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Ich war anderer Meinung - Corona


03.04.2020 | © pt

Während Frau Cornelia sowohl positiv als auch negativ diskutierte Behelfsmasken für karitative Einrichtungen näht, habe ich es mir leicht gemacht und meine Sicht zur Co­ro­na­krise "COVID-19" aufgeschrieben.

 

Bis vor etwa drei Wochen sah ich die Dinge völlig anders: Wieder ein Hype, hochgeschrieben, hochgefilmt und hochkommentiert. Wieder eine Sau, die durchs Dorf getrieben wird, genau solange, bis sich die nächste quotenverheißende am Waldrand zeigt.

Und das, wo es doch so erheblich drängendere Probleme gibt, beispielhaft nannte ich Tausende unter erbärmlichen Bedingungen da­hin­ve­ge­tie­rende Flüchtlinge auf Lesbos, aktuell mehr als einhunderttausend Flüchtende und vom Tod bedrohte Menschen in Syrien, totalitär anmutende Verhältnisse in Ungarn, Tschechien, Slowenien und Polen, also unserer Europäischen Union und so dies und das.

Was waren dagegen maximal 20.000 zusätzliche Tote bezogen auf unser Land durch das Corona-Virus, meist alt und ohnehin vorerkrankt. Auch im Vergleich zu den in größerer Anzahl jährlich an Grippe und resistenten Krankenhauskeimen versterbenden Menschen. In der Sterbestatistik wären diese vermuteten 20.000 Coronatoten doch kaum aufzufinden, nur ein Klacks – im schlim­msten Fall 2,5% der Gesamtversterbenden eines Jahres.

Und dafür der unabsehbare volkswirtschaftliche Schaden, hervorgerufen durch die geplanten Maßnahmen, ich brauche sie hier nicht aufzuzählen, jedem sind sie bekannt. Nein, das stünde nicht dafür – sei nicht vertretbar, ein Verbrechen nachgerade an den Menschen, die die Zeche am Ende zu bezahlen hätten.

Genauso dachte und argumentierte ich. Und war sicher das zu dürfen, bin ich doch selbst deutlich älter als der Durchschnitt, nicht gänzlich frei von sogenannter Vorerkrankung und argumentierte insofern ein wenig selbstverachtend aus einer, statistisch betrachtet, für mein eigenes Überleben schlechten Position.

Dann, ausgelöst wodurch vermag ich nicht zu sagen, diskutierte ich noch einmal neu und nur mit mir - und kam zu einer überraschenden Er­kennt­nis:

Letztlich geht es um ein ethisch-moralisches Problem. Es geht um Menschenleben – einzelne, zählbare Menschenleben. Jedes dieser Leben hat ein Gesicht. Und eine Frage sollte nie gestellt werden müssen, nämlich:

Wer darf überleben? Deine Mutter? Mein Bruder? Der Penner, der Intellektuelle, der Wirt­schafts­ka­pi­tän? Du oder ich?

Damit niemand diese Frage zu stellen und/oder, schlimmer noch, zu beantworten hat, ist richtig, was getan wird, denn sicher ist eines. nie wird es genügend Kapazitäten geben, um jeder Eventualität vorbeugen zu können. Im aktuellen Corona-Fall sprechen wir über Beatmungsgeräte, Betten, Betreuungspersonal. In einem Nächsten sicher über völlig anderes. Darum ist es, für mich überraschend, gut und richtig, wie von der Politik ohne sichtbaren Zank gehandelt wird, und es ist in hohem Maße erfreulich, dass Sachverstand hinzugezogen und diesem, in verschiedene Richtungen abwägend, gefolgt wird.

Eine leider seltene Sternstunde der Politik – eine, die mit manchem versöhnt.

Wir werden noch eine Weile ausharren müssen und vorsichtig miteinander umgehen, nach Möglichkeit, ohne in einigen Tagen zu beginnen, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen – was immer es am guten Schluss auch kostet.

Natürlich wird am Ende manches falsch ent­schie­den worden sein, möglicherweise hätte der Frisör die geliebte Haarpracht schon vor zwei Tagen wieder schneiden, legen, fönen, gelen können, oder Herrn Rossmann hätte man verbieten müssen, neben Seife und Klopapier auch Spielzeug und Eierkocher zu verkaufen. Vielleicht hätte man verfügen sollen, dass der öffentliche Verkehr nur mit Mundschutz und Handschuh betreten werden darf. Möglicherweise hätten die Zugtaktungen erhöht gehört. Geschenkt! Für den Moment ist es richtig, wie es ist.

