hätte doch Zeit. Erst ein bisschen die Insel ansehen und dann, am Nachmittag könnten wir mal längsschauen am Hafen.

Ja, aber, ich hätte mir das so schön vorgestellt, bei dem Preis ein Boot hier in Griechenland. Es gäbe doch ganz günstige Flüge heutzutage. Da könnte man doch häufiger run­ter­flie­gen und wunderschön Urlaub machen.

Ich würde doch wohl den Knall nicht gehört haben, wie das denn gehen solle? Und wenn wir erst mal Kinder hätten? Wie ich mir das vorstellte? Sollten wir die denn im Körbchen transportieren, vielleicht gar im Ge­päck­netz lagern? Nun wär's doch wohl genug. Und wer in der Zeit die Firma machen sollte? Immer wollte ich das doch meiner Mutter wohl nicht aufhalsen!

Die Diskussion entwickelte sich un­gün­stig, mindestens für mich. Ich musste deutlich vorsichtiger agieren, das war klar.

Am Nachmittag fuhren wir endlich zur Mole, vorher kurvten wir auf der wirklich attraktiven Insel umher, hatten Etliches gesehen und waren in den verwinkelten Gassen von Korfu-Stadt spazieren gegangen. Conny kannte viele Ecken hier, konnte mir einiges erzählen. Natürlich war ich hoch­in­ter­es­siert, hing für sie merkbar an ihren Lippen.

Wieder quoll der kleine Hafen nicht über vor Menschen, die Holländerin sahen wir sofort, heute nicht barbusig, aber gemeinsam mit einem gut­aus­se­hen­den Mann in der Plicht sitzend. Sie erkannte uns und winkte. Wir stoppten bei den beiden und man bat uns aufs Boot. Der Mann, so um Mitte vierzig, wurde als ihr Ehemann Jan vorgestellt. Die beiden machten eine Woche Urlaub, konnten aber mit ihrem Schiff nicht los, weil sie vor kurzem einen unter Wasser liegenden Felsen erstens, übersehen und zweitens heftig gerammt hatten und dabei das Boot erheblichen Schaden nahm. Sie warteten jetzt auf den Gutachter, wie sie erzählten.

Eine meiner ersten Fragen war natürlich die nach meinem Boot gewesen.

Der Ehemann wusste tatsächlich mehr als gestern seine Frau. Er habe vorgestern noch mit Rob gesprochen und der habe ihm erzählt, dass zwei Deutsche kämen, das wären ja vermutlich wir. Und die beiden wollten sich den alten Segler ansehen, den er hinten in der Bucht liegen habe. Vielleicht würden sie das Ding ja kaufen.

Ja aber wo er denn wäre, der Rob, wollte ich zu gerne wissen.

Er sei definitiv morgen wieder da, könnte gar nicht anders sein, denn übermorgen, das wüsste er genau, würden zwei Boote verchartert, erzählte Jan.

Gut, ich war ein wenig versöhnt. Wir hatten uns auch nicht auf den Tag genau angekündigt.

Wir saßen gemütlich beisammen, hatten uns einiges zu erzählen und beschlossen nach runden zwei Stunden, gemeinsam essen zu gehen. So wurde es gemacht. Ein kurzweiliger früher Abend.

››Siehste‹‹, sagte ich Conny später, ››die fliegen auch häufiger hier runter.‹‹

››Der ist auch Zahnarzt‹‹, war ihre knappe Antwort. Sie hatte recht. Das hatten die beiden im Gespräch erwähnt.

Am nächsten Tag ging es früher zum Hafen rüber, der Weg war fix zurückgelegt, der Campingplatz von Ipsos war ja nur wenige Minuten entfernt. Heute lag eine weitere Yacht im Hafen, runde fünfzehn Meter lang, ein wirklich schönes stabiles Schiff.

Dorthin wandten wir uns. Auf dem Vorschiff stand ein großer, deutlich gebräunter Mann mit drahtiger Figur. Sofort wurden wir herzlich und in deutscher Sprache mit dem so typisch freundlich holländischem Akzent begrüßt.

Er sei Rob, es täte ihm leid, dass wir uns erst heute träfen, aber er habe ja nicht gewusst, wann genau wir einträfen und er hätte ja nun zwei Charterbasen, diese kleine hier und ein weitere drüben auf dem Festland. Wir müssten bitte entschuldigen. Sie seien vor gut zwei Stunden ein­ge­trof­fen, weil hier morgen zwei seiner Schiffe vermietet würden und nachdem Jan ihm vorhin Bescheid gesagt habe, hätte er sofort zwei Männer losgeschickt um die ›Swan of Durgerdam‹ zu holen. Die müssten bald ankommen mit dem Boot. Solange sollten wir uns doch bitte zu ihm setzen und etwas trinken.

Swan of Durgerdam auf Corfu
Gar nicht so schlecht aus der Distanz

Nach einer halben Stunde kam sie langsam in die Bucht, die ›Swan‹ – ich sah sie sofort, der Rumpf war blau. Mehr war noch nicht auszumachen, noch war sie zu weit entfernt. Bald schon, jetzt war sie auf gut hundert Meter heran, war erkennbar, die Jüngste war sie nicht mehr. Bei fünfzig Metern wurde klar: Eine Schönheit war sie beileibe nicht, die Kajüte zu hoch, keine guten Proportionen. Und am Steg liegend, die beiden Männer machten das Boot mit kundiger Hand fest und sprangen von Bord, war klar, auch der Pflegezustand war nicht der Allerbeste. Insgesamt kein rein positiver erster Eindruck. Ich war nicht glücklich, hatte ich mich doch auf die Distanz zwischen Heimat und hier, verliebt in diesen preiswerten Traum. Und nun das!

Swan of Durgerdam auf Corfu
Ein Blick aus der Nähe - Naja...

Conny merkte wohl als Erste, dass ich nicht restlos begeistert war. Ich glaube sicher zu wissen, sie erleichterte meine Reaktion ein Stück weit.

Rob ließ sich wie folgt ein: ››Guckt sie euch in Ruhe an. Schaut alles durch. Und ihr wisst schon, dass ihr für das Geld nicht allzuviel erwarten durftet. Oder? Und egal wie ihr euch entscheidet, solange ihr auf Korfu bleibt, könnt ihr gratis in einem meiner Charterboote wohnen. Auf dem Campingplatz braucht ihr nicht mehr zu übernachten. Nur segeln dürft ihr damit nicht. Wegen der Ver­sich­e­rung.‹‹

Es folgte Dreierlei: Erstens eine erste nähere Inaugenscheinnahme der ›Swan of Durgerdam‹, zweitens ein von uns beiden gern bewältigter Umzug auf ein recht modernes Kunststoffschiff mit viel Komfort und drittens eine bis in die tiefe Nacht dauernde, nicht ausschließlich harmonische Unterhaltung eines noch nicht zu lange verehelichten Paares.

Punkt Eins war ein überwiegend ernüchterndes Erlebnis. Weniger Hart­ge­sottene hätten die Besichtigung spätestens nach einem kurzen Blick in die Kajüte abgebrochen. Bis vor einigen Monaten hatten ganz eindeutig Menschen an Bord dieses Bootes gelebt. Unübersehbares Indiz dafür waren nennenswerte Le­bens­mit­tel­vor­räte, die sich fast aus­nahms­los im Zustand fort­ge­schrit­tener Ver­we­sung be­fan­den. Schim­mel­pilz­ku­ltu­ren in un­ter­schied­lichen farb­lichen Aus­prä­gun­gen zwi­schen grün und schwarz besiedelten alles, was ehemals für den menschlichen Ver­zehr ge­eig­net war. Zudem herr­schte eine gewisse Unordnung. Genau so, als sei ein überhasteter Auszug der Mannschaft erfolgt. Wenn es so war, kann Nahrungsmangel kaum der Grund dafür gewesen sein.

Die Einrichtung war berechtigt als karg zu bezeichnen. Zwei lange Bänke durchzogen die Kajüte. Nach hinten setzten sie sich unter der Plicht fort. Zwischen den Bänken war unter der Plicht ein kleiner Dieselmotor montiert. Schalldämmende Maßnahmen für die Maschine hatte man sich verkniffen. Vor dem Schott zum Vorschiff an Steuerbord eine kleine Pan­try mit Spül­becken und zweiflammigem Gas­kocher. Hinter dem Schott das mit rohen Brettern notdürftig ausgebaute Vorschiff mit einem offen liegenden Wassertank und Pump-WC. Auf einen Salontisch hatte man verzichtet. Der Ausbau insgesamt war als über­schau­bar und karg zu be­zeich­nen. Ausgesprochener Luxus in dieser Umgebung war ein an das Schott gebundener Gaskühlschrank. Auch der gefüllt mit vormals Ess­ba­rem.

Von allem nur das Allernötigste
Von allem nur das Allernötigste

Außen, ich erwähnte es schon, gab es wenig ansprechende Proportionen, in der Plicht fanden sich grobe Holzsitzbänke und eine Pin­nen­steu­e­rung. Die Pinne war solide. Holzmast und Baum konnten als technisch in Ordnung bezeichnet werden, Segel waren nicht an­ge­schla­gen, sie lagen im Vorschiff. Wir hatten die Säcke schon zur Kenntnis genommen.