Einen Punkt habe ich noch, wenn es gestattet ist. Unterstellt, dass wir es schaffen - auch weiterhin - uns in dieser Krise so moralisch anständig zu verhalten, wie es den Anschein hat, dann sollten wir in der Lage sein, auch andere Themen anzufassen und ähnlich pragmatisch und ethisch einwandfrei zu lösen. Einige auf Lösungen harrende Beispiele seien aufgezählt:

Wie wollen wir es halten mit der EU, mit unserem Europa? Wollen wir uns weiterhin eitel und kleinlich egoistisch auf unsere nationalen Interessen berufen, um mittelfristig, Staat für Staat, weltpolitisch in der Bedeutungslosigkeit zu versinken? Oder wollen wir endlich ehrlich und stark für ein wirklich einiges und solidarisches Europa kämpfen, in dem nationalistische Tendenzen drastisch sanktioniert werden, das außenpolitisch eine Sprache spricht, regionale Eigenheiten zulässt und stärkt, den Menschen den Glauben an die Wichtigkeit und In­te­gra­ti­ons­kraft dieses Staatenverbundes durch gerechtes Handeln zurückgibt und Kraft seiner Einigkeit in einer Welt der Trumps, Xis und Putins ernst genommen wird?

Wie soll es weitergehen mit dem un­er­schüt­ter­lich­en Glauben an ewiges Wachstum auf unserer Erde angesichts einer zwar langsamer, aber weiter wachsenden Welt­be­völ­ke­rung von runden siebenkommafünf Milliarden Menschen derzeit, begrenzten Ressourcen in jeglicher Hinsicht (Wind und Sonne nehmen wir mal aus) und dem verständlichen Wunsch des abgehängten Teils der Menschheit, zumindest annähernd unseren westlichen Wohlstand zu erreichen? Ist ein weiteres Propagieren von Wachstum vor diesen Hintergrund und angesichts eines kippenden Weltklimas sinnvoll, oder braucht es vielleicht eine neue Sicht der Dinge? Und zwar auch aus der Überlegung heraus, dass wir nur durch andere Verteilung in der Lage sein werden, Mi­gra­ti­onströme in „unseren“ Teil der Welt dauer­haft zu verhindern.

Wie geht es weiter mit der Bewertung von Arbeit und Leistung? Kann es angehen, dass da, wo vor vierzig bis fünfzig Jahren noch ein Ernährer ausreichte, eine mehrköpfige Familie ei­ni­ger­maßen anständig über die Runden zu bringen, heute in vielen Fällen zwei Verdiener nicht mehr ausreichen? Müssen wir nicht dringend nach­den­ken über Fragen der Besteuerung von Arbeit (menschlicher und maschineller), der Spreizung der Entgelte und die Gerechtigkeit unserer Steuersysteme überhaupt?

Wollen wir es zulassen, dass zunehmend größere Teile unserer Alten mit Ruhegehältern in ihren letzen Lebensabschnitt geschickt werden, die sie abhängig machen von mildtätigen Gaben der Mitmenschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, staatliches Versagen zumindest ein wenig zu kompensieren? Oder wollen wir die Aus­stat­tung der Alten mit würdigen Geldmitteln als gesamtgesellschaftliche Aufgabe ansehen und nachhaltige Konzepte zur Rentenversorgung erarbeiten? Beispiele dafür gibt es. Sogar in unserem so wenig solidarischen Europa.

Ich bin gespannt, ob meine Befürchtung zutrifft und wir uns ebenso wenig ausreichend wie die Politik um die wenigen genannten und vielen nicht angesprochenen Themen kümmern werden. Denn sie betreffen uns nicht unmittelbar, die davon ausgehende Gefahr ist gefühlt geringer, sie brennen nicht so unter den Nägeln wie die Corona-Krise und sind nicht so vermeintlich akut lebens- und existenzbedrohlich wie diese.

Und genau da unterliegen wir einem Irrtum, den ich mangels Fähigkeit nicht mathematisch beweisen werde. Ich behaupte, dass die Chance, durch das Coronavirus zu Tode zu kommen, wesentlich geringer ist als die Wahrscheinlichkeit, im Alter eine nicht auskömmliche und somit entwürdigende Rente zu erhalten.

Und ich behaupte weiter, ein letztes Beispiel, dass wir jährlich mehr vorzeitige Todesfälle aufgrund von Luftverschmutzung, ausgelöst durch unseren Umgang mit Ressourcen, zu verzeichnen haben, nämlich 80.000 in 2014 deutschlandweit (Quelle EEA), als wir durch Corona zu beklagen haben werden. Weltweit übrigens waren es im vergangenen Jahr 4,5 Millionen (Quelle CREA) Tote durch Luftverschmutzung.

Whatever it takes – wir sollten uns kümmern. Be­vor es gänzlich zu spät ist.




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