Vorschiff und Badezimmer - es geht mehr Komfort
Vorschiff und Badezimmer - es geht mehr Komfort

Elektroverteilung Swan of Durgerdam
Die Stromverteilung. Untergebracht in einem Zigarrenkasten

Maschinenraum Swan of Durgerdam
Auch kein Lichtblick - Motorraum mit Maschinchen

Pantry Swan of Durgerdam
Die Pantry geht doch eigentlich

Nach einer guten halben Stunde brachen wir unsere Bootserkundung ab, wir wollten jetzt erst unseren Umzug organisieren. Conny kam das mehr als entgegen. Wir können es abkürzen, Punkt zwei war fix erledigt und bescherte uns ein recht ge­müt­lich­es Plastik­heim mit or­dent­lichen Bet­ten und einer an­stän­di­gen Pantry.

Pantry
Zum Vergleich die Küche in unserem Hotelschiff

Zu Punkt drei müsste ich lange berichten. Sie erinnern sich, es geht um das Gespräch zwischen den Eheleuten. Ich möchte mit Ihrem Einverständnis und aus Dis­kre­ti­ons­grün­den darauf verzichten; es würde kein ausschließlich positives Licht auf mich werfen, ginge ich in diesem Punkt zu sehr ins Detail. Nur soviel: Die Unterhaltung dauerte tatsächlich lange, wurde von einem eher schweigsamen Abendessen in einem Restaurant unterbrochen und hatte grob umrissen das folgende Ergebnis:

Es ist unmöglich daran zu denken, die ›Swan of Durgerdam‹ hier in Griechenland als schwimmendes Hotel zu nutzen, ebensowenig als Segelboot mit einem hinreichenden Er­ho­lungs­wert für die Besatzung. Insofern konnte ich das Buch zumachen. Ein klarer Punktsieg für meine liebe Frau. Aber – und das war ein kleiner Lichtblick für mich, wir würden den morgigen Tag und wenn es zweckmäßig erschien, noch einen weiteren, für Aufräum- und Putz­ar­bei­ten in­ves­tieren. Dann wür­den wir, je nach Er­geb­nis, eine Entscheidung treffen. Ich ging insoweit nicht als völliger Verlierer vom Platz.

Wir putzten, warfen weg und insbesondere Conny schüttelte häufig energisch den Kopf. Unglaublich, kompletter Schwachsinn, schien sie zu denken. Je weiter wir vordrangen, umso deutlicher wurde ihre erste Einschätzung bestätigt: Gemütlich war die ›Swan‹ nicht im geringsten. Meiner Einschätzung nach war sie wohl mindestens eines, nämlich recht stabil. Und wie es kommen musste, weniger Dank meines Charmes, als mehr meiner ständigen Bettelei wegen: Bar jeder Vernunft kaufte ich in einem Anfall völliger Idiotie den Kahn, konnte sogar noch marginal nach unten verhandeln und zusätzlich das Winterlager und das ›ins-Wasser-setzen‹ im kommenden Frühjahr herausholen und war felsenfest überzeugt, einen ordentlichen Handel zu meinem unbedingten Vorteil abgeschlossen zu haben. Mein Plan für die Zukunft war genial einfach.

Swan of Durgerdam wird aus dem Wasser geholt
Eine nur wenig stolze zukünftige Schiffsbesitzerin

Ich würde im Mai gemeinsam mit einigen Freunden nach Griechenland reisen und wir segelten dann das Schätzchen mit wechselnden Crews nach Deutschland. Sollte ja wohl kein Problem sein für uns. Danach machten wir das Schiff fix und mit geringem Aufwand wieder schick. Machten aus dem hässlichen Entlein einen echten Schwan. Wir hätten dann, so war meine Argumentation, preiswert ein quasi neues Schiff und obendrein eine spannende Segelreise in die Heimat. Die Ehefrau stand nicht uneingeschränkt hinter meinen Plänen, trug sie aber trotz all ihrer Skepsis schweren Herzens mit.

Swan of Durgerdam geht ins Winterlager
Es könnte noch schlimmer aussehen

Wir waren hier fertig auf Korfu – wir konnten langsam nach Hause reisen. In der Rückschau, das will ich an dieser Stelle deutlich machen, war die Reise eine der unbedingt schönsten unserer bisherigen Ehe. Abziehen müssen wir lediglich die beiden Räum- und Putztage.

Winterlager auf Corfu
Tja - kann man sowas nun kaufen?
Heute sage ich: Man kann, aber sollte keinesfalls.

Honda CB 500 und Mannschaft vor der Rückreise
Kurz vor dem Start zurück in die Heimat

Unsere Heimreise planten wir über Italien. Wir nähmen die Fähre nach Brindisi und bewegten uns dann nordwärts. Also ging es eines späten Nachmittags auf den kleinen offenen Übersetzer nach Igoumenitsa. Dort wurden wir von einem auf der Fähre tätigen Matrosen fast akzentfrei in unserer Sprache angesprochen. Warum, haben wir uns immer wieder gefragt, eine Antwort auf die Frage fanden wir in all den Jahren seitdem nicht. Vielleicht wollte er einfach sein Deutsch polieren.

Woher wir kämen? Was für Pläne wir denn hätten? Und so dies und das.

Wir gingen morgen früh auf die Fähre nach Brindisi, antworteten wir.

Ach, da hätten wir ja noch Zeit. Und er, er hätte jetzt gleich Feierabend und würde noch in eine Kneipe wollen. Und wenn wir doch sowieso kein Hotel gebucht hätten, erst morgen früh weiter müssten, könnten wir ihn doch begleiten. Ob wir Lust nicht hätten?

Hochskeptisch waren wir – lässt man sich doch nicht einfach von fremden Männern ansprechen, so hatten wir's gelernt. Aber in diesem Fall – wir waren ja zu zweit. Was sollte schon passieren? Also sagten wir zu und begleiteten ihn, ständig aufmerksam nach allen Seiten sichernd. Im Falle eines überraschenden Angriffs wollten wir unsere Haut so teuer wie eben möglich verkaufen.

Durch verwinkelte Gassen mar­schier­ten wir ein gutes Stück und landeten tatsächlich vor einer Kneipe. So war's ja auch versprochen. Unser Moped wurde aufgebockt – wir brauchten keine Angst zu haben, hier käme nichts weg, sagte unser griechischer Freund. Drinnen helles Neonlicht, schimmelgrün gestrichene Wände, eine hässliche Theke aus Glas und Chrom, einfache Tische mit Resopalplatten und hölzerne Stühle, wie wir sie aus unseren Amtstuben vor vielen, vielen Jahren kennen. Was unbedingt fehlte, war jeder Hauch von Gemütlichkeit. Einige der Tische waren gut besetzt, an der Theke standen viele Menschen beiderlei Geschlechts. Und alle kannten ganz offensichtlich unseren Begleiter. Die Stimmung, das war sofort erkennbar, war fröhlich und locker. Wir wurden an einen der Tische in Raummitte gesetzt.

Wir zwei seien, rief unser Freund in den Raum, neue Freunde von ihm. Er habe uns gerade auf der Fähre kennengelernt und wir wären auf dem Weg nach Deutschland. Morgen früh ginge unsere Fähre und nun, heute Abend, sollten wir es gemütlich haben unter netten Menschen. Und, in dem Punkt sei er sicher, wir hätten Hunger und den nicht zu knapp.

››Herr Wirt,‹‹ rief er, ››bringe er, was die Küche hergibt.‹‹

Es war ein großes Hallo, alle An­we­sen­den begrüßten uns freund­lich und unser Tisch füllte sich nach kurzer Zeit mit etlichen griechischen Speisen, es gab Tintenfischringe, Salate, Brot und alles mögliche. Dazu Wein und wenn wir wollten, selbstverständlich Bier. Wir aßen und tranken mit riesigem Appetit und unterhielten uns prächtig. Unser Freund sprach wirklich or­dent­liches Deutsch und ansonsten benutzten wir Hände und Füße oder auch englische Brocken. Nach dem Essen wurde die Musik lauter, Wein und Bier flossen in Strömen und wir fanden uns bald Polonaise tanzend in einer wilden Horde ausgelassener Menschen wieder. Es ging über Tische und Bänke, durch die Küche, die Flure und die Toilettenanlagen. Mit zunehmendem Alkoholpegel erwarben wir sogar, Sie werden es kaum für möglich halten, temporär rudimentäre Fähigkeiten in der griechischen Sprache. Unsere neuen Freunde und Freundinnen rechneten uns das hoch an.

Ein unvergleichlicher Abend, einer, den wir nie vergessen werden – ob wir überhaupt einen Cent bezahlt haben für dieses herrliche Vergnügen, wissen wir nicht wirklich. Jedenfalls waren unsere Geldvorräte, wie wir am Morgen ebenso verblüfft wie verkatert feststellten, nicht merkbar ge­schrum­pft. Wir konnten uns auf der Fähre nach Brindisi sogar eine infernalisch laute Kammer in un­mit­tel­ba­rer Nähe zum Ma­schi­nen­raum leisten. Das war auch notwendig, denn den kurzen Rest der Nacht hatten wir in einem Park verbracht. Wir schliefen auf unseren Strandmatten zwischen immer noch grünen Büschen gemeinsam mit einigen herrenlosen Hunden. Die störte unsere Ge­sell­schaft nicht son­der­lich.






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